Gierige Augen – Vom Wunsch, alles zu sehen

„Ich habe einen Schnelllesekurs gemacht und Krieg und Frieden in zwanzig Minuten gelesen. Es hat etwas mit Russland zu tun.“ Dieser Witz aus Woody Allens Zeit als Bühnenkomiker ist schon über fünfzig Jahre alt und persifliert dennoch treffend eine Haltung, die sich auch heute noch größter Beliebtheit erfreut, vielleicht sogar eine neue Qualität erreicht hat. Eine, die alles konsumieren, an allem teilhaben, alles be- und verurteilen will, sich aber jeder Auswahl verweigert, jede Form von Aufwand scheut und keinen Unterschied zwischen Landkarte und Welt mehr macht.

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Gayby Baby

Was Kinder von ihren Eltern erben, geht weit über die reine Genetik hinaus. Der australische Dokumentarfilm Gayby Baby von Maya Newell begleitet ein halbes Jahr lang vier Kinder, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen. Dabei wird vor allem deutlich, wie die Gesellschaft um sie herum auch ihnen den Außenseiterstatus und die Lasten ihrer Eltern aufbürdet. Ihr Leben ist gleichzeitig Politikum und gewöhnliche Kindheit, vereint strahlende Symbolkraft und banalen Alltag. Dieses Spannungsfeld bildet auch Newell mit ihrem Film ab, der etwas unsicher zwischen der „reinen Darstellung“ und der Interpretation des Dokumentierten schwankt.

© Rise and Shine Cinema

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Flucht nach vorne – Das Kino des Sion Sono

Alles beginnt in der Heimat, die keine ist. Jede Geschichte im unaufhörlich expandierenden Filmuniversum des japanischen Regisseurs Sion Sono findet ihren Ursprung an Orten und in Zuständen, die ein Zuhause sein sollten, aber keines sind und auch nie mehr eines werden. Entweder sind seine Welten das Ergebnis einer vergangenen Kalamität (wie etwa in The Whispering Star) oder sie stellen selbst eine dar.

(Filmstill aus The Whispering Star; Copyright: Rapid Eye Movies)

(Filmstill aus The Whispering Star; Copyright: Rapid Eye Movies)

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The Witch

In Zeiten, in denen unser Bild des Glaubens durch seinen externen Terror bestimmt wird, erzählt Regisseur Robert Eggers von jenem, der sich nach innen richtet. Das Kino erlaubt, durch fremde Augen zu schauen. Im Fall von The Witch fällt der Blick durch die Linse des Puritanismus, der das vermeintlich leere Hinterland Amerikas im 17. Jahrhundert mit düsteren Phantomen füllt. Der Schrecken des Horror-Dramas speist sich aus einer Geisteshaltung, die selbst aus der trivialsten Tätigkeit einen Kampf um das eigene Seelenheil formt und jeden Moment des Zweifelns an den Grundfesten des Universums rütteln lässt. Eine, in der die für den modernen, aufgeklärten Menschen so abstrakten Ideen von Himmel und Hölle, Gott und Teufel, unumstößliche Wirklichkeiten sind.

©Universal Pictures Germany

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Kritik an der Schwarmkritik – Das Problem mit IMDb, Rotten Tomatoes und Metacritic

Menschen haben gerne Recht. Wie könnte es anders sein: Das Gefühl richtig zu liegen, ist angenehm und wiegt uns in der Sicherheit, dass unser Gehirn noch korrekt funktioniert. Psychologen beschreiben dieses Phänomen als „Funktionslust„. Vielleicht können Diskussionen deshalb so anstrengend sein, vielleicht fällt es deshalb schwer, Fehler einzugestehen: Weil jeder Irrtum das Gefühl gibt, defekt zu sein.

(Filmstill aus Findet Nemo; Copyright: Walt Disney Germany)

(Filmstill aus Findet Nemo; Copyright: Walt Disney Germany)

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Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn

Mary Shellys Roman Frankenstein mag fast zweihundert Jahre alt sein, der Kraft seiner zentralen Ideen tut das keinen Abbruch. Der Diskurs um künstliche Intelligenz und Fortschritte der Genetik macht die Geschichte des modernen Prometheus so aktuell, wie sie es im viktorianischen Zeitalter war. Eigentlich spricht nichts gegen eine filmische Neuauflage des bekannten Stoffes und dem zeitgenössischen Hollywood-Kino mit seinen Remakes und Reboots ist die Reanimation nicht fremd. Leider ist die unheilige Kreation, die Regisseur Paul McGuigan mit Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn geschaffen hat, von geradezu prometheischer Idiotie.

© Fox Deutschland

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Heaven Knows What

Glaubt man Lyriker Gottfried Benn, gibt es „nur zwei Dinge: die Leere/ und das gezeichnete Ich“. Er beschwört ein düsteres Bild der Welt, in der sich die Menschheit teilt, in jene, die am Abgrund stehen und die, die bereits abgestürzt sind. Das Drama Heaven Knows What der Brüder Joshua und Ben Safdie nimmt sich dem schmalen Grat dazwischen an und erzählt die Geschichte von Seiltänzern über dem Nichts.

© Mobile Kino

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