Rezension: Hitchcock

Irreführende Werbung

Alfred Hitchcock sitzt im Schlafanzug vor dem Fernseher, schaut einen Zeichentrickfilm und isst Eiskrem: Beim Anschauen von Hitchcock wird schnell klar, dass nicht das gezeigt wird, was man bei einem so schlichten, umfassenden Titel erwarten würde. Mit seinen 98 Minuten ist der Streifen keine erschöpfende Filmbiografie, kein Festhalten von Lebenswerk und Wirkung des Großmeisters für die Nachwelt. Sondern vor allem eins: Unterhaltsam.

Sascha Gervasi,  unter anderem Regisseur der sympathischen Metal-Dokumentation Anvil!, erzählt  die Geschichte der Entstehung des Horror-Thrillers Psycho. Nach North by Northwest entscheidet sich der damals sechzigjährige Filmmacher (verkörpert von Anthony Hopkins) für den düsteren, makaberen Stoff über Serienmörder Norman Bates und stößt dabei auf zahlreiche Widerstände: Produzenten zweifeln am Erfolg, der Zensor an der moralischen Vertretbarkeit von Duschszenen und der Darstellung von Toiletten und seine Frau Alma (Helen Mirren) würde lieber das Drehbuch ihres gemeinsamen Freundes Whitfield Cook (Danny Huston) umsetzten. Hitchcock entschließt sich, den Film selbst zu finanzieren.

Das Leben als Thriller

Präsentiert wird uns „Hitch“ als zweifelnder Künstler, der sich nach Anerkennung sehnt, als getriebener, verfolgt von den Geistern seiner eigenen Charakteren. Black Swan-Schreiber John J. McLaughlin geht so weit, Bates-Vorlage Ed Gein in Visionen auftreten zu lassen.

Gleichzeitig lernen wir Ihn als humorvollen, scharfsinnigen Beobachter und als alternden Lüstling mit einer Vorliebe für seine jungen, blonden Stars kennen (vor allem für Janet Leigh, gespielt von der verblüffend ähnlichen Scarlett Johansson).  Diese beiden Züge prägen die Beziehung zu seiner Frau, in den Zwiegesprächen der beiden wird ein großer Teil der Handlung erzählt. Die Dialoge des Films sind stets spitz und mit ihrem leichtfüßigen Humor das Herzstück des Films.

Die Eheprobleme der Familie Hitchcock lassen sie zu den Protagonisten ihres eigenen, persönlichen Thrillers werden. Obsessiv und voyeuristisch, stellenweise bedrohlich und aggressiv entsteht fast ein zweiter Norman Bates, alltägliche Handlungen wie Poolreinigung oder Telefonate werden zu Akten der Verschwörung. Dabei bleibt der Film jedoch stets eher oberflächlich, die Psyche der Charakter bleibt eine verschmitzte Hommage an die Werke des Meisters.

Masken bleiben Masken

Dies gilt auch für die Schauspieler: Wirklich wie Hitchcock sieht Anthony Hopkins, trotz aufwändiger (und Oscar-nominierter) Maske, nie aus –  nur wie ein dicker Anthony Hopkins. Auch das Hollywood der  fünfziger Jahre wirkt wie eine bunte Cartoon-Version, die Handlung wie eine nett erzählte Anekdote. Ein einfacher, mit viel Liebe erzählter Witz. Gervais bewundert den „Master of Suspense“ genug, um ihn nicht zu verklären. Er inszeniert Ihn zuletzt als einen Maestro des Schreckens, und wenn dieser gegen Ende tatsächlich die Schreie seines Publikums dirigiert, kann man das für albern oder respektlos halten. Wer ein realistisches Portrait erwartet, ist fehl am Platz. Wer eine verspielte Geschichte über die Liebe, nicht nur zum Kino, sucht, kommt voll auf seine Kosten.

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