Rezension: The Imposter

Die Illusion

Man könnte Betrug als das cineastischste unter den Verbrechen bezeichnen. Sowohl der Film als auch der Betrug verlangen von uns, dass wir die von ihnen geschaffene Illusion als wahr akzeptieren; wir müssen glauben wollen, dass die Menschen auf der Leinwand, und somit auch ihre Probleme, echt sind. Gelingt uns dies nicht, können wir nicht mit Ihnen fühlen. In gleicher Weise spielen Betrüger mit unseren Hoffnungen und Wünschen. Die Grenze zwischen Schauspieler und Betrüger verläuft fließen. In Bart Laytons Dokumentation „The Imposter“ lernen wir einen Mann kennen, der auch außerhalb der Leinwand schauspielert.

Der Film erzählt eine unglaubliche, aber wahre, Geschichte:  Als 1994 der dreizehnjähriger Nicolas Barclay auf dem Nachhauseweg verschwindet, ist seine Familie am Boden zerstört. Die Suche bleibt erfolglos und somit auch der Junge verschwunden. Vier Jahre später erreicht die Barclays ein Anruf aus Spanien mit der Nachricht, man hätte ihren Sohn gefunden. Wenige Tage später fliegt Nicolas Schwester nach Spanien und kehrt auch mit jemandem zurück – doch am stark veränderten Bruder wirkt vieles sehr merkwürdig.

Dichtung und Wahrheit

Erzählt werden diese außergewöhnlichen Vorgänge in einer Mischung aus typischen „Talking Heads“, Privataufnahmen der Familie und mit Schauspielern nachgestellten Szenen. Gerade Letzteres findet breite Anwendung, der Film bemüht sich stets darum, nicht nur die Ereignisse nachzuerzählen, sondern auch ihre emotionale Wirkung begreifbar zu machen. Ergebnis ist ein Hybrid aus Spiel- und Dokumentarfilm, der den Zuschauer bis zur letzten Minute für sich einnehmen kann, ihn in seinen Bann zieht und fasziniert. Die Interviewpartner sind auch im Rückblick auf die Ereignisse noch in der Lage, dem Zuschauer Gedanken und Gefühle authentisch darzulegen; alle Protagonisten sind sympathisch, ihre Motivationen nachvollziehbar.

Einzig die Häufigkeit, in der Begebenheiten nachgespielt werden, ist manchmal etwas störend: Mehr Originalaufnahmen und Mitschnitte hätten das Gesamtwerk sicher aufgewertet. Hätte man das Geschehene in einen reinen Spielfilm umgemünzt, man hätte dem gezeigten wohl wenig Glauben geschenkt.

Talking Heads

Schon am Titel ist zu erkennen, dass es sich bei dem Gefundenen nicht um den wirklichen Nicolas handelt, sondern um einen Hochstapler.  Spannung bezieht der Film also aus der Frage, wie lange es dauert bis der Schwindel auffliegt. Hierbei gelingt den Filmmachern ein brillanter Trick: Zu den Interviewten gehören neben Nicolas Familie auch der „Imposter“ selbst. Durch sein Charisma und seine einnehmende Art gelingt es, dass wir sowohl mit Ihm als auch mit den Angehörigen mitfiebern. Wir wünschen uns, dass die Familie die Wahrheit aufdeckt, sind aber auch hin- und hergerissen, wegen der Faszination die vom Ersatz-Nicolas ausgeht. Wir können für alle Involvierten zugleich Mitleid empfinden – Ambivalenz in Charakteren ist etwas, das nur wenige Dokumentarfilme wirklich nutzen. The Imposter erliegt zu keinem Zeitpunkt  der Botschaft oder der Moral.

Der Film tut vor allem eins: Er wirft Fragen auf. Wie konnte eine ganze Familie so getäuscht werden? Was ist mit Nicolas wirklich geschehen? Antworten werden keine Gegeben, selbst ob der Abschluss des Films als Happy End zu sehen ist, bleibt dem einzelnen Überlassen. Sicher ist, dass sich Niemand betrogen fühlen wird, wenn am Ende der Abspann läuft. Und dadurch zeichnet sich die gelungene Illusion schließlich aus.

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