Rezension: Heute bin ich Blond

Umbrüche

Zyniker könnten behaupten, Filme, welche mit deutschen Fördergeldern bedacht werden, müssen mindestens eines der folgenden enthalten: Migranten, Behinderte oder Krebs. Im Fall von Heute bin ich Blond, basierend auf wahren Begebenheiten und einem gleichnamigen Roman, handelt es sich um Letzteres. Erzählt wird die Geschichte der 21-jährigen Sophie (Lisa Tomaschewsky) die, kurz vor Beginn des Studiums und der damit einhergehenden, neuen Lebensphase, an Brustkrebs erkrankt. Die junge Frau findet verschiedene Mechanismen, um mit ihrer Krankheit umzugehen: Party und Exzess, Selbstreflektion und Schreiben, Liebe, Familie und Freundschaft und, man beachte den Titel: Perücken. In verschiedenen Frisuren und Haarfarben findet Sophie neues Selbstbewusstsein und entdeckt neue Facetten ihres Selbst.

Probleme

Krebskranke sind im Kino wahrlich kein neues Thema, Dramen mit dieser Thematik sind häufig und in ihren Konventionen ähnlich stark gefangen wie sonst nur der Sportfilm. Auch Heute bin ich Blond gelingt es sehr selten, aus dem klassisch-tradierten Schema auszubrechen. Die größte Schwäche des Films bleibt, nahezu keinen eigenen Gedanken zu fassen. Erwartungen werden erfüllt, überrascht oder gefordert wird der Zuschauer nie. Man hat das Gefühl, alles schon einmal gesehen zu haben – vielleicht besser, sicher origineller. Selten gelingt Regisseur Marc Rothemund (u.a. bekannt für Sophie Scholl) für das diffizile Thema geeignete Bilder zu finden, Ästhetisch geht das Gezeigt nie über einen Werbespot der deutschen Krebshilfe hinaus.

Handwerklich wird solide Hausmannskost geboten, die Schauspieler (sowie ihre Leistung) sind am besten mit zweckdienlich beschrieben: Einige der sehr emotionalen angelegten Momente wissen nicht zu überzeugen. Vater Wolfgang (Peter Prager) wirkt liebevoll-verwirrt, Mutter und Schwester der Protagonistin (Maike Bollow und Alice Dwyer) bleiben leider blass. Keinem der Nebendarsteller wird wirklich genug Raum gelassen um eine Leinwandpräsenz aufzubauen.

Häufig wirkt es, als hätten sich Autoren und Filmschaffende nicht entscheiden können, welche Geschichte sie erzählen wollen: Fast schon Episodenhaft wird zwischen verschiedenen Handlungs- und Beziehungssträngen gesprunge: Wenn uns Sophie gezeigt wird, die in verschiedenen Perücken verschiedene Persönlichkeiten annimmt, bleiben Implikation und Wirkung des Ganzen unbeleuchtet. Die Liebe zu Freund Rob (David Rott) wird im Bekannten RomCom-Schema präsentiert, erforscht werden Verlust und Bindungsängste viel zu oberflächlich.  Nie gelingt es, lange genug eine Facette der Krankheit zu greifen, um sie dem Zuschauer wirklich zu vermitteln.

Rettung

Trotz all dieser eher kritischen Aspekte fällt es schwer, den Film vollständig zu verurteilen. In seiner Naivität, in seinem unbeholfenen Umgang mit jugendlicher Sprache und Identität und in seiner selten wirklich fokussierten Erzählweise wirkt die Geschichte über Das Mädchen mit den neun Perücken sehr authentisch. Natürlich bekommen wir kein cineastisches Meisterwerk, dass sich auf das für die Handlung relevante konzentriert, kohärent und gebündelt dem Zuschauer etwas Bedeutendes vermittelt. Aber häufig ist es so, dass eben das Leben nicht die besten Geschichten schreibt, sondern die sympathischsten. Es gelingt, die oft selektive, emotionale und persönliche Sicht einer Heranwachsenden glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen. Die Charaktere wachsen einem trotz ihrer gelegentlichen Schablonenhaftigkeit schnell ans Herz, gerade Jüngeren kann die Wirkung von Krebs auf zwischenmenschlicher Ebene begreifbar gemacht werden.

Somit könnte man selbst als Zyniker zu dem Schluss kommen, das es wahrlich schlimmere Filme geben könnte, die von der Filmförderung unterstütz werden, als Heute bin ich Blond.

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