Rezension: Welcome to the Punch

Im Film gibt es von jeder Stadt mindestens zwei Versionen, und so auch von London: Entweder das alte, verwinkelte London aus Backsteinen und Königshäusern, Schauplatz von Geschichten von Charles Dickens und Shakespear. Oder eben, wie auch in Eran Creevys zweiter Regiearbeit Welcome to the Punch, das neue London. Ein kalter Ort aus Stahl und Glas, monochrom und artifiziell. Das London der Elite, Hauptstadt des europäischen Finanzwesens. In diesem London werden wir Zeuge einer modernen Variante der Moby Dick-Geschichte: Der junger Polizist Max Lewinsky (James McAvoy) ist auf der Jagd nach Räuber Jacob Sternwood (Mark Strong). Dieser hat ihn, nach einem Raub, auf der Flucht am Bein verletzt – Max ist nachhaltig gezeichnet.

Die Jagd bleibt über Jahre erfolglos und wird fast aufgegeben, bis der mittlerweile im isländischen Exil lebende Jacob nach England zurückkehrt. Grund ist der Tod seines Sohnes, welcher in ominöse Geschäfte verwickelt war. Was als Duell und Jagd zwischen zwei Kontrahenten beginnt wird schnell deutlich mehr, als Max und Jacob feststellen, dass sie beide nur Spielball höherer Mächte sind.

Was nach gewohnter Thriller-Kost klingt, ist genau dass:  Welcome to the Punch ist ein stilvoller, stellenweise aber sehr schematischer Spannungsfilm. Das Drehbuch ist dominiert von, zugegeben schön inszenierten, Actionszenen. Diese sind deutlich inspiriert von Guy Ritchie und bestehen vor allem aus Aufnahmen in Zeitlupe. Damit ist die Bildsprache zwar nie wirklich eigenständig, nett anzusehen ist das Ganze aber allemal. Bereits die Einstiegssequenz im menschenleeren, nächtlichen London weiß zu überzeugen; die Bilder wirken unwirklich, fast traumartig. Weitflächige Aufnahmen und der „Anschnitt“ von Gebäuden fügen sich gut in das sehr klinisch-künstliche Gesamtbild ein. Als Folge dieser stellenweise fast übertriebenen Stilisierung wirken die Schauplätze, wie etwa das namensgebende „Punch“-Containerlager,  mit ihren sehr homogenen, bläulichen Lichtstimmungen leider oft etwas irreal und seelenlos.

Dies gilt leider auch für die meisten Darsteller, die sich in ihnen bewegen. James McAlvoy wirkt sympathisch, kann seinem Charakter aber, trotz entsprechender Vorzeichen, keine wirkliche Tiefe verleihen. Statt einem verbitterten, traumatisierten Ahab bekommt der Zuschauer einen blassen Max Mustermann (oder eben Lewinsky). Mark Strong gibt einen etwas beliebigen Bösewicht ohne klare Motivationen ab, auch David Morissey (zuletzt als Schurke in der AMC-Serie The Walking Dead zu sehen) als Polizeichef Geiger oder Dannielle Brent als Reporterin wissen nicht zu überzeugen. So verschmelzen die Charaktere mit den düsteren Kulissen und verschwinden im Hintergrund.

Die Handlung, die solide beginnt, fällt immer stärker ab je näher sie in Richtung Finale eilt. Gerade die Auflösung der obligatorischen Verschwörung bis in höchste Kreise wirkt einfallslos und vorhersehbar, die Stimmung erinnert an ein wenig an Film Noir-Light. Die Einbettung in einen politischen Rahmen wirkt forciert, die Motivationen der Drahtzieher wenig überzeugend.  Zudem schaffen Regie und Schnitt selten, Zeit und Raum wirklich stringent wirken zu lassen; gelegentlich kommt man zu dem Eindruck, es könnte eine Filmrolle fehlen, wünscht sich Szenen würden länger dauern und Schauspielern und Szenerie würde etwas mehr Raum gegeben.

Mit Welcome to the Punch zeigt Eran Creevy Potential, durch Schwächen im Drehbuch und einige handwerkliche Probleme bleibt seine Jagd nach Bestform und einem wirklich gelungenen Film wie die Jagd Ahabs nach seinem weißen Wahl. Hoffen wir, das Creevy in Zukunft mehr Erfolg hat.

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