Rezension: Room 237

Nahezu alles kann als Vorlage für einen Spielfilm dienen: Theaterstücke, Bücher, Gemälde, ja sogar Freizeitpark-Attraktionen. Bei Room 237 würde man am ehesten vermuten, Vorbild der Dokumentation seien Diskussionen in einem Stanley Kubrick-Fan-Forum gewesen.  Regisseur Rodney Ascher bezeichnet das Ergebnis als „subjective documentary“, was in der Praxis bedeutet, dass verschiedene Theorien und Interpretationen um Kubricks Stephen King-Verfilmung The Shining aus dem Jahr 1980 vorgestellt werden.

Protagonisten sind (neben dem Horrorstreifen selbst) vor allem fünf Shining-Enthusiasten, Privatpersonen, die den Film sehr oft gesehen haben und jeweils ihre ganz eigene Deutung vorstellen. Wahlweise ist das Werk dann als Metapher für den Holocaust, den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern oder beschäftigt sich mit der (angeblichen) Fälschung der Mondlandung. Diese Erörterungen sind mal mehr, mal weniger Überzeugend: Wo die Diegese für manche Interpretation ausreichend Beweise liefert, wirken Andere an den Haaren herbeigezogen.

Entgegen Genrekonventionen bekommen wir unsere fünf „Talking Heads“ nicht zu sehen, sondern hören nur ihre Stimmen über Filmszenen, Archivmaterial und (liebevoll erstellte) eigene Bilder und Grafiken. Auch die zahlreichen Tricks und Stilmittel wie Bild-im-Bild Aufnahmen, Montagen, Zeitlupen, Bildüberlagerungen und Spieglungen, die zur Visualisierung der Ideen verwendet werden, können nicht über diesen Mangel hinwegtäuschen.

Folge ist eine seltsam körperlose Dokumentar-Erfahrung;  gerade die vier männlichen Sprecher sind oft schwer auseinanderzuhalten, ihre Theorien vermischen sich und wirken dadurch oft noch kruder. Gerade beim Mondlandungs-Skeptiker drängt sich die Vermutung auf, dass dieser nicht vor die Linse gesetzt wurde, damit sein umfangreicher Aluminium-Helm nicht zu sehen ist. Die Selbstbeschreibung eines Sprechers als „sehr intelligentes Kind“ lässt wieder an die Selbstdarstellung, etwa in sozialen Netzwerken, denken. Positiv fällt die spürbare Begeisterung auf, die alle Interviewten für The Shining und Kubrick im Allgemeinen zeigen. Stellenweise grenzt diese Bewunderung jedoch an Heldenverehrung, an Geniekult – die Gratwanderung zwischen Enthusiasmus und Fanatismus gelingt leider nicht immer. Kubrick war mit Sicherheit ein intelligenter Mann und ein brillanter Filmschaffender, ein Perfektionist: Die Interviewten sind es ganz offensichtlich nicht.

Room 237 ist auf fast jeder Ebene einer wirren Strukturlosigkeit unterworfen: Ein klassisches Dokumentarnarrativ fehlt, Höhepunkte sind fast beliebig gesetzt, der Film fasert am Ende einfach aus. Die Musik wirkt häufig unangemessen dramatisch, fügt sich mit seltsamen Übergängen und unpassenden Effekten ins Konfuse Gesamtbild ein. Viele der Theorien sind interessant, von manchen geht eine nicht zu leugnende Faszination aus. Insgesamt vermag die Doku aber nicht zu packen: Keiner der Sprecher ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, auf jeden lustigen oder Informativen Abschnitt scheinen drei belanglose, hanebüchene oder einfach nur ärgerliche zu Folgen. Das miträtseln und mitdeuten könnte unterhaltsam sein, verliert sich aber schnell. Im Endeffekt lernen wir wenig über The Shining, noch weniger über Kubrick und Filminterpretationen und viel über die Ideen der Interviewten.

Room 237 ist wirklich wie eine Internetforum-Diskussion: Das Ganze ist eine interessante Erfahrung, ein Wechselbad der Gefühle aus Ärger und Interesse, mit Menschen, die meist wenig sachlich argumentieren, oft zusammenhangslos, immer ohne klares Bild von den Protagonisten. Man nimmt wenig daraus mit, und im Nachhinein wird einem klar, dass man seine Zeit eigentlich sinnvoller nutzen könnte.

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