Kurzrezensionen: Shame; Stoker

poster_stoker_03Stoker (2013):   India Stoker (gespielt von Mia Wasikowska) hat einen besonderen Blick auf die Welt; wenn das Modell im Kunstunterricht eine Blume ist, zeichnet sie das Motiv auf der Innenseite der Vase. Die junge Intellektuelle verliert ihren Vater bei einem Autounfall, Mutter Evelyn (Nicole Kidman) leidet unter psychischen Problemen und vermag wenig Trost zu spenden. Das ruhige, isolierte Leben im Anwesen der Familie endet schlagartig, als Indias Onkel Charles (Matthew Goode), von dem sie bis dahin nicht einmal wusste, dass er existiert, auftaucht. Schnell erkennt sie, dass dieser düstere Motive besitzt – sie fühlt sich jedoch eher angezogen als abgeschreckt.

In seinem Hollywooddebüt erzählt Chan-Wook Park eine ganz eigene Version der Coming of Age-Geschichte. Das Erwachsenwerden ist ein unangenehmer, gewalttätiger Prozess für Ihn, Lust und Blutdurst liegen nah beieinander. Unterstützt durch die wirklich fantastische Kameraarbeit von Chung-Hoon Chung inszeniert der Regisseur der Revenge-Trilogie teils spektakuläre Montagen. Diese sind teilweise im Subtext,  teilweise auch diegetisch von orgiastische Wirkung, streben in höher schlagenden Wellen einem Höhepunkt entgegen. Stille, sublime Momente gehen über in crescendierende Thriller- und Gewaltszenen. Die originelle Bildsprache gibt dem Film eine ganz eigene, verstörende Stimmung. Die psychologischen Konflikte und Stimmungen werden auf faszinierende Weise eingefangen:

India und ihr Onkel spielen ein erst duellartiges, im Wesen immer sexueller werdendes Klavierduett. Charaktere wandeln, in bester Theatertradition, über Treppenstufen, stehen übereinander, schauen zu einander auf oder blicken verächtlich auf den Anderen herab. Geschenke im Wald, India auf ihrem Bett umgeben von Schuhpaaren, die ihr Heranwachsen dokumentieren: Die Einstellungen sind Vielschichtig und Symbolhaft.

Die darstellerischen Leistungen sind beeindruckend. Nicole Kidman alterniert glaubwürdig zwischen abwesender, einsamer Witwe und kalter, berechnender Matriarchin.

Mia Wasikowska  erforscht überzeugend einen jugendlichen Reifeprozess, wirkt verspielt und doch unergründlich. Matthew Goode ist angenehm unangenehm anzusehen, verstört und fasziniert zugleich.

Chan-Wook Parker erreicht mit Stoker nicht dieselbe visionären Kraft, nicht die inszenatorische Gewalt seines in  Cannes prämierten Oldboy, vermag aber den Zuschauer auf gleiche Weise zu faszinieren wie zu erschrecken; Stoker wird uns weiter verfolgen.

9/10

r.shame11pkShame (2011): Einsamkeit kommt in vielen Formen: Egal wie viele Menschen Brandon umgeben, er ist immer allein. Michael Fassbender spielt in Steven McQueens zweitem Spielfilm Brandon,  jung, beruflich erfolgreich, gutaussehend – und sexsüchtig. Sein Alltag ist leer, und er füllt diese Leere mit Pornographie, Prostituierten und One-Night-Stands. Sein Leben verändert sich drastisch als seine jüngere Schwester, die Sängerin Sissy (Carry Mulligan) plötzlich in seiner Wohnung, unter seiner Dusche steht.

Shame ist ein Film von einnehmender Stärke, ein Porträt von durchschlagender Wirkung. Steve McQueens schon aus Hunger bekannte, stoische Erzählweise mit vielen langen Einstellungen, vielen unkommentierten Stimmungsbilder, wird ein weiteres Mal eingefangen von der meisterlichen  Kameraführung von Sean Bobbit.

Wir sehen Brandon in der Straßenbahn mit einer Mitreisenden flirten, beide steigen gemeinsam aus und verlieren sich im Gedränge. Brandon joggt durch das nächtliche New York in einer einzigen langen Kamerafahrt. Immer wieder sehen wir Gesichter in der Großaufnahme, erleben die Emotionen der Protagonisten unmittelbar und unausweichlich. Höhepunkt ist Sissys traurige Interpretation von New York, New York, die den ganzen Schmerz der entfremdeten Großstädter in eine einzige Szene bannt.

Shame ist unangenehm und doch hoffnungsvoll. Die psychisch labile Sissy bringt die Menschlichkeit im detachierten, stillen Brandon hervor; eine Art Beschützerinstinkt, eine Verbindung zur Welt der normalen Menschen, die von seinem Leid nichts ahnen. Sie bringt Farbe in die monochromen Szenen, Carry Mulligan deutet Sissy als Geisel ihrer Vergangenheit, die nach Halt ringt. „We’re not bad people. We just come from a bad place.”, haucht sie ihrem Bruder zu. Die Geschwister umkreisen einander, ziehen den anderen an sich, nur um sich wieder abzustoßen. Fassbender spielt Oscarreif, die Academy Awards sind dem Film, im traditionell eher prüden Hollywod, wohl nur wegen seinem Sujet verwehrt geblieben.

Shame ist ein Meisterwerk. Steve McQueen muss seine Charaktere nur wenig Worte sprechen lassen, Bilder sagen meist genug. Jeder Einstellung erzählt unendlich viel, ist tieftraurig, menschlich, entlarvend und zornig. McQueen geht es nicht um Sex, es geht ihm um eine Gesellschaft des Nebeneinanderlebens, des Desinteresses, der Verlorenen und Vergessenen. Shame  ist ein wütendes Apell für die Freundschaft, für die wahre Liebe, für die Gemeinschaft. „If I left, I would never hear from you again. Don’t you think that’s sad? Don’t you think that’s sad?”, fragt Sissy ihren Bruder, fragt der Regisseur seinen Zuschauer – ist es nicht traurig? Ist es.

10/10

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