Rezension: Trance

trance_ver5_xlgEine der ältesten Fragen im Film ist die Frage nach Wahrheit. Das ist naheliegend, schließlich verlangt jeder Film von seinem Zuschauer, dass er dem Gezeigten, zumindest bis zu einem gewissen Grad, Glauben schenkt: Nur so kann er mit den Figuren mitfühlen, nur so kann er vom Gezeigten berührt werden. Immer wenn es in Hollywood um Träume oder Visionen geht, geht es auch um den Film selbst. In der jüngeren Vergangenheit widmeten sich etwa Blockbuster wie Inception oder Matrix diesem Thema, oder auch Michel Godrys Eternal Sunshine of the Spotless Mind.

Jüngster Beitrag zu dieser Thematik ist Danny Boyles neuer Film Trance. James McAvoy, zuletzt in Welcome to the Punch und X-Men – Die erste Entscheidung zu sehen, spielt Simon, einen jungen Auktionator.  Er wird in einen Kunstraub verwickelt –  ein Gemälde aus seinem eigenen Auktionshaus soll gestohlen werden. Beim Versuch ein Francisco de Goya-Gemälde in Sicherheit zu bringen wird er von seinem Kollegen  Franck (Vincent Cassel), einem der Räuber, niedergeschlagen. Simon wacht im Krankenhaus auf, leidet aber aufgrund des Schlages an Amnesie. Er kann sich an die Umstände des Einbruchs nicht erinnern, Franck will wissen, wo das Bild ist – der erbeutete Koffer war leer. Erst foltern die Gangster  Simon erfolglos, bald kommt Franck auf die Idee, die verlorene Erinnerung durch einen Hypnotherapeut aus Simons Unterbewusstsein ans Tageslicht zu fördern. Die Wahl fällt auf Elizabeth (Rosario Dawson) und die Suche nach dem Bild beginnt.

Trance lebt zunächst von einem simplen Mysterium – was ist mit dem wertvollen Gemälde geschehen? In dieser einfachen Grundprämisse wirkt das Ganze wie ein Hitchcock-Thriller, doch dieser Eindruck dauert nicht lange an. Wir erfahren zunächst wenig über die Charaktere, Simon, Frank und Elizabeth wirken wie wenig mehr als Vehikel für die Geschichte. Boyle wirft Figurenkonstellationen um wie Kinder Sandburgen, baut rasante Wendung ein und schreckt auch nicht davor zurück, den Zuschauer temporär ratlos zurückzulassen. Viele Szenen klären sich erst in im Nachhinein auf, Informationen gibt es genau dann, wenn das Drehbuch es vorsieht. In dieser Hinsicht ist der Film wie eine Achterbahnfahrt:  Den Auf und Abs zu folgen kann sehr unterhaltsam sein, aber selber steuern oder vorauslaufen ist nicht erwünscht,  schadet sogar dem Erlebnis. Oft fragt man sich, ob die Geschichte denn zu einem zufriedenstellenden Ende geführt werden kann.

James McAvoy als Simon

James McAvoy als Simon

Wirklich bedeutsam werden die Charaktere erst später, wenn Masken gefallen und Motive deutlicher werden. Keiner der Darsteller baut eine besondere Leinwandpräsenz auf, mitfühlen wird man selten. Trance bleibt lange ein kühler Film und könnte ebenso von Christopher Nolan inszeniert worden sein. Auch wenn es um die Gedanken- und Gefühlswelt von Menschen geht, der Film wahrt emotionale Distanz. Ein rasantes Erzähltempo lässt die knapp über 100 Minuten Spielzeit nie langweilig werden, im Gegenteil, in manchen Szenen wirkt  das Drehbuch fast überfrachtet. Einige Action-Sequenzen reichern die Handlung an, pointierte Momente viszeraler Gewalt schocken im vorgesehenen Maße. Der Soundtrack pulsiert und zittert in solchen Moment, während er sonst hypnotisch-meditativ das Geschehen umfließt.

Der Film setzt die Reise in Simons Gedächtnis in Bildern um, die kaum von der Realität abzuweichen scheinen. Im Gegensatz etwa zu Inception findet weniger Spektakel statt, die Einstellungen sind ökonomisch und effizient gehalten. Mit surrealen Traumeffekten wird sparsam gearbeitet, dafür wirken sie umso überraschender und entlarven oftmals die Wirklichkeit als Traumbild.

Trotz seiner Schwachpunkte funktionier Trance und nimmt für sich ein. Das Rätsel um das verschwundene Bild wird im Endeffekt zufriedenstellend aufgelöst – vorausgesetzt, man akzeptiert die Grundprämisse, dass etwa 5 Prozent der Menschen besonders Anfällig für Hypnose sind, und in Trance nahezu alles tun würden. Der Film bleibt durchgehend spannend, hat einige aufregende Szene, beweist Humor und nähert sich in seinem letzten Drittel doch noch seinen Charakteren. Die letzte Wendung hätte sich Boyle sparen können, aber insgesamt wird Trance mehr als 5 Prozent der Zuschauer in seinen Bann ziehen können.

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