Klassiker der Woche: Stranger Than Paradise (1984)

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Manchmal ist die Welt ein wirklich schrecklicher, langweiliger Ort – und das ist sehr lustig. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man Jim Jarmuschs zweiten Spielfilm Stranger Than Paradise sieht. Willie (John Lurie) lebt in New York vor sich hin, als plötzlich sein Telefon klingt. Seine Cousine Eva (Eszter Balint) soll aus Ungarn zu Besuch kommen und wird zehn Tage bei ihm verbringen. Willie ist nicht begeistert. Ein Jahr später besuchen Willie und Eddie Eva und fahren mit ihr schließlich noch nach Kalifornien.

Viel mehr Handlung hat der minimalistische Schwarzweißfilm nicht. Um die Geschichte geht es Jarmusch auch nicht, vielmehr zeigt er uns seine absurden Charaktere in noch absurderen Situationen. Willie ist ein furchtbarer Mensch. Er ist faul und antriebslos, schaut dumme Filme und Fernsehserien und ernährt sich von Fast-Food und Fertiggerichten. Sein Geld verdient er mit Betrug beim Pokern, beim Hunderennen und ähnlich Zwielichtigem. Eva ist zu Besuch in New York, bekommt aber kaum mehr zu sehen als Willie versifftes Apartment und einige graue Straßenblocks. Selbst ins Kino nimmt er sie nicht mit, auch wenn sein Freund Eddie (Richard Edson) ihn noch so darum bittet. Nicht das Willie das alles böse meint – er ist einfach nur ignorant. Jarmusch hat für seine Landsleute scheinbar vor allem bissigen Spott übrig, die Sympathie für Einwanderer und ihre Erfahrungen im Amerika sind schwer zu übersehen.

Stranger Than Paradise war ursprünglich ein Kurzfilm, den Jarmusch nach Abschluss seines Studiums an der New York University drehte und enthielt nur den ersten der drei Abschnitte, die es in der vollständigen Version zu sehen gibt. Heute gilt der Film als Kult und als wichtiger Einfluss für das amerikanische Indie-Kino.

Eddie: You know, it’s funny… you come to someplace new, an’… and everything looks just the same.

Willie: No kiddin‘, Eddie.

Warum heute noch ansehen? 

Willie, Eddie und Eva und all den anderen Charakteren bei ihrem merkwürdigen Treiben zuzusehen ist eine wahre Freude. Egal wie ignorant oder wie seltsam sie sich manchmal verhalten, sie bleiben sympathisch und wirklich charmant. Wenn man sich einmal auf das langsame Tempo des Films eingelassen hat,  bekommt man Szene um Szene ein Welt gezeigt, die ihre ganz eigene Magie entfalten. Die Dialoge sind clever, das Schauspiel unterhält, auch in seinen schwächeren Momenten, und der Soundtrack ist fantastisch. I Put a Spell on You von Screamin´Jay Hawkins (der Bluessänger war später auch in Mystery Train zu sehen) ist eine Offenbarung, ein toller Song, der sich in den Gehörgängen einbrennt. Der Film wurde für gerade einmal ca. 100.000 $ gedreht, macht aus seinen Limitierungen aber eine Tugend und wirkt erhaben und kunstvoll.

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Die wohl beste Szene des Films ereignet sich in einem fast leeren Kinosaal: Wir erleben Schauspiel in Reinform und erfahren eine ganze Menge über die Charaktere – nur über die Gesichtsausdrücke der Figuren. Gleichzeitig schauen wir als Zuschauer anderen Zuschauern beim Zuschauen zu. Wie ein Spiegel  in eine coolere Paralleldimension, in der alle einen guten Musikgeschmack haben.

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