Rezension: Only God Forgives

ONLY-GOD-FORGIVES-Poster2In Cannes ausgebuht, von Kritikern als „so lächerlich schlecht wie Showgirls oder Battlefield Earth“ und „cineastische Darmentleerung“ verspottet: Schon vor seinem offiziellen Start in den Kinos umgab Nicolas Winding Refns neuer Film Only God Forgives ein Hauch von Kontroverse und Anrüchigkeit.  Nachdem Refns letzter Film, Drive, sowohl bei Publikum als auch bei der Kritik sehr gut aufgenommen wurde, war die Erwartungshaltung hoch. Fans freuten sich auf mehr von der Mischung aus ruhigen, stilisierten Bildern und pointierten Eruptionen von Action und Gewalt. Refn leistet diesen Wünschen, in gewisser Weise, Folge – aber nicht so, wie Drive-Anhänger es erwarten würden.

Wieder kollaboriert der dänische Regisseur mit Ryan Gosling, wieder gibt dieser sich äußerst Wortkarg.  Im Gegensatz zu Drive hat er diesmal wenigstens einen Namen: Julien leitet in Bangkok einen Box-Club – eine Fassade für Drogen- und andere Unterweltgeschäfte. Auch wenn er respektiert und gefürchtet wird kämpft er mit Selbstzweifeln, glücklich ist er mit seinem Leben nicht. Sein Bruder Billy arbeitet mit ihm zusammen, verliert sich aber noch deutlich mehr als er in der Unterwelt: Er vergewaltigt und ermordet eine minderjährige Prostituierte. Polizist Chang wird zum Tatort gerufen und überlässt Billy dem Vater des Mädchens – dieser tötet Billy. Juliens Mutter, Anführerin des Familienclans reist an um Rache zu üben.

Nicolas Winding Refn inszeniert die düstere Geschichte um Rache und Gerechtigkeit als unwirklichen, verstörenden Alptraum. Als wäre ihm der durchgängige Zuspruch für Drive unangenehm, nimmt er, was seine Filme ausmacht, und treibt es an die Grenzen. Wo Drive ruhig und elegisch war, droht hier der Stillstand:  Fast wie in Zeitlupen dirigiert er seine Figuren durch die Szenerie, alles wirkt schwerfällig und statisch. Die Straßen Bangkoks sind unbelebt, die 15-Millionen-Metropole wird zur Geisterstadt. Jede Einstellung ist geprägt von einem unbändigen, manchmal überbordenden Stil-Willen: Lichtstimmungen sind so künstlich wie schön, manche Schauplätze wirken eher wie Gemälde, als wie wirkliche Orte, an denen Menschen leben könnten, Cliff Martinez blechern-elektronischer Soundtrack trägt sein übriges dazu bei. Refn nutzt Geographie und Architektur, die unmöglich scheint: Juliens Boxclub scheint aus endlose düsteren Räumen und Gängen zu bestehen, die alle überall und nirgendwo hinführen, Bangkok ist ein wirres Labyrinth aus Neon. Als Zuschauer wird man schnell desorientiert, verliert die Haftung. Nichts wirkt real.

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Julien (Ryan Gosling) mit der Prostituierten Mai (Yayaying Rhatha Phongam). In der Szene wird  sie Zielscheibe von Juliens Zorn auf seine Mutter.

Auch die Charaktere werden Teil dieser alles umfassenden Direktive: Ryan Gosling liegt mit seinem Schauspiel irgendwo zwischen Leben und Tot. Julien ist passiv, reagiert nur, lässt sein Leben von Anderen bestimmen. Dies schlägt sich auch oft in der Bildsprache des Films nieder: Wir sehen ihn mit gebundenen Händen, handlungsunfähig. Immer wieder werden uns Großaufnahmen von Juliens Gesicht gezeigt, die Reaktion auf Taten anderer scheint wichtiger als sein Handeln. Er ringt mit sich selbst – was er und sein Clan tun ist falsch, doch die Last der Vergangenheit lähmt ihn.

Julien: It’s a little more complicated than that. He raped and killed a 16-year-old girl.

Crystal: Well, I’m sure he had his reasons.

Aktiv hingegen ist Juliens Mutter Crystal: Die wasserstoffblondierte Mischung aus Lady McBeth und alternder Diva wird von Kristin Scott Thomas (bekannt aus Der englische Patient und Vier Hochzeiten und ein Todesfall) als rachsüchtige Matriarchin dargestellt.Ihre Leistung ist einer der Höhepunkte des Films. In einer denkwürdigen Szene isst sie mit ihrem Sohn Julien und einer Prostituierten, Mai, die sich als Juliens Freundin ausgibt, zu Abend. Sie erniedrigt ihren Sohn und  macht seltsam inzestuöse und ödipale Anspielungen, wirft ihm seine Passivität und Schwäche vor. Thomas wird eindrucksvoll zur Alptraumfigur, zu einer wahren Monstermutter.

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Crystal (Kristin Thomas) im bunt beleuchteten Restaurant – die herrschsüchtige Mutter setzt Refn meist in die Bildmitte

Ähnlich zum Traummonster wird der koreanische Schauspieler Vithaya Pansringarm. Als Lieutenant Chang wird er zum Rachegeist, unberührbar und tödlich, eine fast übernatürlichen Kreatur: Der Polizist streift durch Bangkok und hackt Verbrechern für ihre Taten die Hände ab. Seine Klinge scheint stets aus dem Nichts zu kommen, am Körper angebracht sehen wir sie nie. Nachdem er zu Beginn den Vater der ermordeten Prostituierten über das Schicksal ihres Mörders entscheiden lässt, zieht er ihn für seine Entscheidung zur Rechenschafft: Niemand steht über Changs Gesetz, unter keinen Umständen. Seine Klingt hängt über jedem Charakter des Films wie das sprichwörtliche Damokles-Schwert. Nur Gott vergibt – so schon der Titel des Films.

Die Jagd zwischen Chang und Crystals Gefolgsleuten wird zu einer blutigen Fehde, in der nach und nach auf beiden Seiten immer mehr Menschenleben gefordert werden: Gewalt läuft in Only God Forgives in Spiralen und erzeugt Gegengewalt.

Es ist nicht meine Absicht, Gewalt als cool zu zeigen.

, so Refn im Interview mit der epd-Film. Only God Forgives ist eine Tragödie, nicht umsonst prägen Anspielungen auf König Ödipus die Dialoge – bis hin zu Juliens Grund nach Thailand zu fliehen.

In seiner manchmal grotesken  Gewalt, seiner Langsamkeit , seiner Sucht nach Überinszenierung und dem perfekten Stimmungsbild kann Only God Forgives anstrengend sein, auf die Nerven gehen und lächerlich wirken, aber auch verstören und faszinieren. Der Film besitzt mehr Stil als Substanz, aber das galt auch für Refns frühere Werke – wieso also der Aufschrei der Kritiker und Festivalbesucher? Fakt ist:  Wer ein Drive 2 erwartet hat, wird enttäuscht, der Film stellt eine Absage an den Mainstream und konventionelle Sehgewohnheiten dar, eine Provokation. Leider ist diese vielmals zu konstruiert und bemüht. Refn ist kein Lynch, im Gegensatz zu den Filmen des amerikanischen Multitalents fühlt sich das Surreale hier oftmals leer an, Stil als Selbstzweck, l´art pour l´art. Der Vergleich zu Harmony Korines Spring Breakers drängt sich auf, sowohl in Machart als auch in der Rezeption.

Nachdem jetzt klar ist, was Refn nicht sein will, könnte er uns als nächstes wieder zeigen, was er will.

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Der Regisseur und sein Star – folgen weiter Zusammenarbeiten ?

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