Klassiker der Woche: Dog Day Afternoon/ Hundstage (1975)

dog-day-afternoon-originalEin Mann betritt eine Bühne, das Publikum tobt wie bei einem Rockstar. Er reißt die Armee in die Luft und lässt sich feiern, läuft auf und ab, jeder soll ihn sehen können. Die Menge brüllt seinen Namen, Plakate werden geschwungen, Fans versuchen durch die Absperrungen zu gelangen. Aber bei Sonny Wortzik handelt es sich sicher nicht um einen Mick Jagger oder Bono, nicht um einen McCartney oder Bruce Springsteen – er ist Geiselnehmer und hat die Angestellten einer New Yorker Bank gefangen genommen, seine Bühne ist der von der Polizei umzingelte Straßenabschnitt, die Fans eine bunte Mischung aus Schaulustigen, Aktivisten und Anwohnern. Erschossen wird er von den wartenden Gesetzeshütern nur nicht, weil sein Komplize Sal im Inneren des Gebäudes mit einer geladenen Waffe auf seine Rückkehr warten.

Am 22. August 1972 versuchte John Wojtowicz, polnischer Migrant, gemeinsam mit Robert Westenberg und Salvatore Naturale eine Bank von Chase Manhatten zu überfallen. Nicht etwa zur persönlichen Bereicherung – Wojtowicz wollte lediglich seinem Partner Ernest Aaron eine Geschlechtsumwandlung (bzw. eine geschlechtsanpassende Operation) finanzieren.  Westenberg verlor die Nerven und floh gleich zu Beginn – Wojtowicz und Naturale wurden als charismatische Geiselnehmer und aufgrund der kontroversen Thematik (Wojtowiczs Homosexualität) Medienstars und landesweit bekannt.

Inspiriert durch einen Artikel im Magazin Life entschied Regisseur Sidney Lumet, diese Geschichte sei, im wahrsten Sinne des Wortes, filmreif. Nur 3 Jahre später war aus John Wojtowicz – im Artikel mit Al Pacino und Robert Redford verglichen – Sonny Wortzik geworden, gespielt von Al Pacino (Robert Redford wurde die Rolle ebenfalls angeboten). Naturales Entsprechung wurde in John Cazale gefunden, fast alle Charaktere der Geschichte finden ihren Weg auch in den Film.

Hundstage spielt an einem eben solchen – drückende Hitze lähmt die Großstadt. Uns wird das ganz gewöhnliche New York gezeigt, Wolkenkratzer, im Central Park herumtollende Kinder und Paare die spazieren gehen, Stau, dazu  das Stück Amoreena von Elton John – bis auf wenige Sekunden Radiomusik die einzige musikalische Untermalung im gesamten Film; wenn es Musik gibt, kommt sie aus der Filmwelt selbst. Lumet macht von Anfang an klar das all das hier in unserer Welt stattfindet, nicht in der seltsamen Paralleldimension Film, die wir so oft zu sehen bekommen. Nicht einmal künstliches Licht wollte der Regisseur benutzen.

Dog+Day+Afternoon+foto1

Al Pacino als Sonny – im Hintergrund sind die Geiseln im Tresorraum zu sehen

Wojtowicz äußerte sich später, von dem im Film gezeigten seien etwa dreißig Prozent wahr. Wirklich relevant ist der ganze Realitätsbezug auch nicht, auch als vollkommen fiktives Drama wäre Hundstage eine genauso mitreißende Geschichte, wäre genau so lustig und bewegend. Viele Filme tragen die Einblendung „Beruht auf einer wahren Begebenheit“ wie ein Gütesiegel vor sicher her, öfter noch wird sie eine Rechtfertigung (jüngstes Beispiel ist die fast vollständig missglückte Gruselgeschichte The Conjuring). Fragwürdigen Figuren und Geschichten verleiht auch ein Verweis auf angebliche Authentizität keine Glaubwürdigkeit. Lumet zeigt, wie es richtig geht: Basierend auf dem makellosen, oscarprämierten Drehbuch von Frank Pierson zeichnet er Charaktere, die so greifbar und sympathisch sind, dass wir gar nicht anders können, als mit ihnen zu fühlen, als sie zumindest emotional für echt zu erklären. Szene um Szene entfaltet sich die wirklich spannende Geschichte, ohne je die Darsteller aus den Augen zu verlieren. Weder sind sie nur Vehikel für die Handlung, noch beschränkt der Film seinen Blick auf eine Charakterstudie. Beide Aspekte des Films ergänzen sich und greifen nahtlos ineinander.

Dog Day Afternoon - john wojtowicz

John Wojtowicz – das reale Vorbild für Al Pacinos Figur

Auch wenn Al Pacino anfangs Bedenken hatte, auf der Leinwand einen Homosexuellen zu verkörpern, spielt er den jungen Bankräuber mit einer perfekten Mischung aus Unbeholfenheit und Charm, Verzweiflung und Intelligenz. Viele der zutiefst emotionalen Momente, wie etwa ein Telefongespräch zwischen Sonny und seinem Partner Leon (oder das Gespräch mit seiner Ehefrau), sind improvisiert und fördern dadurch eine rohe, intuitive Schauspielkunst nach außen, die man nur selten zu sehen bekommt. Diese Szenen musste Al Pacino (der nach der Produktion eine zweijährige Pause brauchte) mehrmals am Stück spielen – und das obwohl diese fast 15 Minuten lang sind. Selbst technisch stellte dies im Jahr 1975 eine Herausforderung dar, gedreht wurde mit mehreren Kameras die im richtigen Moment umgeschaltet werden mussten – Kameras enthalten nur etwa 300 Meter Film, knapp 11 Minuten Aufnahme. Doch der technische Aufwand erscheint Nichtig gegen den Tribut, den ein solcher Dreh von den Darstellern fordert. In seinem Buch Filme machen (Autorenhaus Verlag) beschreibt Lumet den Dreh so:

Am Ende des zweiten Takes wusste Al nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Er beendete seinen Text und schaut sich hilflos um vor lauter Erschöpfung. Dann sah er zufällig mich direkt an. Tränen rollten mir übers Gesicht, weil er mich so gerührt hatte. Seine Augen ließen meine nicht los, und auch er brach in Tränen aus, dann sackte er über dem Schreibtisch los, an dem er gesessen hatte. Ich rief: „Schnitt! Kopieren!“, und sprang in die Luft.

Nur Jack Nicholson und seine Leistung in Einer flog übers Kuckucksnest standen damals Pacinos erstem Academy Award im Weg (diese Ehre wurde Pacino erst 1993 für Der Duft der Frauen zu teil).

Man kann sich vorstellen, dass Thematik und Aufarbeitung für die siebziger Jahre durchaus kontrovers waren. Erst ein Dekade zuvor (1962, um genau zu sein) hatte Illinois als erster Bundesstaat entschieden, das Homosexualität kein Verbrechen darstellte. An eine Ehe gleichgeschlechtlicher Partner, die vom Staat anerkannt wurde, war noch nicht zu denken. Doch in der im Entstehen befindlichen LGBT-Bewegung erschöpft sich die politische Sprengkraft von Hundstage nicht. Viele der großen Themen der siebziger Jahre werden aufgegriffen. Wortzik (wie auch sein reales Vorbild Wojtowicz) war Vietnamveteran. Dem damaligen Amerika wurde immer deutlicher, das auch, wenn Kriege in weiter Ferne geführt werden, die Gewalt trotzdem direkt in das Herz des Landes, in die Heimat, zurückkehrt – etwa in Form der leidenden Veteranen.

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Wotjowicz mit Partner Ernest Aaron – heute Elizabeth Eden

Auch Polizeigewalt kommt überdeutlich zur Sprache: „Attica! Attica!“, skandiert Sonny vor den jubelnden Massen. „Remember Attica?“ Nur ein Jahr vor den Ereignissen des Films war ein Aufstand in eben diesem Gefängnis, der Attica Correctional Facility blutig niedergeschlagen worden – 43 Leben hatte der Kampf um bessere Haftbedingungen gefordert. Dieser Ausruf gegen Gewalt gilt noch heute als eins der wichtigsten Filmzitate aller Zeiten. Zornig beschimpft Wortzik einen Polizisten, der seine Waffe auf ihn gerichtet hat, wirft ihm vor: „He wants to kill me so bad i can taste it.“ Und mit Blick auf was folgen sollte, wissen wir – so falsch lag Sonny nicht.

Was Lumet nur ein Jahr später in seiner Mediensatire Network  auf die Spitze treiben sollte, zeichnet sich schon in Hundstage ab – der Wirkung von Fernsehen und Radio, der Meinungsmacher und Nachrichtensprecher steht der Regisseur ambivalent bis kritisch gegenüber. Im Gespräch mit einem Fernsehmoderator herrscht Sensationsgier und Schaulust, bis der Protagonist den Blick auf den Moderator der Fernsehsendung, in welcher er interviewt wird, zurücklenkt. Die Frage, warum er eine Bank überfällt nimmt Sonny fassungslos auf, als er die Frage umkehrt und sich nach dem Verdienst des Moderators erkundigt, wird plötzlich eine Sendestörung vorgetäuscht.

Als klar wird, aus welchen Motiven Sonny die Bank überfällt, stürzen sich die Medien auf seine Homosexualität – sex sells. Auch Sal ist für die breite Öffentlichkeit plötzlich schwul – ob er das will oder nicht. Die Wahrheit ist in diesem Moment für die Journalisten weniger wichtig als die Geschichte.

Ob dies auch bei Filmen gilt, ist eine Frage, die jeder Mensch für sich beantworten muss. Sicher ist nur, dass Hundstage beweist, dass die Welt um uns herum so bewegende Geschichten erzählen kann wie die besten Drehbuchautoren.

Die ganze Welt ist Bühne. Und alle Frauen und Männer bloß Spieler. – William Shakespear, Wie es euch gefällt

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