Kurzrezensionen: Die Jagd, Der große Gatsby

die-jagd-filmplakaten-hd-mads-mikkelsen-thomas-bo-larsen-susse-woldDie Jagd (2012): Mein höchstes Ziel ist es, meinen Figuren und Szenen die Wahrheit abzuringen. Ich schwöre, dies mit allen verfügbaren Mitteln zu tun, auf Kosten jeglichen guten Geschmacks und ästhetischer Überlegungen. So heißt es am Ende des berühmten Keuschheitsgelübdes der Bewegung Dogma 95. Und auch wenn der neuste Film vom Mitautor des Manifestes, Thomas Vinterberg – Die Jagd – sich nicht mehr an die zehn Gebote von damals hält, geht es ihm nicht weniger um die Wahrheitssuche.

Lucas (Mads Mikkelsen) ist Erzieher in einem Kindergarten. Seit kurzem von seiner Frau geschieden versucht er dennoch, die Beziehung zu seinem vierzehnjährigen Sohn Marcus aufrecht zu erhalten.  Er findet Halt bei Freunden aus dem örtlichen Jagdverein und der polnischen Köchin Nadja. Durch ein Missverständnis wird Lucas des Kindesmissbrauchs beschuldigt – die kleine Gemeinde fällt ihr Urteil prompt, und schnell wird gleichgültig, ob er wirklich schuldig ist oder nicht.

Mit einem messerscharfen Blick für menschliche Handlungsmuster, Fehlbarkeit und Befindlichkeiten inszeniert Vinterberg ein intensives Drama über Herdenmentalität und den Schrecken  kleiner Kommunen, in denen Jeder Jeden kennt. Mikkelsen als Protagonist ist so menschlich wie nahbar, die Figuren glaubwürdig gezeichnet. Wir bekommen die Menschheit von ihrer besten und von ihrer schrecklichsten Seite zusehen.

Man könnte dem Film sicher einiges Vorwerfen: Ein emotional manipulativer Blick auf sein Sujet, überzogene Stimulation der Tränendrüse, ein fragwürdiges Frauenbild. Die Jagd kann in seiner Gesamtwirkung jedoch vermitteln, dass das Ziel des Films nicht unreflektiertes Fingerzeigen ist. Nicht bei Einzelnen wird die Schuld gesucht (etwa bei Lucas Schutzbefohlener Klara, welche Auslöser der Ereignisse ist oder seiner Vorgesetzten Grethe) sondern beim Kollektiv, zu Ende gedacht bei der Natur des Menschen. Lucas‘ Jäger sind keine zornigen Strohmänner die zur Katharsis niedergebrannt werden, sondern ganz normale Menschen aus der Nachbarschaft – der Jäger steckt in jedem von uns. Die Banalität des Bösen kann erdrückend sein. Natürlich arbeitet Vinterberg auf eine emotionale Reaktion hin, doch das tut er mit einer solchen Finesse, so geschickt werden Beziehungen gesponnen und narrativ ausgewertet, das nie der Eindruck von Bemühtheit oder gar Eindeutigkeit aufkommt.

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Mads Mikkelsen als Lucas – Vom Jäger zum Gejagten

Aufwühlend und berührend setzt sich Die Jagd mit einem unbequemen Thema auseinander und hinterlässt den Zuschauer Sprach-, aber nicht Stimmlos. Denn die Frage, ob wir am Ende Jäger oder Gejagter wären, hängt in der Luft wie beißender Schießpulverdampf.

20524114Der große Gatsby (2013): Auf dem Papier klang alles so gut: Buz Luhrmann und F. Scott Fitzgeralds Roman The Great Gatsby müssten sich eigentlich perfekt ergänzen. Wer sollte besser die glänzende Oberfläche und die gleichzeitige innere Leere der roaring twenties darstellen als der australische Regisseur – bekannt für Filme geprägt von oberflächlichem Glanz und leeren Figuren?

Mit der Romanvorlage sollten Viele vertraut sein: Nick Carraway (gespielt von Spiderman-Star Tobey Maguire) ist ein junger Börsenmakler und zieht in ein altes Haus auf Long Island. Sein neuer Nachbar ist der undurchsichtige Millionär Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio), welcher in seinem palastartigen Heim rauschende Feste für die High Society von New York schmeißt. Seine Motive reichen jedoch weiter als schnöder Hedonismus – seine Jugendliebe Daisy (Carrey Mulligan) will zurückgewonnen werden, ist jedoch mit dem Ex-Sportler Tom Buchanan (Joel Edgerton) verheiratet.

Luhrmann spinnt zu der Geschichte noch eine Rahmenhandlung hinzu: Carraway erzählt die Handlung nun rückblickend, aus einer Irrenanstalt. Das trägt wenig bis gar nichts zur Aussage bei, ist für den Regisseur aber wohl Gewohnheit seit Moulin Rouge, welcher sich einem ähnlichen Ansatz bediente. Allgemein krankt der Film primär daran, dass als Zuschauer nie der Eindruck entsteht, der Stoff wäre durchdrungen oder auch nur Verstanden worden. Natürlich werden die einzelnen Handlungspunkte brav abgehakt, aber Wirkung und Emotion werden stets erdrückt unter Bildgewalt, Pomp und Kitsch. Als wäre Luhrmann panisch angesichts des Risikos, das Interesse des Publikums zu verlieren, beschmiert er selbst einfach Dialoge mit Effekten, CGI, Spektakel und Gesangsnummern. Oft erinnert man sich nach einer Szene nicht an das, was gesagt wurde, sondern an den Hintergrund, an Menschenmassen oder das in Neonlicht gehüllte New York. Sicher hat der Film viele visuelle Ideen und Spielereien, aber wenige davon tragen wirklich etwas zum Kern der Geschichte bei: Prinzipiell scheint es ein origineller Einfall zu sein, wenn die Landschaften, durch welche die Charaktere reisen, sich ihren Bewohnern anpassen. Die Häuser der Reichen und Schönen erstrahlen in saftigen Grüntönen, die Ghettos des Proletariats sind von einem erdigen braun-grau geprägt. Aber in der Praxis ist das Ganze so grobschlächtig und offensichtlich, so ohne jeglichen Feinsinn, dass man sich als Zuschauer nicht ernst genommen fühlt. Subtil ist Der große Gatsby zu keinem Zeitpunkt,

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Der eigentliche Hauptdarsteller des Films – rauschende Feste

Ein weiterer Idee, die nur im Ansatz funktioniert: Die musikalische Untermalung des Films stammt aus der Feder von Rapper Jay-Z. Und während die Stücke sicher gelungen sind und solide zu Jazz- und Swing-Arrangements verwertet wurden, hat man nie das Gefühl, sie ständen wirklich in einer Beziehung zum Geschehen. Gerade in den opulenten Partyszenen, die die erste Filmhälfte prägen, hat man das Gefühl, Tänzer und Musiker bewegen sich und spielen vollkommen unabhängig vom Soundtrack. Menschen spielen Instrumente und singen, aber nie im Takt der Musik.

Genauso spielen die Darsteller an der eigentlichen Geschichte vorbei. Auch wenn der Film einen sicher beeindruckenden Cast aufweisen kann, sticht keiner der Darsteller wirklich hervor. Ist Carraway im Roman schon wenig mehr als das Vehikel, um welches herum sich die Geschichte entspinnt, wird Maguire hier zu einer blass-beliebigen Randerscheinung. Dies ist jedoch nicht auf Carraway beschränkt, denn jeder Ansatz von Schauspiel wird geschluckt von überbordender Bildgewalt. DiCaprio chargiert gegen dieses Phänomen an und scheitert dabei, Mulligan scheint von Anfang an zu resignieren. Selten sah man einen Film mit so viel (fragwürdigem) Stil und so wenig Substanz.  So wird der Film selbst, und nicht sein Inhalt, zur traurigen Metapher für Dekadenz und Belanglosigkeit. So greift man doch besser ein weiteres Mal zu Fitzgeralds Roman, denn:  Auf dem Papier klang alles so gut.

 

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