Rezension: New World

NEW-WORLD_Character-poster_Lee_smaller-thumb-630xauto-37469Wenige Länder der Welt haben sich in den vergangenen fünfzig Jahren so radikal verändert wie Südkorea. Noch in den sechziger Jahren galt die Republik als isolierter Agrarstaat, heute verbinden wir wenige andere Länder so sehr mit moderner Technologie. Allen  voran Technik-Riese Samsung, aber auch Firmen wie LG oder Hyundai erlangten Weltruhm. Wie überall, wo der Kapitalismus Einzug erhielt, schossen gewaltige Bauten aus Glas und Stahl aus dem Boden und verdrängt nach und nach die Tempel und Hanoks. Die Bewohner dieser palastartigen Wolkenkratzer sind, wie auch sonst auf der Welt, Legionen fast gesichtsloser Anzugträger und CEOs. Eine neue Welt ist entstanden.

Regisseur Hoon-jung Park (unter anderem bekannt als Autor des düsteren und blutigen Rache-Thrillers I Saw The Devil) scheint der Glanz des Fortschritts nicht ganz geheuer zu sein. In seinem zweiten Film New World bemüht er sich um einen Blick hinter die verschlossenen Türen der Meetings und Konferenzen.

Der fiktive Konzern Goldmoon ist wenig mehr als die Fassade für Koreas größtes Verbrechersyndikat. Als der Chef des Unternehmens bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt, beginnt ein harter Kampf um seine Nachfolge. Zwei Kandidaten malen sich Chancen aus: Der impulsive Jung Chung (Hwang Jung-min, bekannt etwa aus A Bittersweet Life) und die Nummer 3 im Konzern, Lee Joong-gu (Park Sung-woong). Koreas Gesetzeshüter sehen eine einmalige Gelegenheit: Über den Auswahlprozess kann das organisierte Verbrechen gesteuert werden. Polizist Kang (Oldboy-Hauptdarsteller Choi Min-Sik) hat vor über 8 Jahren Undercover-Polizist Ja-Sung (Lee Jung-sae) in den Verbrecherring eingeschleust, mittlerweile hat er es zu Jung Chungs rechter Hand gebracht. Eigentlich will er aussteigen und sich mit seiner schwangeren Frau ins Ausland absetzten, doch Kang zwingt ihn – wie könnte es anders sein – zu einem letzten Auftrag. Der Polizist gerät zwischen die Fronten und muss sich die Frage stellen, wem seine wahren Loyalitäten gelten.

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Undercoverpolizist Ja-sung gerät zwischen die Fronten

Nicht nur Fans von Hongkong-Filmen wie Infernal Affairs werden viele Versatzstücke dieser Geschichte bekannt vorkommen. Park bedient sich auch stark beim reichhaltigen Fundus der amerikanischen Gangster- und Kriminalgeschichten, Einflüsse von Scorsese und Coppola sind klar zu erkennen. Immer wieder wird der Zuschauer an Vorbilder wie Goodfellas oder die Paten-Triologie erinnert. Ganz erreicht New World die Genre-Primi nicht, in seinen stärkeren Momenten besteht aber wenig mehr als eine Messerspitze Abstand. Der Film weist genug Eigenständigkeit auf, um sich den Vorwurf, ein Abklatsch zu sein, nicht gefallen lassen zu müssen.

Klar strukturiert erzählt der Regisseur seine Geschichte um Verrat und Freundschaft, stets in einem angemessenen Tempo. Der Film lebt von seinem starken Schauspieler-Ensemble und der spannenden Geschichte, die immer wieder unerwartete Wege einschlägt und an einem Punkt endet, der zwar überrascht, aber dennoch konsequent erscheint. Die Entwicklung von Ja-Sung ist der dramaturgische Kern der Geschichte, Jung-sae spielt die innere Zerrissenheit ausdrucksstark und einfühlsam. Auch wenn viele Menschen über die Leinwand flimmern, wird der Protagonist nie aus den Augen verloren.

Erzählt werden die Ereignisse in vielen Dialogszenen, mal ernst und schwer, mal mit viel Humor. Gerade der oft ordinäre, etwas einfach gestrickte Jung-Chung sorgt für  Lacher – die Freundschaft zwischen ihm und Ja-Sung wird nachvollziehbar, wenn die Beiden als ungleiches Paar herumalbern. Der Undercover-Polizist wirkt in diesen Momenten fast wie der etwas reifere, ältere Bruder des designierten Syndikatsboss – tatsächlich fällt immer wieder das Wort Bro. Schillernde Figuren wie diese sind für den Film zwingend nötig, würden sie doch, wären sie auch nur ein wenig blasser, in den Maßschneideranzug-Massen untergehen. Manche Figuren hätten gerne länger im Fokus bleiben können, die kalte Agentin Sin-woo, Sungs Kontaktfrau, wird sogar einer der eigentlich spannendsten Szenen des Films beraubt, in dem die Kamera mitten in einem Feuergefecht wegschwenkt, gefolgt von einer Schwarzblende. Die Action konzentriert sich in einem ausufernden Kampf der verfeindeten Lager, zuerst ausladend in einer Parkgarage, dann beengt in einem Fahrstuhl. Diese Szenen sind handwerklich gut und packend umgesetzt, Park findet die richtige Schnittmenge aus Dynamik und Übersichtlichkeit, inszenatorisch reihen sie sich perfekt in das Gesamtbild ein.

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Lee Joong-gu (graue Weste) will an die Spitze von Goldmoon. Regisseur Park legt viel Wert darauf, Hierarchien auch räumlich darzustellen.

Etwas zu kurz kommt leider die unterhaltsame Gruppe von Auftragskillern, die etwa nach einem Drittel des Films die Bühne betritt. In ihnen drückt sich auch ein weiteres Thema des Films aus: Rassismus. Aus westlicher Sicht oft schwer zu greifen sind die feinen Trennlinien, die Figuren im Film immer wieder zwischen echten und falschen Koreanern ziehen. Chinesisch-stämmige Gangster werden im oft noch von Tradition beherrschten Korea kritisch beäugt – das Wort Schlitzauge fällt immer wieder, und nur selten zum Spaß.

Park schafft deutlich mehr als nur eine unterhaltsame Kriminalgeschichte, er bedient sich beim reichen Fundus an Zeitgeschehen und Politik, die den koreanischen Alltag bestimmen. Seine egoistischen, brutalen Verbrecherfiguren sind Chiffren für die Business-Männer und Saenuri-Politiker, die das Land unter sich aufteilen, seine Polizisten korrupte Marionetten. Selbst die vermeintlich Guten lassen sich verführen. Die Zukunft sieht düster aus. Wenn eine solche düstere Vision des Kommenden jedoch weiterhin so spannende Filme hervorbringt, gibt es nicht nur Grund zum Verzweifeln – Schöne neue Welt.

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