Rezension: Pain & Gain

pain-and-gain-poster-final-posterEines haben Bodybuilder und Fans von Michael Bay-Filmen gemeinsam: Klassischerweise vermutet man in ihren Rängen eher einfache Zeitgenossen, überwiegend jung und männlich. Wenn man zwischen den beiden Gruppen instinktiv gewisse Überschneidungen vermutet, dürfte man damit nicht zwangsläufig falsch liegen. Auf diesen Gedanken sind wohl auch Bay und sein Produktionsteam gekommen, als Pain & Gain, der jüngste Film des Kaliforniers, konzipiert wurde.

Wer nun also lediglich Explosionen, Gewalt, Testosteron, schwitzende Männermuskeln und knapp bekleidete Frauen erwartet liegt – nun ja, erst einmal absolut richtig. Scheinbar hat der chronisch unter Kritikerliebe-Mangel leidende Regisseur (bekannt für unter anderem die Transformers- und Bad Boys-Reihen) sich darüber hinaus noch eine Art Alibi-Botschaft überlegt. Das Wort Subtext in jeder nur vorstellbaren Hinsicht missverstehend plakatiert Ultrapatriot Bay die Filmcover mit amerikanischen Flagge und posaunt es förmlich hinaus: Pain & Gain handelt vom amerikanischen Traum. Im Hintergrund fliegt ein Weißkopfseeadler vorbei.

“Unfortunately this is a real story”, berichtet zu Beginn Bodybuilder Daniel Lugo, gespielt von Mark Wahlberg. Der Fitnesscoach arbeitet in einem Studio in Miami, fühlt sich aber zu höherem berufen. Beseelt von dem Glauben an Selbstverbesserung und inspiriert durch Filme wie Scarface, Rocky und die Pate-Trilogie entschließt das etwas minderbemittelte Muskelpaket einen seiner Kunden, den reichen Restaurantketten-Besitzer Victor Kershaw (Tony Shalhoub) zu entführen und enteignen. Unterstützung findet er in dem von Potenzproblemen geplagten Adrian Doorbal (Anthony Mackie) und dem wiedergeborenen Christen Paul Doyle (Dwayne Johnson  – besser bekannt als The Rock). Zunächst scheint alles gut zu laufen und die drei Kraftsportler suhlen sich im neu erlangten Reichtum, doch als sie versuchen sich Kershaw endgültig zu entledigen, überlebt dieser und landet im Krankenhaus. Von der Polizei verlacht wendet er sich an Privatdetektiv Ed DuBois (Ed Harris) der sich an die Fersen des Dreiergespanns heftet.

Bay demonstriert von Anfang an, dass er für keine seiner Protagonisten auch nur die geringste Sympathie hegt. Vom Macher von Bad Boys und Armageddon erwartet sicher Niemand eine feinfühlige Charakterstudie, aber in Pain & Gain wird weit ausgeholt, um dem Zuschauer zu demonstrieren, dass jegliches Mitgefühl für Lugo und Co fehl am Platz ist. Hierbei stößt er schnell an eine Grenze: Wie kann man einem durchschnittlichen Blockbuster-Zuschauer zeigen, dass ein Charakter von mehr als schlichtem Gemüt ist, ohne die eigene Zielgruppe zu vor den Kopf zu stoßen? Man macht aus ihnen fast cartoonhaft überzeichnete Sandsäcke, auf die Drehbuch und Umwelt permanent einprügeln.

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Durchtrainiert: Wahlberg, Johnson und Mackie

Das ist eine Weile auch durchaus unterhaltsam: Wahlberg und Johnson scheinen wirklich Freude an ihren Figuren gefunden zu haben und spielen die Körperkünstler mit einer bewundernswerten Hingabe. Die Darsteller haben in Vorbereitung auf die Rolle ordentlich Eisen gestemmt und sich in fast groteske Muskelmonster verwandelt – Wahlberg bewirbt gleichzeitig seine neue Reihe an Nahrungsergänzungsmitteln und Eiweißpräparaten unter dem Namen MARKED. Einige Lacher kann man dem Film sicher nicht absprechen – wenn Lugo behauptet, er hätte als Soldat eine Woche auf einem Baum in Hongkong verbracht oder auf die Frage, wo der vermisste Kershaw ist, verwirrt antwortet „Ich dachte er ist in Europa, Elefanten retten“, fühlt man sich an (deutlich bessere) Filme wie Zoolander oder Die nackte Kanone erinnert. Viele Einzeiler glücken, und The Rock ist eigentlich für jeden Film, in dem er auftaucht, eine wirkliche Bereicherung.

Paul Doyle: Why’d you make me do that to you, Victor? I have responsibilities! Jesus Christ himself has blessed me with many gifts! One of them is knocking someone the fuck out!

Aufbau und Art des Humors bleibt jedoch sehr gleichförmig und meist wenig originell, Ziele wie Dicke, Schwule, schöne Frauen, hässliche Frauen, Alte, Kleinwüchsige und später auch Tote locken im besten Fall ein müdes Lächeln hervor. Im schlimmsten Fall ist man genervt vom allzu infantilen Drehbuch und dem regressiven Weltbild. Witze über Vergewaltigung, Menschenhandel und Folter schocken im August 2013 Niemanden mehr, sondern sorgen eher für Kopfschütteln. Vielleicht freut sich ja irgendwer über die „herrliche politische Unkorrektheit“ und kommentiert das Geschehen mit einem zünftigen „das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

Wo der flache Kalauer regiert, ist natürlich auch der zur laufenden Pointe degradierte Ken Jeong (Mr. Chow aus Hangover, Senior Chang in Community) nicht weit. Als aufgedrehter Motivationstrainer („Are you a doer or a donter ?“) steht er für den Versuch Bays, eine Satire auf den amerikanischen Mythos des Selfmade-Man zu schaffen. Immer wieder monologisieren die Darsteller innerlich über ihre Ziele, über dass, was ihnen zusteht und ihre Ambitionen und Wünsche. Lugo wird dargestellt als selbstsüchtiger Neider, der den Reichen die Ergebnisse ihrer harten Arbeit nicht gönnt, zerfressen von Minderwertigkeitskomplexen. Im Endeffekt macht sich der Film zur Aufgabe, die Armen und weniger Erfolgreichen zu verspotten. Bis in die Todeszelle hat es Lugo und Doyle in der Realität getrieben – dem Film zufolge absolut verdient, nicht ein Hauch von Mitleid schlägt den Figuren entgegen.

Weder Bodybuilder noch Fitness-Verweigerer werden angesichts des Gezeigten etwas Neues über das Thema Kraftsport erfahren – von Beginn an etwas Stiefmütterlich behandelt wird dieser Aspekt der Geschichte nach und nach in den Hintergrund gedrängt. Warum der Film mit der Thematik wirbt, wenn er kein wirkliches Interesse an ihr besitzt, erschließt sich wohl nur den Produzenten – Verkaufsargument wird wohl kaum sein, das The Rock und Marky Mark jetzt noch muskulöser sind als vorher?

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Erstaunlich: In Pain & Gain gibt es auch Witze über Penisse

Viel traut Bay seinem Publikum nicht zu: Immer und immer wieder erklärt er seine Botschaft und seine Moral, bis auch der Letzte sie versteht. Wenn in einer Szene Johnsons Charaktere Zweifel an seinem Handeln hat und es wirkt, als könnte Geisel Kershaw ihn auf seine Seite ziehen, erklärt eine hilfreiche Texteinblendung ihn zum „schwächsten Glied der Kette“. Schade, dass nicht mehr Filme von diesem Kunstgriff profitieren können, wer würde sich nicht über eine „Rosebud war sein Schlitten aus Kindheitstagen“ oder „Er war schon die ganze Zeit ein Geist“-Einblendung freuen, die im passenden Moment ins Bild ploppen.

Pain & Gain krankt aber an mehr als nur schlechten Witzen und Satire, die auf jeder Ebene scheitert. Selbst die Geschichte ist wenig einnehmend, der Spannungsbogen wird über die deutlich zu lange Laufzeit von mehr als zwei Stunden irgendwann aufgegeben für wabernd-mäandrierendes Actiongewusel ohne Wucht und Wirkung.  Am Ende gibt es Helikopter im 360 Grad Kameraschwenk, man ist ja schließlich in einem Michael Bay Film. Fans des Musikvideo-Ästheten und der Todesstrafe dürfen bedenkenlos zugreifen, Anhänger von Kraftsport, Actionfilmen, Humor oder der  menschlicher Würde können sich den Besuch sparen. Pain & Gain sorgt für Schmerz, der Gewinn bleibt aus.

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