Rezension: The World´s End

the-worlds-end-poster02Die Sisters of Mercy sind eine der zahllosen Rockbands, die den Gipfel ihres Erfolgs in den achtziger Jahren erklommen, nur um danach in Vergessenheit zu geraten. Und wie so oft gab es Comeback-Versuche, eine Reuniontour in den Neunzigern, Konzerte bis in das Jahr 2013. Immer wieder betrachten Fans und Menschen, die sich früher solche nannten, kopfschüttelnd wie Idole der Jugend nicht ablassen können und bis ins hohe Alter versuchen, die Zeit ihrer warholschen 15 Minuten wieder aufleben zu lassen. Viele Menschen hängen dem vermeintlichen Höhepunkt ihres Lebens lange nach, nicht jeder Mensch altert in Würde.

Garry King ist einer dieser Menschen. Als schlacksiger Siebzehnjähriger trägt er ein T-Shirt der britischen Rockband. Als wir Ihn zu Beginn von Edgar Wrights neuem Film, The World´s End, treffen, ist er um 20 Jahre gealtert, das Shirt ist das Gleiche. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit ist es sogar dasselbe.

Als im Jahr 2004 Shaun of the Dead erschien, traf der Film einen Nerv, sowohl bei Fans, als auch bei Kritikern. Regisseur und Autor Wright bot etwas, dass fast ausgestorben schien: Eine Genreparodie, die wirklich lustig war und dabei nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner anpeilte. In einer Zeit, in der die Filme der Monty Pythons oder das Frühwerk der Zucker-Brüder nur noch eine vage Erinnerung waren, und der Zeitgeist Machwerke wie die Scary Movie-Reihe ausspuckte, kam das anarchische Erstlingswerk (dessen Drehbuch mittlerweile Online zu finden ist) des Briten genau richtig.

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Die Vorgänger von The World´s End

Zuerst eher wenig beachtet, mauserte sich die unterhaltsame Zombiegeschichte um die Freunde Shaun und Ed, gespielt von Simon Pegg und Nick Frost, schnell zum Kultfilm. Drei Jahre später erschien der nächste Film des Dreiergespanns Frost/Pegg/Wright, ihre Hommage an den Actionfilm der Achtziger und Neunziger, Hot Fuzz. Während der Promotion-Phase wurde Wright auf eine Gemeinsamkeit der beiden Filme hingewiesen: Cornetto-Eiskrem. In beiden Filmen wurde von den Protagonisten genüsslich Eis der mit Herz-Logo versehen Unilever-Marke geschleckt, die Frage ob eine Trilogie geplant sei bewegte den Regisseur zu der scherzhaften Antwort, man orientiere sich an Krzysztof Kieślowski und seiner Drei Farben-Reihe. Die Cornetto-Trilogie war geboren.

Jetzt, im Jahr 2013, findet diese ihren (endgültigen?) Abschluss mit der Endzeit-Science Fiction-Komödie The World´s End: Vor 20 Jahren sind die Freunde Gary, Andy, Steven, Peter und Oliver an einer Kneipentour durch ihre Heimatstadt Newton Haven gescheitert. Die so genannte „Goldene Meile“ besteht aus 12 Pubs, in jeder galt es einen Pint (für Kontinentaleuropäer: 0,568 Liter) zu trinken. Seit dem ist viel Zeit ins Land gegangen, die ehemaligen Teenager sind erwachsen geworden: Oliver (gespielt von Martin Freeman) ist ein mit seinem Headset verwachsener Makler geworden,  Steven (Paddy Considine) arbeitet bei einer Baufirma, Peter (Eddie Marsan) ist Partner beim Autohaus seines Vaters und auch Andy (Nick Frost) steht fest im Berufsleben. Sie alle sind eher wenig begeistert, als Gary (Simo Pegg) plötzlich in ihrem Leben auftaucht mit der Idee, die Tour zu wiederholen und diesmal abzuschließen. Nur wiederwillig und, wie sich später herausstellt, unter Vortäuschung falscher Tatsachen, lassen sich die früheren Freunde überreden in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Dort treffen sie nicht nur Freunde und Feinde aus ihrer Jugend, sondern auch eine  Bedrohung für die gesamte Menschheit apokalyptischen Ausmaßes: Eine außerirdische Macht mit dem Namen „Network“ versucht die Menschheit zu unterjochen und ersetzt die Bürger der Kleinstadt nach und nach durch Roboter.

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Von Links nach Rechts: Oliver Chamberlain, Steven Prince, Gary King, Andy Knightley, Peter Page.
Wieder von Links nach Rechts : Martin Freeman,  Paddy Considine, Simon Pegg, Nick Frost, Eddie Marsan

Gary, früher Anführer der Truppe,  ist eine Figur die ganz und gar in der Vergangenheit verhaftet ist. Als einziger hat King nicht den Sprung in die Arbeitswelt geschafft, der genesende Alkoholiker pendelt zwischen Reha, Selbsthilfegruppen und den nostalgischen Gedanken an bessere Zeiten. Er fährt dasselbe Auto wie zu Jugendzeiten, in der Musikanlage steckt noch immer die selbe Kassette. Schnell wird klar, dass The World´s End  einen anderen Ton aufweist, als seine beiden Vorgänger. Natürlich ist der Film immer noch überwiegend eine Komödie, aber die sporadisch auftretenden Drama- und Charaktermomente aus Shaun of the Dead und Hot Fuzz sind hier deutlich präsenter. Die klassiche Dynamik der Buddy Komödie wird zugunsten eines Ensemblestücks aufgegeben. Immer noch stehen Frost und Pegg im Mittelpunkt, aber den Nebenfiguren früherer Filme wird deutlich mehr Raum gegeben: Considine, Marsan und Freeman haben alle eigene Motivationen und Charakterentwicklung, bekommen vom Drehbuch genug zu tun und sind mehr als Staffage. Auch Stevens (und Garys) Jugendliebe Sam (Rosamund Pike), die im Laufe der Geschichte zur Gruppe stößt, trägt ihren Teil bei.

Dieser Umstand ist auch darauf zurückzuführen, dass Wright seinen Zuschauern ganz bewusst einen nicht unbedingt sympathischen Protagonisten vorsetzt: Peggs Gary King ist selbstsüchtig, manipulativ, unreif und alles in allem kein Mensch, mit dem man gerne seine Zeit verbringen möchte. Auch als Chaos ausbricht und es um das nackte Überleben geht, hängt er weiter an seinem Plan. Der Abschluss der „Goldenen Meile“ ist alles was ihm noch bleibt, alles nach dem er strebt.

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Leuchten Blau, sind gefährlich: Roboter. Im Film streiten die Freunde über einen passenden Namen für die gefährlichen Maschinen, bester Vorschlag: Smashy Smashy Eggmen.

Trotz der stellenweise ernsten Thematik ist The World´s End ein wirklich lustiger, unterhaltsamer Film. Wrights Drehbuch ist in einem so beeindruckenden Maße dicht und originell, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Alles was in der ersten Hälfte des Films aufgebaut wird, zahlt sich später in der einen oder andern Weise aus. Akribisch, und doch fast wie beiläufig und ohne Mühe, verdient sich der Film jeden Witz, Drama und Humor gehen Hand in Hand ohne einander zu verwässern oder zu entwerten, ohne dass der Film ikonsistent oder inkonsequent wirkt. Die schnellen, gewitzten Dialoge der Vorgänger-Filme sind genauso vorhanden wie die fast schon beiläufigen Gags, die einem vielleicht erst beim zweiten oder dritten Sehen auffallen. Dennoch hat man nie das Gefühl, das sich Wright und Pegg wiederholen, der Humor im neuen Film ist eigenständig, weniger Popkultur- und stärker figurenbezogen.

Das Gefühl vor einer Schatzkiste zu stehen, zu der man immer wieder zurückkehren kann, um etwas Neues zu entdecken, lässt den Zuschauer schon nach dem ersten Kinobesuch nicht mehr los, eine Qualität, die auch andere Filme Wrights, wie etwa Scott Pilgrim, aufweisen. Dies schlägt sich auch im Aufbau der Bilder und Sets wieder, wer aufmerksam den Hintergrund beobachtet, entdeckt zahllose kleine Gags, Anspielungen und sieht auf originelle Weise bestimmte Teile der Handlung vorweggenommen. So werden die 12 Pubs selber ein Teil der großen Darstellerriege, ihre sprechende Namen sind wie die Überschriften eines neuen Kapitels. Vom ersten Pub, „The First Post“ bis zum titelgebenden „The World´s End“ geht die die turbulente Reise- was etwa in „The Beehive“ oder im „Trusty Servant“ geschieht, darf sich Jeder selbst ausmalen . Der Soundtrack besteht genau aus der Musik, die Gary verehrt und die Teil seines Lebensmantras ist, und genau wie er stammt sie nahezu vollständig aus den späten achtziger- und frühen neunziger Jahren. Titel wie „Come Home“, „Get a Life“ und “Step Adrift on Memory Bliss” sprechen eine deutliche Sprache.

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Eine der Kampfszenen.

Für Gary selbst fast nebensächlich, werden die Freunde nach etwa einem Drittel des Films plötzlich mit dem Umstand konfrontiert, dass Aliens die Bürger ihrer Heimatstadt nach Art von Angriff der Körperfresser oder Die Frauen von Stepford durch Roboter ersetzt haben, . Diese werden in aberwitzigen Action-Szenen bekämpft, sind aber vor allem Teil einer größer angelegten Botschaft, die Wright sichtbar am Herzen liegt. Selbst diese Kämpfe sind durchsetzt von Witzen und Slapstick, schaffen es aber gleichzeitig etwas über die Figuren auszusagen und ihnen tiefe zu verleihen. Auch wenn es lustig zugeht, steht viel auf dem Spiel.

Der Regisseur sucht nach der Schönheit des menschlichen Makels, nach der Bedeutung von Individualität ohne dabei kindisch, unreif oder libertär zu werden. Dem adoleszenten, kompromisslosen Freiheitswillen, den Gary verkörpert, stehen die Autoren Wright und Pegg durchaus ambivalent gegenüber, der glatten, gleichgeschalteten Welt des Kapitalismus, der seine Freunde verfallen sind aber auch. Wirklich glücklich werden beide Seiten nicht. Auf der Suche nach dem Kompromiss zwischen Ausverkauf und Peter-Pan Syndrom stolpert der Film schließlich über ein Zitat von Dichter Alexander Pope:

„To Err is Human, to Forgive Divine“

Ohne dem Pathos zu verfallen, gelingt es The Worlds´s End große Momente zu schaffen. Der Film ist ambitionierter und vielschichtiger als die anderen Cornetto-Filme, kann zwar nicht vollständig die frische und den Überraschungseffekt von Shaun wiederholen, ist aber dennoch ein mehr als würdiger Abschluss der Trilogie. Falls es bei einer solchen bleibt – erst vor kurzem verkündete Wright, es gäbe ja doch mehr als 3 Sorten Cornetto-Eiskrem…

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In einer Cameo-Rolle als ehemaliger Lehrer der Gruppe zu sehen: Ex-Bond Pierce Brosnan.

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