Rezension: jOBS

jobs-poster-ashton-kutcherÜber David Leans „Lawrence von Arabien“ hat der Filmhistoriker Ulrich Gregor einmal geschrieben, es handele sich bei dem Film um die „romantische Glorifizierung eines Übermenschen“. Und sicher, der mehrstündige Abenteuerfilm, voll mit glorreichen Gefechten und anderweitigen, nicht minder heroischen Taten, zeichnet kein historisch akkurates Bild des britischen Offiziers Thomas Edward Lawrence. Wen auch immer Peter O´Toole auf der Leinwand verkörperte – dieser Mensch war faszinierend und aufregend, aber auch voller Selbstzweifel und im Endeffekt zum Umdenken gezwungen, selbstreflektiert. Die Schrecken des Krieges trieben ihn weit fort von jeder Heldenverehrung. Dennoch gibt es Statuen von ihm, sein Angesicht in Stein gemeißelt und für nachfolgende Generationen bewahren. Menschen sind stets auf der Suche nach Helden.

Für viele ist Apple-Mitbegründer Steve Jobs ein solcher, und wie T.E. Lawrence zuvor wurde auch ihm ein Denkmal in Form eines Films gesetzt. Wir begegnen Jobs in der nach ihm benannten Leinwand-Biographie zum ersten Mal im Jahr 2001, bei der Vorstellung des iPods. Zu pompöser Musik stolziert der bärtige Mann mit Halbglatze vorbei an einer Art Ahnengalerie, vorbei an Menschen wie Gandhi und Einstein. Menschen, die Viele für die größten Geister ihrer Zeit hielten. Zu ihrem geistigen Nachfolger hatte Jobs sich gerne stilisiert, der Film tut es ihm gleich. Die ganze Zeit über blickt man in die strahlenden Gesichter seiner Verehrer, lauscht dem Jubel, schnell nagt eine Frage sich ins Unterbewusstsein: Was soll dieser Applaus? Was hat dieser Mann geleistet? Es wird ein elektrisches Gerät vorgestellt, es kann Tondateien abspielen, Musik. Vergleichbare Geräte gab es bereits seit mehreren Jahren in jedem entsprechenden Fachgeschäft zu kaufen, die meisten Modelle deutlich günstiger. „Herzen berühren“ will Jobs damit. Der Jubel gilt also plumpen, offensichtlichen Marketingphrasen. Denn wo, außerhalb von Werbung, bejubeln wir triviale Konsumgüter?

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Ashton Kutcher als Steve Jobs – hier mit den beschaulichen Anfängen von Apple als Garagenfirma.

Und so beginnt die Tragödie. Wer eine Biographie schreibt, versucht dadurch die Essenz eines Lebens festzuhalten, nicht nur um einen Menschen zu portraitieren, sondern auch,  um seine Botschaft für die Nachwelt zu bewahren. So genannte Biopics, Filmbiographien, gelingen in der Regel dann besonders gut, wenn es Regisseuren gelingt, nicht nur etwas über einen Menschen, sondern über den Menschen an sich etwas auszusagen. Dabei müssen auch die düsteren Seiten einer Persönlichkeit, ihre Schwächen, Laster und Fehltritte zu erkennen sein. In dieser Hinsicht versagt „jOBS“ ( der Titel ist angeglichen an die alberne, vom Konzern erwünschte Marketingschreibweise der Applegeräte) vollkommen.

Auf der Handlungseben ist der Film simpel: Wir bekommen in ungefähr chronologischer Reihenfolge wichtige Stationen im Leben des späteren CEO zu sehen, beginnend in seiner Collegezeit. Jobs hat das Studium aufgegeben, besucht aber weiterhin Kurse. Er macht Erfahrungen mit Drogen und Frauen, reist nach Indien für die spirituelle Erleuchtung. Das alles wird zu keinem Zeitpunkt hinterfragt, in naiv-esoterischen Montagen sehen wir das spirituelle Erwachen des jungen Manns und verfolgen zu anschwellender, pathetischer Musik die Initialzündung des vermeintlichen Genius. Diese Montagen werden uns den ganzen Film hindurch begleiten, immer wieder wird Zeit gestrafft zu Klängen, die direkt aus einem Appel-Werbespot auf die Leinwand zu kriechen scheinen – als Ersatz für so etwas wie Handlung oder einen Spannungsbogen. Der Film befindet sich in einem ewigen Aufbau, ein zweistündiger, audiovisueller Crescendo, der im Endeffekt aber eine Treppe ins Nichts bleibt. Wo ein herkömmlicher Werbefilm mit dem Logo einer Firma endet, kann dieser besonders Aufwändige Werbefilm nur mit dem Abspann aufwarten. Die Geschichte findet keinen Abschluss, kein Fazit, und wirkt, trotz fast schon erdrückender Überlänge, plötzlich und überhastet.

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Die Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, überzeugend ist Kutchers Darstellung dennoch zu keinem Zeitpunkt.

In dem Moment, in dem wir den jungen Jobs sehen, ist bereits jede Dramaturgie gewichen. Wir haben unseren Helden triumphieren sehen, frenetisch bejubelt wie einen Heiligen. Sicher gab es Tiefpunkte und Scheitern im Leben des ehemaligen Hippies, aber in keinem Augenblick gelingt es Drehbuchautor und Regisseur auch nur im Ansatz so etwas wie Spannung oder das spürbare Risiko des Versagens  zu vermitteln. Steve Jobs, verkörpert vom ewig jugendlichen Ashton Kutcher, scheint durch sein Leben zu gleiten wie auf einem Laufband. Welche existenzielle Bedrohung erwartet einen Menschen, der mit Mitte Zwanzig schon mehrfacher Millionär ist? Hindernisse wirken trivial, wie Nacktschnecken die versuchen eine Dampfwalze zu stoppen.

Seine Mitstreiter und Wegbegleiter werden vom Film behandelt wie von Jobs selbst: Als austauschbare Werkzeuge, lachhafte Figuren, deren Lebensinhalt maximal darin bestehen kann, den Ruhm des wahren Genies zu fördern. Steve Wozniak etwa, Mitbegründer des Unternehmens, wird zum menschlichen Running Gag, als technikverliebtes Nerd-Gegenstück zu Jobs Vision von Design und Eleganz. Der Film spiegelt hier das Prinzip Apple – Form bedeutet mehr als Funktion, Glanz mehr als Tiefe. Jobs ist zu jedem Menschen um sich herablassend und überheblich, aber das Lastet ihm der Regisseur wohl keinesfalls an: Wir sollen verzeihen angesichts der Brillanz, Arroganz wird zum leichten Makel, einer harmlosen Idiosynkrasie. Fehler zu übergehen wäre fahrlässig gewesen, sie als legitim und vernachlässigbar darzustellen, ist stolz präsentierte Ignoranz. Über die lieblose, distanzierte Beziehung zu Jobs Tochter blendet der Film (in der Gefühlt tausendsten Montagen) einfach hinweg und räumt ihr somit genau so viel Raum ein, wie sie auch in Jobs Leben hatte. Das der Regisseur auch auf eine technischen Ebene die Perspektive seines Protagnisten einnimmt, bleibt kein Einzelfall: Fast durchgängig fehlt die nötige Distanz zum Subjekt.

Bösewichte und klassische Antagonisten hat der Film durchaus zu bieten: Der ehemalige Computerriese IBM wird zum gesichtslosen Feind aufgebaut, Microsoft und Bill Gates zur persönlichen Nemesis. In einer Szene sehen wir den bekannten, an Orwells 1984 angelehnten Apple-Werbespot für den Macintosh. Unreflektiert wählt „jOBS“ das David- gegen Goliath-Motiv, findet aber keinen Raum für die inhärente Ironie, die jeder Mensch, der im Jahr 2013 lebt, in diesem Moment verspürt. Wer sich den Film heute anschaut, wird IBM unter Umständen noch vage im Kopf behalten haben – als Phänomen der Vergangenheit. Den multinationale Konzern Apple wird ihm aber präsent sein als der Behemoth, den dieser nun einmal darstellt. Wir fühlen nicht mit Institutionen, sondern mit Individuen, und vor allem dank Kutchers blassem Schauspiel ist Jobs hier wenig mehr als die Summe von Appels Markenkern und Produktideologie, das Konzept der „corporate personhood“ aus den vereinigten Staaten bekommt eine perverse Logik. In solchen Momenten regt uns das Konsumprodukt Film an, den Goliath von Gestern zugunsten des Goliaths von Heute zu hassen.  Kapitalismus ist gleichbedeutend mit Konkurrenz, und immer wieder beobachten wir Menschen, die Partisanen in diesen bedeutungslosen Schaukämpfen werden. Das Internet ist voller Diskussionen zwischen Applejüngern und Samsungfans, Videospieler streiten um die beste Konsole. Jobs ist im besten Fall ein widerwärtiges Mahnmal dieser Konflikte, die dem modernen Menschen so etwas wie Wahlfreiheit simulieren.

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Big Brother in der Macintosh-Werbung von 1984: jOBS ist blind gegenüber der historischen Ironie. Gleichzeitig ist der Film selber mehr Werbung als Unterhaltung.

Denn natürlich braucht jeder Orientierung in seinem Leben, seine Vorbilder und Helden, egal für wie Selbstbestimmt und Einzigartig wir uns auch halten mögen. Nur aus der Erfahrung lebender Menschen können wir einen moralischen Kompass entwickeln, nur an den Modellentwürfen unserer Vorväter festmachen, was wir für ein wertiges, ein gutes Leben halten. Vielleicht zählt Gandhi zu unseren Vorbildern, vielleicht Einstein, vielleicht sogar Thomas Edward Lawrence mit seinen Schriften über Frieden und den menschlichen Geist. Die Geschichte ist voller Rebellen und großer Geister mit lauten und leisen Stimmen, voller Zorn oder Sanftmut. Doch jOBS ist ein Beispiel der düsteren, korrumpierten, unkritischen Heldenverehrung, die in der Geschichte zu vielen schrecklichen Katastrophen geführt hat, die technokratische Liebe zur Maschine. Die Grenze zwischen Unterhaltung und Propaganda ist schmal, die Grenze zwischen Werbung und Propaganda nicht vorhanden. jOBS ist anstößig, emotional leer, moralisch verwerflich und vor allem: Ein schrecklicher Film.

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