Rezension: Gravity

GRAV_TeaserPoster_v3.inddDouglas Adams hat in seiner Science Fiction-Satire „Per Anhalter durch die Galaxis“ eine  bedrohliche, angsteinflößende Technologie erdacht. Der so genannte „Totale Durchblicksstrudel“ ist das grauenhafteste Folterinstrument, das jemals geschaffen wurde. Dabei schadet die Maschine weder dem Körper, noch dem Geist, sondern stellt vielmehr die „grausamste Seelenfolter, der ein fühlendes Wesen ausgesetzt werden kann“ dar. Aber was tut diese Apparatur denn nun tatsächlich? Sie verleiht dem Menschen einen Sinn für Perspektive. Sie zeigt dem Menschen die Gesamtheit der Schöpfung, die Unendlichkeit des Universums – und dann, im Verhältnis dazu, den Einzelnen. Seine Bedeutungslosigkeit, seine insignifikante Winzigkeit, seine Vergänglichkeit im Kontrast zum ewigen Universum.

Ähnlich muss sich auch Ryan Stone fühlen, als sie hilflos durch den Weltraum schwebt. In einer frühen Szene aus Gravity, dem neuen Film des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón, sehen wir die Ingenieurin durchs Leere treiben, immer kleiner wird sie im Verhältnis zur Erde, eine Plansequenz von atemberaubender Schönheit. Das Unendliche ist für den Menschen in seiner Gedankenwelt nicht zu erfassen, wir stoßen immer wieder an die Grenzen unserer Vorstellungskraft. Cuarón kommt dem Unermesslichen so nahe, wie es mit dem Medium Film möglich scheint.

Die Handlung von Gravity ist so reduziert und minimalistisch wie der Titel: Die Astronauten Matt Kowalski (George Clooney) und Ryan Stone (Sandra Bullock) sind auf einer Routinemission, es sollen Reparaturen am Hubble-Teleskop durchgeführt werden. Die Beiden scherzen, der erfahrene Kowalski erzählt dem Bodenpersonal heitere Anekdoten. Doch plötzlich kommt es zur Katastrophe: Trümmerteile eins russischen Satelliten zerstören das Shuttle der Raumfahrer und schleudern sie ins Nichts. Ihr einzige Hoffnung ist, sich zur Internationalen Raumstation ISS durchzuschlagen. Ein Überlebenskampf in der Schwerelosigkeit beginnt.

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Dr. Ryan Stone und Matt Kowalski bei der gemeinsamen Arbeit am Hubble-Teleskop

Wer Gravity erfassen will, muss zunächst Bilder beschreiben, technische Aspekte. Den wie die Figuren des Films verlieren auch diese die Haftung, der Blick des Zuschauers schwebt vermeintlich frei durch den Raum, kreist und rotiert durch das Nichts. Wo das Kino uns sonst ein Oben und Unten, ein Hinten und Vorne präsentiert, gibt es hier nur vage Bezugspunkte. Die Erde, Trümmerteile, Raumstationen. Diese Desorientierung fangen Curáon und sein Kameramann Emmanuel Lubezki so gekonnt ein, dass die Filmerfahrung fast eine physische Qualität annimmt. Wir ringen gemeinsam mit den Leinwandfiguren nach Luft, sind desorientiert wenn sie es sind. Dies hängt auch mit den realistischen Spezialeffekten zusammen, die aktuell ihresgleichen suchen. Keinem Science Fiction-Film (und um einen solchen handelt es sich bei Gravity wohl) in der Geschichte des Kinos gelang bisher eine solche Immersion in die unendlichen Weiten – zumal die 3D-Effekte durchaus gelungen sind und eine weitere Legitimation für den dreidimensionalen Film an sich darstellen.

Nach dem ursprünglichen Unglück sind Stone und Kowalski auf sich gestellt, der Funkkontakt zur Erde scheint verloren oder zumindest auf das Senden reduziert zu sein. Nur eine dünne Leine verbindet die zwei Gestrandeten. Die Beiden reagieren unterschiedlich auf die Leere um sie: Kowalski bleibt optimistisch und Selbstbewusst, füllt den Raum mit Geschichten, erforscht Stone und ihre Vergangenheit. Diese wird nämlich von einem düsteren Ereignis überschattet, eine ganz persönliche Katastrophe, welche die Ingenieurin auf ihre ganz eigene Weise den halt verlieren ließ.

Denn natürlich geht es um mehr als das reine Überleben von zwei Menschen, natürlich ist das existenzialistische Nichts Rahmen für größere Fragen. Da wäre zunächst die Leere als Sinnbild einer allumfassenden Katastrophe, die innere Leere die Ryan Stone empfindet scheint in ihrer Außenwelt reflektiert. Die Begegnung mit dem Unendlichen wird häufig gleichgesetzt mit der Begegnung mit Gott, und tatsächlich spielt Glaube und Spiritualität eine große Rolle in Cuaróns Film: In einem verzweifelten Moment beginnt die Astronautin, konfrontiert mit ihrem nahenden Ende, sogar zu beten. Dabei werden die Monologe nie pathetisch oder albern und verweigern sich auf angenehme Weise einer klaren Botschaft oder dem erhobenen Zeigefinger. Denn der Augenblick, in dem alles verloren scheint, so zeigt es der Filmemacher, ist auch einer, in dem wir erkenne können, was diesen Menschen ausmacht.

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George Clooney als Matt Kowalski

In solchen Moment wird klar, dass es dem Regisseur bei all den bombastischen Effekten, den Explosionen und Raumschiffen und den Planeten vor allem um den Menschen geht. Der moderne Blockbuster mit seinen CGI-Effekten läuft immer Gefahr, monumental und gewaltig, aber emotional leer zu sein. Wir können uns vorstellen welche Wirkung ein Autounfall oder ein Faustkampf hat, aber für die Materialschlachten eines Man of Steel oder Pacific Rim fehlen uns die Erfahrungswerte. Gerade bei der Superhelden-Neuauflage wurden ganze Städte und Schutt und Asche gelegt, ohne dass auch nur eine Sekunde an die Opfer gedacht wird, an Menschen wie den Zuschauer selbst. Und auch wenn wir selten verloren durch den Weltraum gleiten, kann Cuarón uns vermitteln, was wir dabei fühlen würden, kann uns die Kräfte, die auf den Körper einwirken, begreifbar machen. In einer sehr gelungenen Einstellung gleiten wir tatsächlich langsam unter den Helm der Protagonistin und nehmen ihre Perspektive ein. Der Blick der Kamera , und mit ihr die Gesamtheit des erfassbaren Universums, wird reduziert auf diese dünne Hülle, das einzige was an Geräuschkulisse bleibt ist unser Atem.

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Regisseur Alfonso Cuarón

Ihr Übriges zum Gesamtbild tragen die wirklich gelungenen Darstellerleistungen bei: Natürlich ist George Clooney vor allem George Clooney, aber selten wirkt dieser Hybrid aus fiktiver Filmfigur und realem Star wie hier. Die abgeklärte Selbstsicherheit und kumpelhaft-flapsige Gewitztheit verleihen dem erfahrenen Astronauten eine Aura von Expertise und machen ihn zu einem Ankerpunkt. Die Vorgeschichte des Zuschauers mit dem Darsteller, sein öffentliches Bild und sein Status lenken hier nicht von der Figur ab, sondern helfen den Rockstar-Status den Kowalski besitzt zu untermauern.

Bullock, welche die umfangreichere Rolle innehat, ist zuständig für die großen (Schauspiel-)Momente des Films – wir sehen sie in emotionalen Nahaufnahmen, stets mit einer Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung in den Augen. Jede Geste und jeder Blick fügt sich nahtlos ein in ein stimmiges Gesamtbild. Wenn sich Dr. Ryan Stone das erste Mal ihres Raumanzugs entledigen kann und, stärker noch als zuvor, ein Mensch innerhalb der weißen Hülle zu erkennen ist, wird klar, wie wichtig Menschlichkeit dem Filmemacher ist. Wie in Fötus-Stellung schwebt die junge Frau für einen Moment, wir erleben einige Sekunde des Innehaltens. Immer wieder sehen wir solche Momente der Wiedergeburt. Der Kampf von Raumstation zu Raumstation bleibt dennoch dramaturgisch stets atemloses, im Kern klassisches, aber in der Umsetzung originelles Spannungskino.

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Auf der ISS

Außerhalb von Romanen gibt es die eingangs beschriebene Maschine nicht, aber Cuarón kann uns begreifbar machen, wieso der Mensch einem „Totale Durchblicksstrudel“ wohl doch nicht so hilflos ausgeliefert wäre, wie Adams es wohl denkt. Gravity ist der Triumph des Trivialen, des Schwachen, der Triumph über das Göttliche und Unendliche. Es ist die größte Underdog-Geschichte die erzählt werden kann, der Sieg eines einzelnen, einsamen Menschen gegen die Gewalt des Universums. Wir müssen dem Filmemacher danken, wir müssen dem Medium Film danken: Dank Gravity können wir an diesem Sieg teilhaben.

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