Kurzrezensionen: Escape from Tomorrow; Zero Charisma

escape_from_tomorrow_poster-Escape from Tomorrow (2013): Niemand stirbt in Disneyland. Natürlich ist das nicht die ganze Wahrheit, allein statistisch ist dies bei jährlichen Besucherzahlen von über 12,8 Million  sehr unwahrscheinlich. In der Realität enden natürlich auch im berühmten Freizeitpark die Leben von Menschen, ihre Körper werden aber vom Personal durch die Tunnelsysteme aus dem Gelände verfrachtet und erst dort von den Ärzten für Tod erklärt. Zum Markenkern der Firm von Micky Mouse und Donald Duck gehört eine Aura des magischen, das Bild des Konzerns ist betont familienfreundlich. Von „Disneyfizierung“ wird immer wieder gesprochen, wenn euphemistische Harmlosigkeit die Realität verzerrt. Der Wunsch, den kommerziell verwerteten Mythos zu entzaubern ist groß: Zahllose Bücher, Dokumentationen und Artikel beschäftigen sich mit der „dunklen Seite“ von Disney. So auch Randy Moores Film Escape from Tomorrow, der ohne Drehgenehmigung im Disneyland Resort Anaheim entstanden ist. Schon im Titel schwebt Kritik am eskapistischen Grundgedanken des Parks mit.

Die „Flucht vor dem Morgen“ tritt Familienvater Jim (Roy Abramsohn) an, der am letzten Tag seines Urlaubs entgeistert von seinem Chef erfährt, dass er seinen Arbeitsplatz verloren hat. Jim verschweigt dies seiner Frau Emily (Elena Schuber) und seinen Kindern, um mit seiner Familie wenigstens einen schönen Resturlaub zu verleben. Doch die Zukunftsangst nagt mehr und mehr an ihm, seine belastete Psyche nimmt schaden und Jim gleitet langsam in den Wahnsinn ab.

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Jim (Roy Abrahmson) mit seiner Tochter in einer der zahlreichen Bahnen. Wirklichen Spaß hat der neuerdings Arbeitslose ganz offensichtlich nicht.

Was im Kern als relativ persönliches Familiendrama beginnt wird mit zunehmender Spielzeit größer, ambitionierter und wirrer. Jim verfolgt zwei französische Teenager durch den Park und jagt, im wahrsten Sinne des Wortes, der Jugend hinterher. Attraktionen mit singenden Figuren werden bedrohlich und dämonisch, Jim lässt sich zu einem Seitensprung nötigen und kommt schließlich sogar einer Art Verschwörung auf die Spur. Moores im Kern interessante Idee, Disneyland als Hintergrund für ein Familiendrama zu nutzen, zerbricht mehr und mehr unter den Ansprüchen des Filmemachers. Der Fokus geht verloren, die Figuren geraten aus dem Blick und werden wirre Spielfiguren für Ereignisse statt, wie ursprünglich angedacht, Menschen mit denen wir mitfühlen. Eine Aussage über Disney, über den menschlichen Wunsch nach Ablenkung, Unterhaltung und der einfachen Lüge statt der harten Wahrheit wird nur auf oberflächlichste Weise behandelt. Dies liegt auch an den wenig überzeugenden Darstellern, die zwar sicher unter den schwierigen Drehbedingungen gelitten haben, aber auch angesichts der Umstände nicht begeistern können.

So bleibt im Kern von Escape from Tomorrow vor allem die Idee, die Entstehungsgeschichte, die Interessanter ist als das gezeigte. Wenn bei Filmen wie Fitzcarraldo oder Apocalpyse Now die Dokumentationen über den Dreh genauso spannend sind wie die Ursprungsquelle, wären sie hier wohl ungleich spannender.

zero_charisma_ver2_xxlgZero Charisma (2013): Es gibt bei Journalisten und Wissenschaftler, eigentlich bei jedem aufmerksamen Beobachter des Zeitgeistes, die Tendenz, Generationen einordnen zu wollen. Da gibt es Generation X, die Generation Golf, die Nachkriegsgeneration – an solchen Stilblüten herrscht kein Mangel. Für die zeitgenössischen jungen Erwachsenen wird immer wieder eine Darstellungsweise von Entwicklungshemmung bemüht. Die Generation die nicht erwachsen werden will. Der Nerd, sicher nicht erst seit gestern eine Figur der Popkultur, fügt sich lückenlos in dieses Profil ein. Wer sich mit Videospielen, Rollenspielen und Fantasyromanen beschäftigt, kann zweifellos kein Erwachsener sein.

Eine solche Figur zeigen uns Andrew Matthewes und Katie Graham in ihrem Regiedebüt. Zero Charisma besitzt Scott, gespielt von Sam Eidson, auf den ersten Blick eher eine Ansammlung von Klischees als eine wirkliche Figur: Er ist übergewichtig, bärtig, langhaarig, hört lauten Metall, lebt noch bei seiner Großmutter, hat einen miesen Job, kleidet sich in Schwarz und liebt Rollenspiele über alles. Diese stellen seinen zentralen Lebensinhalt dar: Gemeinsam mit einer Gruppe gleichgesinnter verliert er sich in selbst erdachten Fantasiegeschichten. Scott ist der Spielleiter und auch sonst der Anführer der kleinen Bande Ausgestoßener. Die fantastischen Welten unterliegen so seiner Kontrolle, wie es die echte Welt nicht tut.

Umso schlimmer für Scott, wenn er die Kontrolle über seinen Mikrokosmos verliert, weil die echte Welt einen der Mitspieler zurückfordert. Auf der Suche nach Ersatz wird er schnell fündig: Miles ist alles, was Scott nicht ist. Schlank und in einer Beziehung, sozial Kompetent und erfolgreich mit seiner Popkultur-Fanseite im Internet. Schnell macht der Neueinsteiger ihm den Rang als Anführer streitig, und Scott sieht alles, was ihm im Leben erfüllt, verschwinden.

Die Filmemacher zeigen viel Empathie für ihre Figuren und näheren sich mit einem kritischen, aber nicht überheblichen, Blick an die Rollenspiel-Kultur an. Diese ist sicher ein dankbares Ziel, dennoch wird der Film nie reiner Spott sondern zeigt auch immer die Talente und Begeisterung seiner Protagonisten und die große Kreativität, welche Scott innewohnt. Aber: Leider reicht diese Mitfühlende Ader nicht bis zum Ende des Films, denn eine wirkliche Entwicklung, eine Katharsis und Selbsterkenntnis verweigert Zero Charisma seiner Hauptfigur. So verliert der Film seinen Optimismus und steigt ein in den Choral der Unkenrufe, der in der „Jugend von Heute“ ewige Kinder sieht.

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Im Kampf um die Deutungshoheit des Nerdtums: Scott und Miles

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