Rezension: Inside Llewyn Davis

InsideLlewynDavisFirstTeaserposter1Auf dem Cover der LP steht Dave Van Ronk vor dem Eingang einer Bar. Er schaut aus dem Bild, wohin genau ist unklar. Eine Katze beobachtet ihn. „Inside/ Dave Van Ronk“ versprechen die leicht geschwungenen, orangenen Lettern, die neben dem Folk- und Bluesmusiker in der Luft zu schweben scheinen. Der Trennstrich ist im Titel des neuen Film der Brüder Ethan und Joel Coen verschwunden, dafür ist der Name ein anderer. Die Filmemacher wollen mit uns in einen Menschen blicken, aber natürlich nur in eine Leinwandfigur.

Diese heißt Llewyn Davis (gespielt von Oscar Isaac) und ist ein Bohemien wie er im Buche steht: Wohnungslos übernachtet der eher erfolglose Gitarrist und Sänger auf jedem Sofa (oder Wohnungsboden), dass ihm im New York der frühen sechziger Jahre zur Verfügung gestellt wird. Das Label, bei dem seine Platten erscheinen, nutzt ihn schamlos aus, Geld sieht er so selten, dass er sogar auf Tantieme verzichtet nur um schneller an einen Scheck zu kommen. Wie Larry Gopnik aus A Serious Man scheint er eine moderne Hiobsfigur zu sein. Sein Leben wird dauerhaft überschattet von tragischen Ereignissen seiner Vergangenheit, die im Laufe der Handlung immer manifester werden.

Das ewige Unglück zahlt er der Welt und ihren Bewohnern mit gleicher Münze heim: Er ist verbittert, launisch und stößt selbst Freunde immer wieder vor den Kopf. Zu diesem zunehmend schrumpfenden Kreis von Leuten zählt etwa der Professor Mitch Gorfein, dessen Katze Davis zu Beginn der Geschichte aus Versehen aus der Wohnung des Professors ausschließt und kurzerhand mitnimmt. Deutlich später wird Llewyn den Namen der Katze herausfinden: Ulysses, also Odysseus. Und wie der Held aus Homers Epos, scheint der Sänger auf einer nicht enden wollenden Irrfahrt zu sein. Inside Llewyn Davis ist, ohne je heterogen zu wirken, fast eine Art Episodenfilm und erinnert in seiner Erzählweise an die 24 Gesänge des Vorbildes. (Der großen Dichtung des Griechen nehmen sich die Brüder Coen hier nach O Brother, Where Art Thou? bereits zum zweiten Mal an.)

InsideDaveVanRonk

 Mit jeder Station seiner Reise trifft Llewyn auf neue Katastrophen: Als er die Katze bei dem Ehepaar Jean und Jim (Carrey Mulligan und Justin Timberlake) absetzen will, erfährt er von der Sängerin, dass diese schwanger ist. Llewyn, für den dies wohl nicht das erste Erlebnis dieser Art ist, soll die Abtreibung bezahlen. Um sich die Operation leisten zu können, nimmt er eine Auftragsarbeit an – ausgerechnet für ihren Ehemann Jim.

Die vielen, wirklich ausgezeichneten, Musikstücke des Films sind stets in voller Länge zu sehen, wirken aber nie als würden sie die eigentliche Handlung unterbrechen. Bereits der Einstieg des Films, in dem Llewyn „Hang Me, Oh Hang Me“ intoniert, sagt mehr über ihn aus als es Stunden von Dialogen könnten.  Die mal einfachen und melancholischen, mal lustig-verspielten Folk-Stücke (Produziert von Joseph Burnett und Marcus Mumford) sind nie Lückenfüller, sondern dienen immer auch dazu, etwas über die Figuren zu vermitteln. Oscar Isaac kann sein Gesangstalent gleich mehrfach beweisen und bleibt dabei stets so ausdrucksstark und vielschichtig wie im Rest des Films.

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Llewyn Davis (Oscar Isaac) mit Katze Ulysses

Ohnehin wimmelt es im Film von bemerkenswerten Darbietungen: Nicht nur der Hauptdarsteller, auch die übrige Besetzung, weiß zu überzeugen: Carrey Mulligan überzeugt in der Rolle einer Frau, die ihre innere Unsicherheit als Zorn nach außen trägt. Sie ähnelt in dieser Hinsicht Llewyn Davis, immerhin sind beide mit demselben Grundproblem konfrontiert: Beide stehen im Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und Konformität, zwischen Llewyns Leben in stets riskanter Freiheit und Jeans zunehmend häuslicherem Leben.

Justin Timberlake ist nur kurze Zeit auf der Leinwand, kann aber in dieser Zeit zumindest musikalisch glänzen. John Goodman, der bei den Coen-Brüdern schon länger zum Inventar gehört, spielt den arroganten Jazzmusiker Roland Turner. Dieser ist übergewichtig, drogenabhängig und nur dank seinem Assistenten Johnny Five (Garrett Hedlund) überhaupt überlebensfähig . Gemeinsam unternehme die Drei eine Art Roadtrip nach Chicago.

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John Goodman als Roland Turner. Der Jazzmusiker kann mit Folk wenig anfangen.

Als Llewyn auch dort wieder von einem Label abgelehnt wird, reißt Llewyn der Geduldsfaden, seine Liebe zur Musik wird auf eine harte Probe gestellt. Ihm bleiben zwei Möglichkeiten: Weiterkämpfen oder, wie schon sein Vater, dem Matrosenberuf nachgehen.

Mit fortschreitender Handlung lernen wir immer mehr über das Leben des Folksängers, lernen seine Familie und seine Vergangenheit kennen. Inside Llewyn Davis ist nicht nur als leicht abgewandelter Albumtitel zu verstehen, sondern beschreibt passend, was der Film dem Zuschauer bietet: Eine Charakterstudie, Schritt für Schritt näheren wir uns der Frage, was den Künstler antreibt, wovon er träumt und welche Sorgen ihn plagen. Dafür finden die Regisseure immer wieder schöne, fast poetische Bilder: Wenn Davis mit einem Auto zu Choralmusik durch dichtes Schneegestöbert pflügt und eine Katze, fasst wie die seines Freundes, anfährt und sie im Scheinwerferlicht im Schatten verschwinden sieht, wird klar, dass hier Meister ihres Faches am Werk sind.

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Llewyn, Jim und Al Cody (Adam Driver) bei einer Studioaufnahme.

Die Beziehungen der Figuren sind nie so einfach, wie sie auf den ersten Blick scheinen. So ist Professor Gorfein nicht einfach ein Freund für Davis, sondern sieht diesen fast als ein soziologisches Experiment an. Jeder Gast identifiziert Llewyn sofort als „Folksinger Friend“, fast als würde der gebildete, reiche Professor den jungen Musiker nur als Symbol seiner Kredibilität ausnutzen.

Neben einem Blick auf einen einzelnen Menschen ist der Film, so wird schnell klar, auch ein Portrait einer Musikszene, einer Stadt (New York, Greenwich Village) und einer Generation. Jede Sekunde erwartet man, dass Woody Guthrie oder Joni Mitchell ins Bild kommen. Gleichzeitig verlieren sich die Regisseure nie in Nostalgie und bemühen sich nicht in jeder Einstellung, die Epoche deutlich zu machen. Somit bekommt der Film etwas angenehm universelles, vielleicht sogar etwas zeitloses. Die Folkmusiker der sechziger Jahre teilen hier eine Eigenschaft mit den Coens: Sie finden Schönheit im Gebrochenen, im Imperfekten, und sehen sich auf der Seite der Verlierer, der Unangepassten. „We wanted to play traditional jazz in the worst way…and we did!“, heißt es bei Dave Van Ronk. Und auch hier kommt es nicht auf technische Perfektion, auf fehlerlose Glattheit an, sondern auf die raue Emotion, auf eine tiefer Wahrheit.

Oscar Isaac in a still from Inside Llewyn Davis

Llewyn spielt bei einem Labelboss vor.

Bei all der Melancholie und inhaltlicher Schwere wirkt Inside Llewyn Davis jedoch niemals behäbig oder gar erdrückend, zahllose wirklich lustige Dialoge und die diversen Katzen des Films lockern die Stimmung immer wieder auf, ohne die emotionale Wucht jemals zu dämpfen. Denn selbst in den letzten Momenten des Films bleibt unklar, wie der innere Kampf des Musikers endet. Die Coen-Brüder sind keine Freunde des simplen, das Publikum zufriedenstellenden Happy-Ends. Sie sind in ihrer Karriere an einem Punkt angelangt, an dem der Verweise auf Einflüsse und Inspirationen auch auf sie selbst zurückfällt, und wie schon in A Serious Man hinterlässt der Films uns mit einer Figur, bei der der Zuschauer selber entscheiden kann, wie ihr Schicksal endet.

Der reale Dave Van Ronk blieb bis an das Ende seines Lebens Musiker, spielte mit Leuten wie Bob Dylan, Tom Paxton, Patrick Sky, Phil Ochs und Joni MItchell. Im Jahr 2004 wurde eine Straße nach ihm benannt. Manchmal ist die Realität fairer und liebevoller als die Fiktion. Manchmal gewinnen die Verlierer.

Losers, losers, some are raggers, some are bluesers,
Making disco sounds in a HoJo lounge
With a bunch of other losers like me.

– Dave Van Ronk, Losers

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