Rezension: Captain Phillips

Captian-Phillips-PosterRichard Phillips ist auf dem Weg zur Arbeit, seine Ehefrau begleitet ihn. Er macht sich Sorgen um die Arbeitsmoral seiner Kinder und um ihre Zukunft. „Früher musste man einfach auftauchen und halbwegs vernünftig auftreten, um Captain zu werden. Heute kämpfen immer gleich 50 um den selben Job.“ Phillips kommandiert die Maersk Alabama, einen jener riesigen Frachtcontainer, die mehr als alles Andere Sinnbild für die Globalisierung und den internationalen Warenverkehr geworden sind.

In der nächsten Szene weicht das Grau der amerikanischen Straßen dem gelben Sand eines Dorfs an der somalischen Küste, und wir können in Aktion sehen, wovon Phillips gesprochen hat: Ein Pulk junger Somali streitet sich verbissen um die Plätze auf zwei winzigen Piratenbooten, die losziehen sollen, um einen Frachter zu kapern. Was für den Arbeitsmarkt der USA gilt, ist hier noch einmal gesteigert; mit Bestechung und Drohungen kämpfen die jungen Männer, manche fast noch Kinder, um den lebensgefährlichen Auftrag.

Schon durch diese zwei einfachen Szenen wird der Grundkonflikt in Paul Greengrass neuem Actiondrama, Captain Phillips, mehr als deutlich. Basierend auf den tatsächlichen Ereignissen um die  versuchte Entführung der Maersk Albama und die Geiselnahme der titelgebenden Figur, die sich zwischen dem 9. und 12. April 2009 vor der Küste Somalias abspielten, erzählt der Regisseur des 9/11-Films United 93 und der Bourne-Trilogie eine packende Geschichte von Verlierern und Gewinnern des internationalen Weltwirtschaftsgefüges.

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Tom Hanks als Captain Richard Phillips

Dabei bleibt die Erzählweise mit zwei Perspektiven dem Film über die gesamte Laufzeit erhalten: Wie Schuss und Gegenschuss eines Leinwanddialogs folgt auf eine Szene mit dem amerikanischen Captain (gespielt von Tom Hanks) und seiner Crew meist eine mit den Somali unter Führung von Pirat Abduwali Muse (der somalisch-amerikanische Schauspieler Barkhard Abdi in seinem Filmdebüt). Beiden Fraktionen widmet der Film eine ähnliche Menge an Spielzeit, und bemüht sich in dieser Zeit die Motivation beider Seiten deutlich zu machen. Zunächst werden dem Zuschauer die Protagonisten vorgestellt: Wir lernen Phillips als besorgten Vater und Ehemann kennen, als harten Chef, als einen Mann, dem Strukturen, Protokolle und Hierarchien am Herz liegen. Hanks verleiht ihm eine Aura von Selbstsicherheit und natürlicher Autorität, von Beherrschung und stiller Stärke. Seine Crew besteht aus einfachen Matrosen, unterbezahlt und nur mäßig motiviert. Anders sieht es bei Muses Leuten aus: Ausgerüstet nur mit Verzweiflung, Maschinengewehren und winzigen Motorbooten ziehen sie los, um den riesigen Frachter zu kapern.

Wer das erste Aufeinandertreffen von Piraten-Nussschalen und Ozeanriesen betrachtet, kann gar nicht anders, als die Unverhältnismäßigkeit des Ganzen zu begreifen. Beim ersten Mal können die Angreifer noch abgeschüttelt werden, Phillips und Muse sehen den Anderen zunächst jeweils nur durch ein Fernglas. Von diesem Moment an sind die beiden Männer Konkurrenten, zwischen den Kapitänen beginnt ein Duell, das sich bis in die letzten Momente des Films ziehen wird und mit jedem nur denkbaren Mittel gefühlt wird, sowohl intellektuell als auch körperlich.

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Die somalischen Piraten wurden durchgängig mit Amateurschauspielern besetzt.

Auf die Hilferufe der Maersk Alabama kann nicht schnell genug reagiert werden und beim zweiten Versuch gelingt es vier der Piraten über eine selbst geschweißte Leiter an Bord zu kommen. Anführer Muse, der raue, schnell erzürnende Balil (Barkhad Abdirahman) und zwei ihrer Freunde stürmen das Schiff. Die Situation eskaliert mehr und mehr, Captain Phillips wird gefangen genommen, seiner Crew kann sich verstecken.

Bei der Verfilmung einer realen, und darüber hinaus noch recht aktuellen, Geschichte gibt es eine Reihe von Risiken: Im Spannungsfeld zwischen einer akkuraten, der Sachlage entsprechenden Darstellung und der cineastischen Dramaturgie entsteht oftmals unbefriedigende Kunst. Greengrass gelingt der Spagat hier jedoch mühelos. In Interviews zum Film äußerte sich der Regisseur gegenüber dem oft sentimentalen Heldenbild Hollywoods mehr als kritisch. An seiner Hauptfigur kann er jedoch heroisches Finden, ohne ihn zu verklären. Gleiches gilt für die Piraten. Dem Film gelingt es realistisch zu bleiben, ohne sich in ausgleichenden, relativierenden Gesten zu verlieren. Man könnte eine Inkonsistenz bei der Kamera-Arbeit bemängeln insofern, dass zum einen etwa für die Innenräume und viele Szenen zu Beginn ein dokumentarischer Stil Anwendung findet (inklusive der häufig kritisierten Wackelkamera) um später öfter elaborierten Kamerafahrten, Helikopter-Aufnahmen und ähnlich technisch aufwendigem zu weichen. Damit würde man aber die Intention, die hinter diesem Hybridstil steckt, verkennen: So wie die Räume für Phillips nach und nach enger werden, bis hin zum klaustophobischem Finale, wird die Bedeutung der Ereignisse zunehmend größer. Immer mehr Akteure werden in den Prozess einbezogen, und so wie der Captain stärker auf sich zurückgeworfen wird, internationalisieren sich die Vorkommnisse stetig. Der Einzelne, so suggerieren die Bilder, ist der Weltgemeinschaft nicht so fern wie er oft annimmt.

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Der Versuch, die Maersk Alabama zu kapern.

Darüber hinaus nimmt auch die Spannung des Films immer weiter zu. Die Situation verschärft sich und die Anspannung der Handelnden wird auf grazile Weise auf den Zuschauer übertragen. Natürlich könnte man anmerken, dass  die Mittel mit denen dies geschieht schnell offensichtlich werden, aber wer bereit ist sich auf einen Film als emotionale Erfahrung einzulassen, wird in dieser Hinsicht wenige Probleme haben.

Getragen wird die dichte Atmosphäre des Films vor allem von den wirklich herausragenden Darstellern. Tom Hanks führt auf eindrucksvolle Weise vor Augen, dass er das Schauspiel auch nach einigen Jahren eher mäßiger Filme (und Darbietungen) nicht verlernt hat, und macht aus dem realen Vorbild eine facettenreiche, aufregende Figur. In einer breiten Palette von Emotionen und Stimmungen kann er seine Reichweite beweisen und wirkt dabei stets authentisch. Auch wenn er erst in den letzten Minuten zu wirklicher Hochform anläuft, überzeugt Hanks und trägt den Film allein mit seiner Präsenz.

Die Entdeckung des Films (und vor allem der für das Casting verantwortlichen Francine Maisler) ist Barkhard Abdi, der bereits in seinem Debütfilm in der Lage ist, die jugendliche Verzweiflung, den Zorn der Verlassenen und einen starken inneren Antrieb in seiner Figur darzustellen, wie es auch erfahrenen Darstellern nicht oft gelingt. In einem Casting aus über 700 Mitbewerbern ausgewählt sind die vier Piraten eine erstaunliche Zweckgemeinschaft, in ihrer Rolle stets zwischen den Männlichkeit- und Stärkeritualen ihres Umfelds und der Unsicherheit des Underdogs gefangen. Sie verleihen einer in den Medien auf gierige Verbrecher reduzierten Band die für Empathie nötige Menschlichkeit. „Es muss doch mehr geben als Fischerei und Menschen entführen!“, fährt Richard Phillips Muse an. Dieser antwortet in einer Mischung aus Wut und Trauer: „In Amerika vielleicht.“

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Und darum geht es Greengrass schlussendlich: Aus dem Geschehen vor Somalia eine tiefere Erkenntnis über die Welt finden. Über das Zusammenleben von Menschen, über die Globalisierung und den Kapitalismus, über Helden und Verbrecher. Und wenn in den letzten Minuten des Films der Schock der Ereignisse sichtbar in den Gesichtern aller Figuren steht, dann wird klar: Auch modernes Hollywood-Actionkino kann nach Wahrheit streben. In einem Jahr, das bislang dominiert war von CGI-Gewittern zeigt Captain Phillips, dass eine kleine Schnittwunde mehr Wirkung haben kann als einstürzende Städte. Die Wahrheit tut weh.

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2 Gedanken zu “Rezension: Captain Phillips

  1. Ich stimme dir größtenteils zu, aber was den Tiefgang von Cpt. Phillips angeht, muss ich widersprechen. Fand die genauen Hintergründe der Piraten zu knapp. Da hat Greengrass es gelassen, die Beziehung zu den Antagonisten zu verstärken. Ohne Frage ist das ein toller Film und Hanks spielt so gut wie seit Cast Away nicht mehr, aber da wär so viel mehr Platz für Sozialkritik gewesen. Zumal man die wahren Drahtzieher der Piraterie nie sieht. Aber seis drum, Hollywood ist halt eben Hollywood.

    Kleine Anmerkung: Wenn du die Aritkel im Blocksatz und nicht linksbündig formatierst, hast du einen cleaneren und orderntlicheren Look.

    Grüße!

  2. Zuerst einmal vielen Dank für den Kommentar (der erste auf dem Blog überhaupt) und das Feedback. Das mit dem Blocksatz probiere ich gerne mal aus, ich gebe gerne zu, dass ich keine Ahnung von vernünftigem Blog-Design habe.

    Zum Inhalt: Ich persönlich habe die Charakterisierung der Piraten nicht als deutlich weniger ausgeprägt als die von Phillips selbst wahrgenommen, die Figuren wurden ja allgemein recht flach charakterisiert – wahrscheinlich vor allem, um den Eindruck von etwas „Universellem“ zu erreichen. Das ist nicht in vollem Maße gelungen, aber immerhin ein interessanter Ansatz.

    Ich glaube die Frage nach den „wahren Drahtziehern“ ist gar nicht so einfach: Ich nehme an, du beziehst dich hier auf Warlords und regionale Führer – für Greengrass sind diese nur symptomatisch und eben auch Ausgeburt von ökonomischen Disparitäten und dem Welthandel. Eine Szene mit den (zumindest in Dialogen erwähnten) „Vorgesetzten“ hätte glaub ich nur der Kernaussage des Films geschadet.

    Ich persönlich finde Hollywood ist nicht gleich Hollywood, auch das Studiosystem bringt viel Gutes hervor. Natürlich gab es gerade in diesem Jahr viel langweiligen Blockbuster-Bombast, aber was die „Award Season“ dieses Jahr hervorbringt (und im Fall von Deutschland eben bis Mai noch hervorbringen wird) ist wirklich bemerkenswert.

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