Rezension: Der Hobbit – Smaugs Einöde

the-hobbit-the-desolation-of-smaug-poster-wm__oPt„Jede gute Geschichte verdient es ausgeschmückt zu werden.“, eröffnet der Zauberer Gandalf dem Hobbit Bilbo vor Beginn seiner großen Reise. Eine Meinung, die große Teile von Publikum und Kritik nur eingeschränkt zu teilen schienen, als bekannt wurde, dass Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson aus J. R. R. Tolkiens Kindergeschichte Der Hobbit eine Trilogie machen würde. Auch das Versatzstücke aus weiteren Tolkien-Werken (etwa aus dem Silmarillion) es in die Filme schaffen würden, änderte für die Meisten nichts daran: Die Hobbit-Reihe erweckt den Eindruck einer seelenlosen, zynischen Geldmaschine für das Studio.

Die Auswirkungen dieser Quellenvermengung machen sich im nun erschienen, zweiten Teil der Serie – Smaugs Einöde – erstmals deutlich bemerkbar. Die größte Bewunderung schlug Jackson schon immer für seine fantasievolle Umsetzung der vom Autor erdachten Welt entgegen. Wie ein Traumarchitekt formt der Regisseur Figuren, Neuseelands wunderschöne Landschaften, Sets und Computereffekte zu einem stimmigen Ganzen. Nun bröckelt erstmals die Fassade.

Wie so oft ist eine akkurate Beschreibung der Zuschauererfahrung schon im Film selbst enthalten: Schon früh gelangen Bilbo (wie im ersten Teil: Martin Freeman) und die Gruppe von Zwergen (immer noch auf dem Weg zum Berg Erebror, um Drache Smaug zu erlegen) in den Düsterwald. Dieser ist verwirrend und dunkel und voll mit schwarzer Magie, die versucht Eindringlinge hinters Licht zu führen. Die Zwerge werden zunehmend frustrierter, kommunizieren nicht mehr mit einander und laufen nur noch im Kreis. Bilbo beschließt an den gewaltigen Bäumen hinauf zu klettern und , nach einiger Anstrengung, bricht er aus dem Zwielicht in die Sonne des Tages, umschwirrt von Schmetterlingen und endlich mit freier Sicht bis zum Horizont. Die Welt scheint ein wunderschöner Ort zu sein.

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Hobbit Bilbo über dem Blätterdach des Finsterwaldes

Genau solche Momente gibt es im Film wirklich: Herausragende Momente von wirklicher Schönheit, in denen die Atmosphäre, die Fantasie und die Wärme, die Jacksons früheren Filme vermitteln konnten sich Bahnen brechen durch den neuen kalten Anstrich.

Natürlich stehen sich Technologie und Menschlichkeit nicht diametral gegenüber, dennoch scheint der Wunsch, technisches Neuland zu ertasten oft mit einer gewissen emotionalen Leere verbunden zu sein. Regisseure wie Kubrick oder Kurosawa schienen meist mehr an der Mechanik und Struktur als an Figuren und Gefühlen interessiert zu sein, und diese Beobachtung trifft, zumindest hier, auch auf Peter Jackson zu.

Das Urteil über einen Film kann natürlich nie gänzlich getrennt werden von technologischen Aspekten, aber selten stehen solche so deutlich im Vordergrund wie bei den Hobbit-Filmen. Damit sind nicht einmal nur die CGI-Bilder gemeint, oder die HFR-Technik, die dem Zuschauer die doppelte Zahl an Bildern pro Sekunde präsentiert. (Noch immer ist es hier schwer zu beurteilen, ob es die Gewohnheit ist, die dem Neuen etwas künstliches, videospielhaftes verleiht, oder ob dies eine dauerhafte Begleiterscheinung der 48 Bilder sein wird).

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Die Zwerge entkommen aus der Festung der Elfen in Fässern. Diese Sequenz ist eine der Höhepunkte des Films.

Gemeint ist vielmehr, dass vor allem Handlung und Ereignisse, Kämpfe und Fluchten im Mittelpunkt stehen und selten die Helden selbst. Sex und Gewalt im Film sind vor allem dann sinnvoll, wenn sie uns  über die Figuren, den emotionalen Kern der Geschichte, etwas Neues erzählen. In Smaugs Einöde  ist dies selten der Fall, die langen, chaotischen Abschnitte degradieren die Charaktere zu Flipperkugeln, welche, nach dem sie eine Weile hin- und hergeschleudert wurden unverändert in die unabhängig davon bestehende Realität zurückkehren. Hauptfigur Bilbo wird von Martin Freeman mit unverändertem Charme gespielt, eine Mischung aus spießbürgerlicher Verwunderung, Galgenhumor und Mut. Der Hobbit ist eine klassische Heldenreise, Bilbos Reise, aber die Veränderungsprozesse, die er auf natürliche Weise durchlaufen müsste, wirken forciert. Die kürzlich verstorbene Drehbuch-Legende Syd Field rät Autoren, für jede Szene aufzuzeigen, welchen Wandel die Figuren in ihr durchlaufen. Hier wäre wohl für große Teile des Films vor allem ein Fragezeichen angebracht.

Deutlicher noch als in den Vorgängern fällt die fehlende Natürlichkeit in den Dialogen auf. Niemand scheint wirklich mit dem anderen zu reden, es werden eher Reden gehalten als kommuniziert. Botschaften werden Bilbo immer sehr direkt vermittelt, über Veränderung wird gesprochen, aber es wenig gezeigt. So vergisst man irgendwann während Kämpfen gegen Riesenspinnen, Schlachten gegen Drachen und Orks, währen Wildwasser- und Lorenfahrten ein bisschen, das irgendwo ein kleiner Held unterwegs ist. In seien schwachen Momenten ist der Film ein Freizeitpark, eine Achterbahn die zwar zunächst mitreißt, aber auf Dauer ermüdet. Eine wirkliche Gefahr scheint nie präsent, ein wirkliches Risiko für die Zwerge und Bilbo wird nie glaubwürdig vermittelt. So bleibt die Frage: Wer will schon drei Stunden Loopings schlagen?

Erstmals bekommt die Skepsis gegenüber der Dreiteilung auch eine echte Grundlage: Neben den Hauptgeschehnissen um Hobbit und Zwerge werden eine Reihe von Nebenschauplätzen eröffnet. Zauberer Gandalf ( Sir Ian McKellen) verlässt die Gruppe, um sich auf die Suche nach einem gefährlichen Nekromanten zu machen. Die Elbe Tauriel ( bekannt aus Lost: Evangeline Lilly) wurde eigens für die Filmadaption erdacht, trägt aber wenig zu ihr bei. Die Grenzwächterin des Elbenreiches darf für eine uninspirierte Liebesgeschichte und einige Kampfszenen herhalten, ändert aber nichts an der Tatsache das Frauen in der Welt von Tolkien eben keine große Rolle spielen. Sie fungiert als die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.

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Elbin Tauriel findet sich in einer Dreiecksbeziehung zwischen einem Elb und einem Zwerg wieder.

Auch Fährmann Bard, dessen Rolle später noch wichtiger werden soll, bekommt viel Leinwandpräsenz, in der aber leider wenig Erzählt wird. Die vielen Nebenstränge bereichern die Handlung kaum, schlagen oft Brücken zu den Herr der Ringe-Filmen, derer es nicht bedurft hätte und lassen die Kernhandlung zerfasern. Gerade Gandalfs suche nach dem Nekromanten streckt sich über einen deutlich zu langen Zeitraum und bietet wenig mehr als einen Aufbau für den letzten Film. So wirkt Jacksons Version von Tolkiens zugänglichem Kinderbuch merkwürdig überfrachtet.

Natürlich muss eine Filmadaption primär ein guter Film sein und nur sekundär auch eine gute Adaption, dennoch wirkt der Fokus von Smaugs Einöde oft unklar. Warum etwa Pelzwechsler Beorn (neben einem eher merkwürdigen Design) gegenüber dem Buch so an Bedeutung verliert, ist unklar. Durch Szenerien wie den Düsterwald und das Elbenreich wird fast gehetzt, während dem rasanten Finale deutlich mehr Zeit zugeteilt wird. Nicht nur die Schlachten, sondern auch ruhige Momente, beherrscht von Charakteren und Dialogen, haben die Herr der Ringe-Filme so erfolgreich gemacht.  Der wellenförmige Spannungsbogen aus Phasen von Ent- und Anspannung wird hier, gerade gegen Ende, deutlich überdehnt – vermutlich um damit Orks zu erschießen.

Besonders bedrückend ist, dass dabei auch Bilder entstehen, die nur schwer in der Welt von Mittelerde zu verordnen sind. Eine Prügelei in einer Seitengasse zwischen Elb und Ork wirkt mehr wie einem Sylvester Stalone- als einem Fantasiestreifen entsprungen. Die Effekte in solchen Szenen sind nicht immer überzeugend, und der Gewaltgrad wurde deutlich verschärft – Regelmäßig fliegen Köpfe und Gliedmaßen, mehrfach fühlt man sich an Videospiele wie God of War erinnert, inklusive der Exekutionen im Fokus.

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Bilbo in Smaugs Höhle

Andere Effekte hingegen sind wirklich gelungen: Drache Smaug wirkt gewaltig, die Kulissen oft recht steril, aber eindrucksvoll und die Magie vieler Orte wurde geschickt in den Film übertragen: Wenn Bilbo im verwunschenen Düsterwald sich selbst begegnet oder auf seine Füße blickt, die plötzlich Rückwärts zu laufen scheinen, springt der Funke über.

In seinen stärksten Momenten packt einen der Hobbit mit der kindlichen Freude, eine fremde Welt zu erforschen. Leider sind diese raren Momente, in denen wir über die Baumwipfel aus dem grauen Blockbuster-Einerlei schauen etwas zu rar. Aber: Wenn sie da sind, wenn diese majestätischen Bilder, das Licht von Spiel und Schatten, diese große Schönheit, uns überwältigt, dann fühlen wir uns Zuhause. Zuhause in Mittelerde.

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