Die besten Filme des Jahres 2013 (Platz 5-1)

Natürlich ist das Vergleichen und Nebeneinanderstellen von völlig unterschiedlichen Filmen, nur weil sie im Zeitraum des gleichen Erd-Umlaufs der Sonne veröffentlicht wurden, vollkommen willkürlich. Auch das Anordnen in Bestenlisten, abgestuft nach empfundener Qualität, fällt häufig schwer – die vielen Stärken und Schwächen einer Veröffentlichung, gegen die einer anderen abzuwiegen, gleicht oft dem sprichwörtlichen vergleichen von Äpfeln und Birnen. Da stehen sich dann Blockbuster- und Indiestreifen, Popcorn-Thriller und Arthouse-Drama gegenüber. Trotzdem können solche Rangfolgen zum Nachdenken anregen und neue Erkenntnisse hervorbringen: Welche Filme des Jahres waren bedeutsam, an welche wird man sich auch in Zukunft erinnern können? Welche haben uns einen Abend lang begleitet und welche werden das noch ein Leben lang tun? Diese Auswahl ist rein Subjektiv, und sicher sind mir viele wichtige, unterhaltsame und gute Filme entgangen –  herausragend und, in manchen Fällen sogar als bedeutsamen Schritt für das Medium zu werten, sind diese zehn Kunstwerke in jedem Fall.

before-midnight-movie-poster-1Platz 5: Before Midnight

Als Richard Linklater 1995 Before Sunrise veröffentlichte, war noch niemandem klar, wie lange die Figuren Jesse und Céline ihn und seine Zuschauer noch begleiten würden. Was als einfaches Liebesdrama begann, ist heute fast ein soziologisches Experiment, eine philosophische, aber immer geerdete Abhandlung über Beziehungen und Liebe.

Neun Jahre nach Before Sunset, dem zweiten Teil der Reihe, treffen wir das Paar aus einer Französin und einem Amerikaner wieder, nunmehr verheiratet und mit Kindern. Wie immer erzählt sich der Film in scharfzüngigen, mal ernsten, mal verspielten Dialogen. Ein guter Freund, Filmvorführer, merkte bereits beim ersten Trailer zu Before Midnight zynisch an: „Ach, jetzt quatschen die schon wieder 2 Stunden lang?

Doch der Film ist so viel mehr als das: Für Julie Delpy und Ethan Hawke bedeutet es wieder einmal die beste Leistung ihrer bisherigen Karrieren. Für viele Paare, welche den Film gemeinsam anschauen, könnte er unangenehme, aber auch erhellende Gespräche bedeuten. Emotionale Ehrlichkeit ist ein seltenes gut in diesem oft so manipulativen Medium. Man kann nur hoffen, dass auch die Jahre 2022, 2031 und vielleicht sogar 2040 mehr „gequatsche“ hervorbringen. Denn manchmal braucht großes Kino nicht mehr als zwei Menschen, die miteinander reden.

GRAV_TeaserPoster_v3.inddPlatz 4: Gravity

Manchmal braucht das Kino aber auch Spektakel, beängstigende Urgewalten und die Konfrontation mit dem Ewigen. All das bietet Gravity, die mitreißendste Blockbuster-Erfahrung des Jahres. Jahrelang musst Alfonso Cuarón  kämpfen, um sein Herzensprojekt schließlich umsetzten zu können, und Kritik und Publikum waren sich, in ungewohnter Harmonie, vollkommen einig: Der Aufwand hat sich gelohnt.

Oberflächlich betrachtet ist Gravity, die Geschichte um zwei nach einem Unfall im Weltraum gestrandete Astronauten, vor allem eine technische Errungenschaft. Die Bilder, die Kameramann Emmanuel Lubezki gemeinsam mit dem Effektstudio Framestore auf die Leinwand bringt, sind mehr als atemberaubend, sie sind wegweisend , ein Meilenstein und Heilsbringer nicht nur für die 3D-Technologie. Eine wichtige Frage für Drehbuchautoren ist: Macht der Zuschauer dieselbe Erfahrung wie die Figuren in der Geschichte? Bei Gravity ist dies eindeutig mit ja zu beantworten, überträgt sich doch die atemlose Panik vollständig auch auf den Zuschauer. Genau so verloren im Raum wie Sandra Bullocks Dr. Ryan Stone treibt dieser durch die Handlung, die für einen Blockbuster oft bemerkenswert ruhig und meditativ ist.

Dies gibt der tief metaphorischen Geschichte um Depression und den Umgang mit Verlust Raum sich zu entfalten. Gravity ist mehr als eine Effekt-Achterbahn. Alles ist hier schwerelos, doch alles hat Gewicht.

la-grande-bellezza-9Platz 3: La Grande Bellezza – Die große Schönheit

Jep Gambardella ist zwar Autor, hat jedoch seit über 40 Jahren keine Roman mehr verfasst. In La Grande Bellezza – Die große Schönheit reflektiert er nach seinem 65. Geburtstag über sein Leben. Der Film von Paolo Sorrentino folgt dem von der Oberflächlichkeit und Dekadenz Roms verbitterten Intellektuellen durch einige Tage seines Lebens. Traumhaft schön gefilmt, gleichzeitig nachdenklich und humorvoll, ist das Ergebnis ein La dolce Vita für das einundzwanzigste Jahrhundert. Rom, dargestellt in allen Facetten der High Society, entwickelt eine hypnotische Sogwirkung, wird mehr und mehr zum Abbild von Jeps Gefühlswelt und wird zu einem Ort, den der Zuschauer nie wieder verlassen will. Toni Servillo verkörpert den im Herzen liebevollen Menschenfeind mit einer Aufrichtigkeit, die begeistert. Ein Film über den man nicht sprechen muss, sondern ihn einfach anschauen. Selten war ein Filmtitel so präzise.

InsideLlewynDavisFirstTeaserposter1Platz 2: Inside Llewyn Davis

Inside Llewyn Davis könnte die Vision eines Lebens der beiden Coen-Brüder ohne den jeweils anderen sein. Basierend auf dem Leben von Folkmusiker Dave van Ronk erzählen das Regisseurduo eine melancholische Geschichte über einen einsamen Künstler – weder für ihn, noch für seine Musik scheint es einen Platz im kalten New York der 1960er Jahre zu geben. Llewyn Davis ist ein unangenehmer Zeitgenosse, mit dem es niemand länger als eine Nacht aushält, seine Musik ist nicht technisch Komplex, dafür aber authentisch und zutiefst berührend. Selbst in einem so herausragenden Film stechen die fantastischen Arrangements noch deutlich hervor, Darsteller Oscar Isaac ist gleichzeitig auch ein wirklich talentierter Musiker und mit einem Team um Joseph  „T-Bone“ Burnett und Marcus Mumford wurde der wohl einprägsamste Soundtrack der letzten Jahre aufgenommen.

Neben der traurigen, düsteren Grundstimmung hat der Film allerdings auch immer wieder wundervolle Momente von Situationskomik, die absurden Figuren, denen Llewyn begegnet, sind ihm alle so feindselig gesinnt, wie er ihnen. Ob er sich als „König Midas behinderter Stiefbruder“ oder als Musiker mit „drei Akkorden auf einer großen Ukulele“ bezeichnen lassen muss, oder ihm nach einer Darbietung, in welche sichtlich Herzblut und Liebe geflossen sind anhören muss „I don´t see a lot of money in that“ – wir fühlen ihm, können aber auch verstehen, woher die Wut auf ihn kommt.

Inside Llewyn Davis ist das reife Werk von Filmkünstlern, die sich vom Erfolg nicht haben korrumpieren lassen, sich aber bewusst sind, wie viel Glück sie damit hatten. Eine Ode auf die Künstler, Visionäre und Träumer, die vielleicht zu spät oder auch nie entdeckt werden .

act_of_killingPlatz 1: The Act of Killing

Die Vorstellung, die Nationalsozialisten würden im Jahr 2013 Deutschland beherrschen, stolz zu ihren Verbrechen stehen und sogar wie Helden gefeiert werden, ist schrecklich. Um so schrecklicher ist , wie nah diese Beschreibung den tatsächlichen Zuständen in Indonesien gleicht. 1965 und 66 wurde durch die indonesische Armee unter General Haji Suharto ein Massenmord unter Kommunisten und chinesischstämmigen Mitbürgern durchgeführt. Nach einem Putschversuch, angeblich von Mitgliedern der kommunistischen Partei PKI gesteuert, kam es zu systematischen Morden, die hunderttausende von Opfern forderte.

Der amerikanische Regisseur Joshua Oppenheimer hat nun über diese Ereignisse einen Dokumentarfilm gedreht. Von den Genrekonventionen mit Talking Heads und einem historischen Abriss ist „The Act of Killing“ jedoch weit entfernt. Er bedient sich vielmehr den einzigartigen Möglichkeiten des Kinos, dass hervorzubringen, was Werner Herzog die ekstatische Wahrheit nennt. Er bietet einigen der Massenmörder von Früher an, ihre eigenen Taten als Film umsetzen. Die Verbrecher unter Führung von Angwar Congo inszenieren diese als Gangstergeschichten, Actionfilme und sogar als schrille Musicalnummern. Sie scheinen den Prozess zu genießen, doch kommen dem Schrecken, den ihre Opfer empfunden haben müssen, immer näher.

„The Act of Killing“ zeigt eindrucksvoll auf, welche Macht das Medium Film besitzt, wie wir mit der Kamera Wahrheit finden könne, die zuvor verborgen lag. Die Schrecken der Vergangenheit kehren zurück, und Oppenheimers Meisterwerk wird ein Horrorfilm, genauer gesagt eine Geschichte über einen Exorzismus. Ein Film, über den man in Jahrzehnten noch sprechen wird, und sicher die einnehmendste, brutalste Kinoerfahrung des Jahres 2013.

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