Kurzrezensionen: All is Lost; The Wolf of Wall Street

All-Is-Lost-poster-hi-res.jpgAll is Lost (2013)

„Show, don´t tell.“, wird Filmemachern eins ums andere mal zugetragen. Das Kino lebt von der Kraft seiner Bilder wie kaum ein anderes Medium. Deutlicher als Regisseur und Drehbuchautor J.C. Chandor kann man sich diese Idee nicht zu Herzen nehmen. Erzählte sich sein Spielfilmdebüt, das Bankdrama Margin Call, noch in ausgedehnten Dialogen, vorgetragen von einer umfangreichen Riege an Darstellern, geht der U.S.-Amerikaner nun einen vollkommen anderen Weg. Denn All is Lost, so der Titel, geht so reduktionistisch vor, wie nur möglich. Ein Drehbuch von gerade einmal 32 Seiten länge (bei einer Laufzeit von über 100 Minuten), es werden nur wenige Worte gesprochen, und dass nur von einem einzigen Darsteller: Robert Redford. Die Frage, die sich stellt: Ist All is Lost mehr als ein Experiment in Sachen Minimalismus, gibt es bei Chandors Film mehr zu besprechen, als die reine Sprachlosigkeit?

Die Antwort ist: Ja. Mit wenigen Worten kann viel gesagt werden, der Film ist trotz des minimalistischen Ansatzes nie langweilig und Robert Redford spielt wirklich fantastisch. Nur wenige Darsteller besitzen die Gravitas, eine solche Rolle zu füllen. Jede Bewegung, jeder Gesichtsausdruck ist das Ergebnis klarer Kalkulation. OUR MAN, wie seine ansonsten namenlose Rolle genannt wird, ist ein faszinierender Charakter, welcher keine zu tränen rührende Hintergrundgeschichte nötig hat, sondern universellen Charakter besitzt. Genauso bedarf die Geschichte keiner klaren Erklärung, keiner aufdringlichen Symbole, sondern überlässt viel der Fantasie und Imagination des Zuschauers.

Ein mutiger Film, der nur von seinem wirklich grauenhaft inspirierenden Werbefilm-Soundtrack und einer gewissen atemlosen Schwere zurückgehalten wird. Der Alte Mann und das Meer für das 21. Jahrhundert.

wolf-of-wall-street-poster2-610x903The Wolf of Wallstreet (2013)

The Wolf of Wall Street ist ein Lied mit einem einzigen verzerrten, dissonanten Akkord, gespielt in voller Lautstärke über drei Stunden länge. Basierend auf den Memoiren von Banker Joardan Belfort wird uns die bis zum Kern reichende Amoralität der Wall Street in so grotesk wie möglichen Bildern gezeigt, Filmemacher Martin Scorsese inszeniert jede einzelne Szene in der maximalen Intensität.

Das Ergebnis ist ein Film von unfassbarer Wucht und Energie, der leider auf Dauer ermüdet. Wenn ein Mensch erst flüstert, und dann lauter spricht, hören wir ihn besser. Aber ab einer gewissen Lautstärke können wir was gesagt wird nicht besser verstehen, sondern werden Taub. Diese Komödienvariante von Goodfellas und Casino besitzt die sublime Zartheit eines Dampfhammers und lässt durch seine epochal andauernde Gleichförmigkeit den Zuschauer in denselben Rausch aus Sex und Drogen verfallen, wie seine Figuren. Wobei nur eine Figur wirklich von Bedeutung ist, Belfort, gespielt von Leonardo DiCaprio. Mit manischer Tobsucht gestikuliert und schleimt sich dieser als Ausgeburt von Exzess und Gier durch eine Welt, die ihn nie vor die Konsequenzen seines Handelns stellt.

Nun ist eindeutig klar, was wir von dieser Welt halten sollen: Die Überdosis an purem Kapitalismus soll uns zurückschrecken lassen, wir sollen uns angewidert abkehren und eine Welt wünschen, in der ein solches Verhalten geahndet wird.

Das Problem: Der Film verwechselt Subjekt und Thema, Botschaft und Inhalt, und so schrecken wir irgendwann vor dem Film selbst zurück. Einzelne Momente, einige gelungene Witze und Einlagen und Scorseses großes Geschick mögen den Film vor der Katastrophe bewahren, und auch unterhalten fühlt man sich, wenn auch auf eine unangenehme Weise, die meiste Zeit schon. Aber im Endeffekt ist The Wolf of Wall Street eine so leere, oberflächliche und nichtige Erfahrung, wie die der Menschen, die uns vorgeführt werden. Momente der Brillanz gehen in der Monotonie des Maximalen verloren. Der Ton macht die Musik, und mehr als einer sollte es dann doch sein, und selbst in seiner letzten Einstellung erklärt uns Scorsese noch: Möglicherweise gibt es keine guten Menschen, vielleicht teilt sich die Welt einfach in zwei Hälften – Mensch, die böse sind, und Menschen, mit einer großen Faszination für das Böse.

 

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