Erster Eindruck: True Detective

true-detective-first-season.16295Gott scheint die Welt verlassen zu haben. Seine Symbole füllen noch immer die Häuser und Kirchen der Menschen, haben aber ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Zurück bleibt eine trostlose Welt voller Suchender die spüren, dass es keinen Sinn im Leben gibt und keine Rettung. Eine Welt wie eine Vorhölle, farblos-grau, voller Prostituierter, Drogen und Korruption – die Welt von True Detective.

Die neue Serie von Erfolgssender HBO (Game of Thrones, Girls, Boardwalk Empire) erzählt die Geschichte um zwei Polizisten, die einen grausamen Ritualmord aufklären sollen.  Rustin Cohle, gespielt von dem für seine Rolle in Dallas Buyers Club ausgemergelten Matthew McConaughey, ist eine Art Hiobsfigur. Seine Vergangenheit ist von Verlust geprägt, doch in dieser Variante der Bibelgeschichte scheint der Teufel als Sieger hervorgegangen zu sein: Cohle ist ein verbitterter, zu tiefst pessimistischer Atheist. Die menschliche Existenz ist für ihn ein Irrtum, ein Fehltritt der Evolution. Er ist hochintelligent, kompetent in seinem Beruf, aber auch enigmatisch und depressiv. Seinen Kollegen Martin Hart, verkörpert von Woody Harrelson, verstört er mit seinem düsteren Weltbild.  Dieser denkt weniger abstrakt und weltlicher, er ist, zumindest vordergründig, ein ganz normaler Cop, mit einer Familie und normalen Problemen. Das ungleiche Paar, welches wenig mit der konventionellen Buddy-Cop-Mustern zu tun hat, ermittelt vor der Kulisse der amerikanischen Südstaaten.

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McConaughey und Harrleson als das ungleiche Polizistenpaar Rustin „Rust“ Cohle und Martin Hart

True Detective hebt sich von klassischen Krimiformaten, vor allem aber auch von den üblichen HBO-Ensembleserien, durch einige sehr ungewöhnliche Entscheidungen ab: Zum einen wäre da der ostentative Umgang mit einer für die Amerikaner schwierigen Thematik –  Religion. Die USA, und insbesondere die Südstaaten, sind nicht vom christlichen Glauben zu trennen. Nie gab es einen nicht-christlichen Präsidenten, fast 80% des Landes identifizieren sich als Christen. Wiedergeborene und Apokalyptiker sind dort weniger Randgruppen als in Europa, sondern von großen Teilen der Bevölkerung respektierte Meinungsträger und bedeutsam für den öffentlichen Diskurs. Und wie das Land selber scheint auch die Welt der Serie fest im Griff der Gläubigen. Fast in jeder Einstellung von True Detective sind Kreuze zu sehen, Gottesbilder und Engel bevölkern die Häuser der verarmten Landbevölkerung Louisianas. Ihre Wohnungen sind verfallen, ihre Leben gescheitert und traurig, ihre einzige Hoffnung liegt im Glaube, auf einer besseren Welt im Jenseits. Politiker sehen in diesen Menschen, überwiegend Methdealer und Prostituierte, wenige mehr als Stimmvieh. Cohel und Hart werden schon Früh in ihren Ermittlungen plötzlich von einer „anti-satanistischen“ Eingreiftruppe gestört, über die der Gouverneur versucht an Profil zu gewinnen und sich als guter Christ darzustellen, als „wahren Gläubigen“.

Cohel und Hart hingegen sind, wie der Titel der schon sagt, „echte Detektive“. Dem Gläubigen und dem Detektiv ist vor allem eins gemein: Die Suche. Cohel ist rastlos und findet die wenige Bedeutung im Leben in seiner Arbeit, er ist reserviert und still. Nur manchmal brechen plötzlich die Dämonen der Vergangenheit aus ihm hervor, die philosophischen Exkurse irritieren den Zuschauer im gleichen Maße wie seine Kollegen: Manchmal sind die Ergüsse schwer der Figur auf dem Bildschirm zuzuordnen, wirken unorganisch und fügen sich nicht in das Gesamtbild der Serie ein. Sie erwecken den Anschein, als wäre er vom Geist eines Drehbuchautoren besessen. In die düstere Stimmung der Geschichte passen sie hingegen, und hinterlassen uns mehr als noch zuvor mit der Frage: Wer ist dieser Mensch?

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Verfall und Glaube haben das Louisiana aus True Detective fest im Griff.

True Detective scheint erpicht darauf, gerade das zu erzählen. In langen Strecken ist das Kriminaldrama vor allem eine Charakterstudie: Im Gegensatz zu anderen HBO-Serien wird uns kein Ensemble an Figuren vorgestellt, sondern der Fokus liegt deutlich auf den beiden Polizisten. Natürlich gibt es Nebenfiguren, aber ihre Existenz scheint nur in Abhängigkeit von Cohel und Hart zu bestehen, nie verlieren wir unsere Protagonisten aus den Augen. Szenen, in denen weder McCoaughey noch Harrelson vorkommen, gibt es nicht – die Serie bekommt fast einen solipsistischen Charakter. Ohnehin ist „fokussiert“ eine nützliche Vokabel, um der Serie gerecht zu werden, denn so eindeutig ein einzelnes Thema als allumfassende Metapher gab es zuletzt bei Allen Balls brillanter Serie Six Feet Under. 

Hervorzuheben wäre darüber hinaus noch der ungewöhnliche Erzählstil der Serie, denn das eingangs erwähnte Verbrechen liegt nunmehr fast 20 Jahre in der Vergangenheit. Unsere Hauptfiguren begegnen uns auf verschiedenen Zeitebenen, in verschiedenen Versionen ihrer Selbst. Gerade durch die deutliche Diskrepanz von Cohel 1995 (der Zeitpunkt der ersten Morde) und Cohel 2014, der über nunmehr neue Verbrechen nach ähnlichem Muster befragt wird, werden zahllose Rätsel aufgeworfen und das Ende von Entwicklungen aufgezeigt, die gerade einmal angedeutet wurden. Nichtchronologisches Erzählen kann oft den Charakter eines Gimmicks besitzen, hier wird jedoch schnell klar, welche Ideen Nic Pizzolatto und sein Team damit verfolgen.

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Auch handwerklich überzeugt True Detctive: In den Bildern von Kameramann Adam Arkapaw drückt sich die düstere Schwermut einer Region ohne Zukunft aus. Immer wieder sind nicht nur normale Kruzifixe, sondern auch Kreuze auf Straßen, in Fenstern und Bäumen zusehen, die Allgegenwart des Glaubens und erdrückender, höherer Mächte zieht sich durch die Serie wie der Basso continuo eines Barockstücks. Verantwortlich für die Musik zeigt sich Komponist T Bone Burnett, zuletzt zuständig für die wundervolle Musik in Inside Llewyn Davis von den Cohen-Brüdern. Gospels, Folkmusik und Country singen vom Glaube, aber auch von Verlust und Einsamkeit.

Am besten beschreibt True Detective sich schlußendlich jedoch selbst:  „This place is like somebody’s memory of a town, and the memory’s fading,“ erklärt Cohel die Welt um sich herum. Die USA verändern sich, die Zahl der Nicht-Gläubigen ist in Umfragen die am schnellsten wachsende Gruppe. Nostalgie nach einer Welt, die es niemals gab, beherrscht ganze Bevölkerungsschichten. Amerika verliert seine Vormachtstellung in der Welt, und immer weniger seiner Bewohner glauben an den amerikanischen Traum. Gott scheint die Welt verlassen zu haben, True Detecive erforscht, was das bedeutet.

(Bildrechte: Warner Home Video)

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