Rezension: Philomena

philomena-movie-poster-2Religion und die rührseligen Alltagsgeschichten, die wir aus dem angelsächsischen Sprachraum als „Human Interest Stories“ kennen, haben mehr gemeinsam, als Vielen bewusst sein wird. Beide ermöglichen uns, der grauen, oft unangenehmen Routine des Lebens einen besonderen Anstrich zu geben und versprechen, dass es auch Gutes in der Welt gibt. Menschen versuchen stets ihr Leben in Narrativen zu ordnen.

Aufeinander treffen Beide in der Geschichte von Philomena Lee, welche nun von Filmemacher Stephen Frears (Mein wunderbarer Waschsalon, Die Queen) nach einer Buchverwertung, auch in die Kinos gebracht wird. Der mittlerweile pensionierten Krankenschwester (Judi Dench) wurde in jungen Jahren ein unehelich gezeugtes Kind von Nonnen abgenommen und an amerikanische Adoptiveltern abgegeben. Seit dem hat sie ihren Sohn nicht mehr gesehen, nach langem zögern begibt sie sich auf die Suche. Helfen soll ihr dabei der unlängst entlassene BBC-Journalist Martin Sixsmith (Steve Coogan), ein  zynischer Atheist und erklärter Gegner von seichter Unterhaltung. Dem entsprechend wenig angetan ist er, als er das erste Mal auf die Geschichte und die naive, alte Philomena trifft. Es kommt wie es kommen muss: Während das ungleiche Paar der Wahrheit und dem verbleiben von Philomenas Kind langsam immer näher kommen, nähern sie sich auch einander an und der vermeintlich abgebrühte Journalist lernt etwas über sich, den Glauben und den Wert der kleinen Geschichten.

film-philomena-e1385664855549

Judi Dench und Steeve Coogan als Philomena Lee und Martin Sixsmith

Der Film ist selber in seinem Wesen eine jener inspirierenden Alltagsgeschichten, und in manchen Momenten kann man das dem Film wirklich negativ auslegen: So sollen die Zuschauer zwar über die Mechanismen und Kaltschnäutzigkeit des Boulevards lachen, gleichzeitig werden ähnliche Methoden jedoch für Charakterzeichnung und den Aufbau der Geschichte verwendet – in seinen schwächeren Momenten wird Philomena seinen eigenen moralischen Ansprüchen nicht gerecht.

Lässt man die Botschaft des Films jedoch außer acht, tritt gelegentlich ein gelungenes Portrait der Verletzlichkeit in den Vordergrund: Judi Dench, meistens in starken Frauenrollen wie etwa als Elisabeth die Erste oder James Bonds Vorgesetzte M zu sehen, scheint in vielen Szenen sichtbar zu altern. In einer längeren Nahaufnahme gegen Ende des Films werden aus ihren Augen düstere Brunnenschächte, in denen sie in religiösem Selbsthass Jahrzehnte verbracht zu haben scheint. Nuancen von tiefsitzender Trauer über einer Schale von äußerlicher Begeisterung für die Welt prägen ihre Version der realen Persönlichkeit.

philomena-trailer-09302013-101216

 Auch Coogan macht seine Sache gut, selbst wenn die Entwicklung seines Charakters manchmal etwas vorhersehbar ist. Trotzdem kann der vielen vor allem als Komiker bekannte Koautor des Films seiner Rolle die Richtige Mischung aus verbissener Ernsthaftigkeit, unangebrachter Überheblichkeit und britischem Humor verleihen. Philomena ist für 4 Academy Awards und eben so viele BAFTAs nominiert, ob der Film sich jedoch gegen die starke Konkurrenz des Filmjahrs 2013 durchsetzen wird, ist jedoch mehr als fraglich.

Denn sicher: Stephen Frears neuster Film besitzt große Stärken, ist jedoch leider in der Summer wenig mehr als eine schön erzählte, aber leider etwas verkitschte Geschichte. Ein kompetent gemachtes Rührstück das unterhält, aber mehr von seiner Quelle als von der Umsetzung ins Drehbuch und der Regie profitiert. Philomena will eindeutig sein, baut aber Ambivalenz und Widerspruch auf wo keiner ist und ergreift oft für das Falsche Partei. Denn natürlich können sowohl Religion als auch kleine Geschichten von großem Mut uns Momente des Eskapismus gewähren, aber so einfach wie in Philomena ist die Welt in den meisten Fällen dann leider doch nicht. So bleibt am Ende jedem selbst überlassen, ob die von Philomena aufgestellte Gleichung aufgeht.

philomena-lee-n

Film trifft Wirklichkeit: Judi Dench und Philomena Lee

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s