Rezension: RoboCop (2014)

robocop-poster-2691231Paul Verhoeven ist kein subtiler Filmemacher: Wenn er uns zeigen will, dass es dem amerikanische Actionkino an Intellekt fehlt und dafür blinder Militarismus vorherrscht, lässt er in Starship Troopers johlende Soldaten ein gewaltiges Gehirn einsperren. Und so ist auch RoboCop, seine Satire auf  Reagens Amerika, die Entmenschlichung durch Technologie und die Gier des Kapitalismus kein Werk der Nuancen und leisen Töne. Seine Welt ist bevölkert von egoistischen, karrieristischen Anzugträgern, welche die blutige Hinrichtung eines Kollegen durch einen falsch programmierten Kampfroboter mit Sätzen wie, I’m sure it’s only a glitch. A temporary setback.“, kommentieren. Aber gerade dieser beißende, gnadenlose Spott, diese amplifzierte Pointierung der Verachtung für alles, dem Verhoeven kritisch gegenüber stand,  gab dem Filme einen speziellen Charme.

Umso erstaunlicher ist es, das es Regisseur José Padilha mehr als 25 Jahre später gelingt, einen Film zu schaffen, der zwar noch weniger subtil ist, aber gleichzeitig einen großen Teil vom Charme des Originales eingebüßt. Dabei ist die Handlung im Kern fast die gleiche: Der multinationale (und äußerst zwielichtige) Konzern OmniCorp beliefert die Armee der vereinigten Staaten mit Drohnen und Kampfrobotern. Diese sind bei Kriegen im Ausland auch äußerst erfolgreich, der Einsatz im Inland ist bislang jedoch verboten. Senator Hubert Dreyfuss strebt ein Gesetz an, dass dies auch dauerhaft zementieren würde, OmniCorp-Vorsitzender Raymond Sellars (Michael Keaton) will den lukrativen Binnenmarkt auf keinen Fall aufgeben. Um die Roboter für die amerikanische Bevölkerung menschlicher zu gestalten, entwickelt Dr. Robert Norton (Gary Oldman) ein System von Prothesen, die aus einem Polizisten einen schlagkräftigen Cyborg machen würden.

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Alex Murphy nach der Transformation zu RoboCop

Auf der Suche nach geeigneten Kandidaten für sein kybernetisches PR-Projekt stößt er auf den Polizisten Alex Murphy. Als würde dessen Leben dem gleichnamigen Gesetz folgen, geht alles schief, was schief gehen kann: Beim Versuch, einen Waffenhändler namens Vallon festzunehmen, stößt er auf einen Fall von schwerwiegender Korruption in der Polizei von Detroit. Die Hintermänner ziehen ihn prompt per Autobombe aus dem Verkehr. Schockiert, und durch die Überzeugungskraft der OmniCop-Mitarbeiter, willigt Alex Ehefrau Ellen (Abbie Cornish) ein, seinen geschundenen Körper für den Prototype zu verwenden. Drei Monate später erwacht Alex aus dem Koma – als der titelgebende Robocop.

Das nun folgende Dilemma nimmt Regisseur Padhilha in einer wenig elegant dargestellten Szene vorweg: Dr. Norton arbeitet mit einer Reihe von Patienten zusammen, unter anderem auch mit einem Musiker, der eine Hand verloren hat. Zögerlich kommt die kybernetische Ersatzextremität  das erste Mal zum Einsatz, und zunächst scheint auch alles gut zu gehen: Der Patient entlockt seiner Akustikgitarre erste Klänge. Doch plötzlich wird er unsicher, die Töne werden schief und die Tonleitern krumm. Scheinbar interferieren zu starke Emotionen mit der Technologie. „Sie müssen die Emotionen unterdrücken“, fordert Dr. Norton. „Aber ohne Emotionen kann ich nicht spielen!“, erwidert der Musiker. „Oh Gott.“, denkt sich der Zuschauer.

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Dr. Robert Norton ist eine Art moderner Doktor Frankenstein. Er sorgt sich um seine Kreation und zweifelt an der Moralität seines Handelns.

Auch Murphy ringt mit seinen Emotionen, mit Mitleid und Furcht, kurz: Mit seiner Menschlichkeit. In Tests scheint er den reinen Maschinen unterlegen. Der Konzern reagiert, in dem sie seine Gefühle technisch unterdrücken, seinen freien Willen schalten sie in Kampfsituationen einfach aus. Es bleibt zwar die Illusion, Entscheidungen selber getroffen zu haben, aber in Wirklichkeit ist es die Programmierung, die ihn steuert – eine Aussage, die manche Neurologen auch über den Menschen treffen, nur dass hier biochemische Prozesse an die Stelle von Software treten. Sicher, RoboCop schreckt nicht vor schweren, sicher auch bedeutsamen Themen zurück, wirklich ausdifferenziert und zu Ende gedacht sind diese jedoch selten. Auch die satirischen Elemente wirken merkwürdig unfokussiert, in der Summe geht es um Alles und Nichts. Die Werbespots und Nachrichtenausschnitte des Originals sind einer Art Bill O’Reilly-Parodie gewichen, gespielt von Samuel L. Jackson, gefangen in der Leere einer Welt aus Greenscreenbildern. Das gibt nicht nur dem löchrigen Drehbuch einen dringend notwendigen Bezugsrahmen, sondern eröffnet auch die Möglichkeit, ein bisschen die US-Außenpolitik, Fox News und die Medien, Kapitalismus und Gerechtigkeit zu thematisieren. Leider reichen diese Spitzen nie an die Präzision des Vorbilds heran.

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Michael Keaton als Raymond Sellars kann kaum eigene Akzente setzte. Der Film spielt zu einem großen Teil in Büroräumen wie diesem

Dabei hat José Padilha eigentlich schon mit seiner äußerst erfolgreichen Topa de Elite-Reihe gezeigt, dass er es versteht, Prozesse der Entmenschlichung überzeugend Darzustellen. Im ersten Teil der Serie zeigt er die Mechanismen von militärischem Drill gekonnt auf, und lässt seine Figur Baiano Opfer einer schleichenden Indoktrination werden. Warum bereitet dem Brasilianer gerade die Darstellung dieses Prozesses nun so große Schwierigkeiten?

Denn leider ist der nunmehr von Emotionen „befreite“ Alex Murphy  in seinem Ringen mit sich selbst in keinem Moment überzeugend, was nicht nur an seiner blassen Darstellung durch Joel Kinnaman liegt. Der zwar effiziente, aber Freunden und Familie nun kalt gegenüberstehende Polizist wird sich in melodramatisch inszenierten Szenen wieder seiner eigenen Menschlichkeit bewusst. Folgerichtig tritt er danach seinen Kreuzzug gegen die korrupte Polizei und OmniCorp an.

Dieser wird in mal mehr, mal weniger gelungenen Actionszenen erzählt. Der Film beginnt bereits mit einer solide inszenierten Straßenschlacht in Teheran. Im Vorfeld vielfach von Fans bemängelt hat der Film eine PG-13-Wertung von der MPAA erhalten, in Deutschland ist der Film von der USK ab 12 Jahren freigegeben. Die absurden Blutfontänen und abgetrennten Gliedmaßen von 1987 weichen CGI und Wackelkamera. Auch wer Gewaltexzessen normalerweise kritisch Gegenübersteht wird nachvollziehen können, dass diese ein essentieller Bestandteil des auf schrille Weise dreckigen, überzeichneten Originals waren. Je graphischer etwas dargestellt wird, dachte sich wohl Verhoeven, desto besser erkennt der Zuschauer, was gemeint ist. Die Schlachten der Neuauflage verlieren durch den zeitgenössischen Stil an Wucht. Sie sind zwar in der Regel logisch in die Handlung eingebunden, ein Sinn für Gefahr und Urgenz will jedoch nie wirklich aufkommen. Es ist ironisch, dass einem Film über den Geist in der Maschine gerade dieser abzugehen scheint.

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Rick Mattox, gespielt von Jackie Earle Haley, ist einer von Murphys Gegenspielern. In einer unterhaltsamen Sequenz vergleicht er ihn mit dem Tinman aus dem Zauberer von Oz.

Natürlich sollte ein Film auch für sich betrachtet werden, und RoboCop ist kein schlechter Film, nur weil er ein Remake ist. Aber in den Unterschieden der beiden Versionen lassen sich die Verfehlungen der Neuauflage so gut verdeutlichen. Wer Alles verspotten will, verspottet Nichts; wer das Geistlose Kritisiert, aber selber geistlos ist, verspottet sich selbst.

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