Kurzrezension: Only Lovers Left Alive

only_lovers_left_alive_ver3_xlgSchallplatten drehen sich, die Welt dreht sich und Menschen drehen sich ihr Leben lang um sich selbst. So zeigt es uns Jim Jarmusch in den ersten Einstellungen seines neusten Films, Only Lovers Left Alive. Darüber hinaus zeigt er auch, was sich daran ändert, wenn das Leben ewig währt. Adam und Eve sind ein Ehepaar und, vielleicht noch bedeutsamer, unsterbliche Vampire. Die Unendlichkeit ihres Daseins füllen sie mit Kunst – Adam (Tom Hiddleston) spielt düstere Postrocksongs, besitzt eine Leidenschaft für alte Gitarren und lebt zurückgezogen in einer Mischung aus Tonstudio und Wohnung im kalten, verlassenen Detroit.  Eve (Tilda Swinton)  verbringt ihre Zeit in den Straßen der marokkanischen Hafenstadt Tanger, liest große Werke der Weltliteratur und trifft sich mit ihrem Freund Marlowe (John Hurt), der unter anderem Ghostwriter Shakespeares war.

Die Beiden leben jeweils in ihrem eigenen Mikrokosmos aus Zeitgeschichte, umgeben sich mit allerlei Antiquitäten und Bildern von Freunden aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Wer nicht von seiner eigenen Endlichkeit getrieben wird, so erzählt uns Jarmusch, kann entspannt in seine Zukunft schauen und seine Existenz entschleunigen. Dennoch sind Adam und Eve von einer deutlichen Schwermut behaftet,  Adam erwägt sogar Selbstmord und lässt sich eine spezielle Kugel aus Holz anfertigen.

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Adam und Eve in schwarz und weiß – das ungleiche Paar wird mehrfach in Jing und Jang-Motivik dargestellt.

Diese liefert einer der wenigen gewöhnlichen Menschen, welche er in sein Leben hineinlässt. Im Allgemeinen halten Jarmuschs Vampire wenig von den Sterblichen und bezeichnen sie abfällig als „Zombies“, lebende Tote, die durch kurzsichtige Bedürfnisbefriedigung die Welt und alles Schöne in ihre zerstören. Sie beißen Menschen zwar nicht, sondern besorgen sich das Blut aus Krankenhäusern, Respekt oder Mitleid mit der Menschheit empfinden sie jedoch nicht. Ihre Weltsicht erweist sich immer wieder, auch Angesichts von Tod und Leiden, als zynisch. Aus diesem Umstand zieht der Film seinen trockenen Humor.

Only Lovers Left Alive bedarf, gleicher seiner Figuren, keiner Vorwärtsbewegung. Wofür Aktionismus, Sturm und Drang, wenn Zeit eine unendliche Ressource ist? Der Film verliert sich vielmehr in nostalgischer Meditation und schwelgt in Erinnerungen an eine vermeintlich bessere Zeit. Der Widerspruch zwischen den Ruinen der Vergangenheit und den im vergleich jungen Körpern wird immer wieder vor Augen geführt.

Die meiste Zeit über ist diese seltsam geschichtsvergessene Reminiszenz äußerst unterhaltsam, Hiddleston und Swinton beim Spiel zu betrachten erfreut, die Leinwand-Chemie überzeugt. Auch ästhetische Bilder werden dargeboten, die düstere Welt der „Geschöpfe der Nacht“ ist ein schöner Ort, an dem man gerne verweilt. Fragwürdig hingegen sind die Versuche, Kunst zu Werten: Adams Gitarrengeblubber als große Kunst darzustellen ist mutig, warum gerade das Haus von Jack White (Gitarrist und Sänger der White Stripes) in einer Szene besonders im Blick steht, ist schwer nachzuvollziehen. Berauschende Kunst sollte im Film vor allem über die Reaktionen auf sie gezeigt werden, außer wenn der Regisseur vollkommen überzeugt ist. Jarmusch scheint sich beweisen zu wollen, dass er auch im Alter noch Epitom der Coolness ist – wirklich Stilsicher ist er dabei nicht immer, neigt er doch manchmal zur Selbstüberschätzung. Die Kritik am schnelllebigen Zeitgeist, verkörpert von Ava (Mia Wasikowska), kommt Altklug daher.

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Evas unbeherrschte Schwester Ava (Mia Wasikowska, Links im Bild) bringt Chaos in die geordneten Bahnen von Adam und Eves Leben

In der Summe ist die Vampirgeschichte vor allem ein Stimmungsfilm, eine nette Erfahrung, die die Leere und Gleichförmigkeit des ewigen Lebens gut abbildet – vielleicht manchmal etwas zu gut. Auch Jarmusch scheint sich ein wenig im Kreis zu drehen.

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