Helden, Superhelden, Antihelden: Warum der moderne Antiheld keiner ist

An einem Helden ist alles verzeihlich, nur nicht die Schwäche.

Jakob Boßhart

Hollywood zeigt uns schon genug strahlende Helden: Menschen die besonders schön, stark und klug sind. In der Geschichte des Films waren und sind Protagonisten, die nicht bestimmte Idealvorstellungen erfüllen, Figuren voller Schwächen und wirklicher Fehler, selten mehr als eine Randerscheinung. Im Gegenteil, oft sind sie sogar Ziel von Spott und Verachtung. Auch die fiktive Geschichte wird von den Gewinnern geschrieben, wer noch beim Happy-End unglücklich ist, muss wohl zu den Bösen gehören.  Für Versager ist im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ kein Platz.

Der Figur des Antihelden käme die Aufgabe zu, diesen Mangel zu kompensieren. Ursprünglich angelegt als inaktiv, passiv oder sogar negativ handelndes Gegenstück zum Heroen sollten Charaktere wie Miguel de Cervantes Don Quijote oder Grimmelshausen  Simplicissimus Teutsch verhindern, dass wir uns in einer Traumwelt verlieren und uns mit den Helden einer Geschichte identifizieren. Eskapismus liegt tief in der DNA aller Fiktion. Denn natürlich wären wir gerne immer mutig, erfolgreich und frei von Fehlern – aber wir sind es nicht. Begreifbar zu machen, dass Fehler nicht das Ende der Welt bedeuten, wäre eine der wichtigsten Aufgaben des Kinos. Dabei geht es nicht um ein Loblied auf die Mediokrität, oder alberne, populistische Phrasen vom „kleinen Mann“ der als einziger wirklich die Welt versteht,  sondern vielmehr darum, eine Vielzahl von Lebenswirklichkeiten darzustellen. Grenzen sind der Kunst nur durch die Kreativität der Künstler gesetzt, und dennoch sehen wir viel zu Gleiches.

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Don Quijote und sein Gehilfe Sancho Panzo (aus: Don Quijote von der Mancha, 1965)

 Natürlich zeigen Filme bestimmte Bereiche der Welt, verdichten und dramatisieren. Dennoch darf auch in den vermeintlich virtuellen Räumen des Kinos das Schwache nicht ausgemerzt werden. Dinge zu zeigen, die sonst verborgen bleiben ist eine der befreienden, demokratischen Möglichkeiten des Films. Was mit der wertvollen Figur des Antihelden passiert, ist bedenklich.

Denn das Verständnis dieses Archetypen ist heute ein äußerst merkwürdiges. Wer im Internet recherchiert, was darunter verstanden wird, stolpert über viele unbefriedigende, unpräzise Antworten: Auch heute handelt es sich noch um Außenseiterfiguren,  aber die sonstigen Vorzeichen haben sich gewandelt. Das Vokabular, dass den Antihelden nun scheinbar beschreibt: Cool. Badass. Hart. Brutal.

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Düster und Ernst: Superhelden werden heute meist als als Antihelden dargestellt.

Der pubertäre Nihilismus von Figuren wie Tyler Durden aus dem Kultfilm Fight Club wird plötzlich etwas Erstrebenswertes.  Eine Generation von Comic- und Videospielfans identifiziert sich mit Christopher Nolans Version von Batman. Unter Realismus wird hier eine freudlose Düsternis  verstanden, ein Idealbild adoleszenter Selbstaufgabe, das selbst J.D. Salingers Holden Caufield als albern abtun würde. Der Antiheld von heute ist die  Rachefantasie der vermeintlich Marginalisierten, er bekommt, konsequent weitergedacht, sogar eine faschistische Dimension. Nur weil ein Charakter sich als ausgestoßen empfindet, ist er der Welt um sich herum nicht überlegen. Eine Ablehnung des Gemeinwesens macht eine Person noch nicht zu etwas Besonderem, oder gar zu einem Vorbild. Die Fetischisierung der Einsamkeit früher Cowboyfilme, Machfantasien vom Recht des Stärkeren und die Allgegenwart der kapitalistischen Selbstverbesserungs-Ideologie ergeben eine fragwürdige Mixtur.

In der ersten Folge der HBO-Serie The Sopranos offenbart Hauptfigur Tony Soprano mehrfach, was ihn an der Welt von heute stört:

Let me tell ya something. Nowadays, everybody’s gotta go to shrinks, and counselors, and go on „Sally Jessy Raphael“ and talk about their problems. What happened to Gary Cooper? The strong, silent type. That was an American. He wasn’t in touch with his feelings. He just did what he had to do. See, what they didn’t know was once they got Gary Cooper in touch with his feelings that they wouldn’t be able to shut him up! And then it’s dysfunction this, and dysfunction that, and dysfunction vaffancul!

Die vergangenen fünfzig bis sechzig Jahre haben viele Fortschritte gebracht, Weltbilder verändern sich stetig, unser Blick auf Identität, Demokratie und Geschlechterrollen ist ein anderer, als der von vergangenen Generationen. Das Zitat von Tony Soprano ist mittlerweile 15 Jahre alt, und doch wird man das Gefühl nicht los, dass die Serie schon damals weiter war, als es Hollywood es heute ist.

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Tony Soprano verkörpert den Konflikt von altem und neuen Bild von Männlichkeit. Sein Konflikt mit der eigenen Rolle verkörperte James Gandolfini brillant – aus der Köperlichkeit und Stärke erwächst hier nicht Dominanz, sondern Zweifel.

Der Antiheld sollte die Fehler seine Umwelt aufzeigen, die Reaktion der Gesellschaft entlarvt und zeigt Wahrheiten über kollektive Probleme auf. Der „brave Soldat Schwejk“ des tschechischen Autors Jaroslav Hašek irritiert und erzürnt durch seine Naivität Autoritätspersonen um sich herum, und deckt so die wirkliche Lächerlichkeit von blindem Gehorsam und Militarismus auf. An ihm wird demonstrativ Unrecht begangen, er ist Subjekt der Umstände. In The Dark Knight hingegen passiert das exakte Gegenteil: Der hyperintelligente, körperlich perfekt trainierte Millionär Bruce Wayne verheimlicht die Verbrechen des Staatsanwalts Harvey Dent („Two-Face“). Der antidemokratische Mythos, das Volk könne die Wahrheit nicht ertragen, wird ein weiteres mal bemüht.

In seinem Artikel The politics of Batman schreibt Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek:

The trilogy of Batman films follows an internal logic. In Batman Begins, the hero remains within the constraints of a liberal order: the system can be defended with morally acceptable methods. The Dark Knight is, in effect, a new version of two John Ford western classics, Fort Apache and The Man Who Shot Liberty Valance, which show how, to civilise the Wild West, one has to “print the legend” and ignore the truth. They show, in short, how our civilisation has to be grounded in a lie – one has to break the rules in order to defend the system.

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Beschützer einer alten Ordnung: Millionär und Besitzer eines Waffenkonzerns, Bruce Wayne

Hollywoods beziehung zum Anitheld war immer schon eine schwierige: Noch bis in die sechziger Jahre verhinderte der Hays Code wirkliche moralische Ambivalenz. Das Verbot von „Szenen in Filmen, die aufgrund ihrer häufig subtilen Inhalte tendenziell bewirken, grundlegende moralische oder notwendige soziale [Verhaltens-]Normen zu verderben“ machte es unmöglich, soziopolitische Themen akkurat zu erfassen. Die Pioniere des New Hollywood kämpften gegen dieses Versäumnis an und schufen einige der beeindruckendsten Nichthelden des amerikanischen Kinos: In Dennis Hoppers Easy Rider werden zwei einfache Hippies schlussendlich Opfer der alten Ordnung. Sydney Lumet zeigt uns in Dog Day Afternoon zwei Bankräuber, einer von ihnen ein Homosexueller – sie werden, nicht nur für ihre Verbrechen, sondern vor allem für ihre Kraft als Symbol der gesellschaftlichen Veränderung, schlussendlich hart von der Staatsgewalt bestraft.

Doch das revolutionäre Potential, geboren aus den Scherben des Studiosystems verlor sich schnell unter dem Druck der Kulturindustrie: Mit der Geburt des Blockbusters 1975 verschwanden viele dieser mutigen Vorstöße. Im Laufe der achtziger Jahre und der Reagan-Adminstration wurde aus der Gebrochenheit der Vietnam-Generation eine neue, ostentative Härte. Die Ära von Schwarzenegger, Stallone, Lundgren, van Damme und Willis brachte die wortkargen Cowboys der Gründerzeit wieder zurück in die Gegenwart und ließ die Amerikaner ihre Allmachtsfantasien zumindest im Kino ausleben.

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Nicht mehr zeitgemäß: Die alten Recken der 80er wurden von neuen „Helden“ verdrängt und funktionieren nur noch als ironische Figur.

Heute sind die oben genannten Darsteller alte Männer – und doch kehren sie ins Kino zurück. Nur noch ironisch gebrochen treten sie auf, Filmreihen wie The Expendables, der fünfte Stirb Langsam-Teil und Schwarzenneggers The Last Stand zeigen mehr als nur leichte Ermüdungserscheinungen. Die neuen Projektionsflächen jugendlichen Machismo sind die Superhelden. Sie sind keine weißen Ritter in strahlender Rüstung, sondern düster und emotional unzugänglich. Filme wie Man of Steel simulieren durch eiserne Grimmigkeit wirkliche Reife. Der zur schau gestellte Defätismus dieser Welten wird zum chic der priviligierten Zielgruppe, für die heute Kino gemacht wird: Junge Weiße der Mittelschicht. Sie nehmen gesellschaftliche Veränderung wie Emanzipation, angebliche politische Korrektheit und zunehmende politische Teilhabe von Minderheiten als Bedrohung ihrer Lebenswelt dar – und gegen diese Kämpfen nun die neuen Antihelden. Diese zeitgenössische Variation des Typus ist Avatar eines regressiven Rückzugsgefechts unter dem Deckmantel eines postmodernen Moralverständnisses: das schwarz-weiße Weltbild vermengt sich zu einem gefälligen Grau. Der neue Feind ist Bunt.

So bekehrt etwa Riddick homosexuelle Frauen durch Darstellung seiner Überlegenheit zur „Normalität“, Wolverine ist nicht nur körperlich unverletzbar. Judge Dredd ist auch in seiner Inkarnation von 2012 eine Figur zugleich am Rand und mitten in der Gesellschaft, weniger ein Mensch als eine Idee: Gesichtslos steht er für brutale Law und Order-Politik – der Film hinterfragt das in keinem Moment, sondern suhlt sich in der Ästhetik der Gewalt. Natürlich sind solche konservativen Sehnsüchte nichts Neues, nur ist die Intention eines Batmans perfider verborgen als etwa die von Dirty Harry. Videospielfiguren wie Kratos, Duke Nukem, Trevor aus GTA 5, Nathan Drake, Agent 47 aus der Hitman-Reihe und die Helden der Gears of War-Serie folgen denselben Mustern.

Ihre Handlungen haben für sie keine negativen Konsequenzen, emotional können sie ohnehin nicht verletzt werden. In der Tragödie lernen wir aus dem menschlichen Scheitern – mit Ödipus, Hamlet oder Maria Stuart fühlen wir mit, wir verstehen ihre Fehler und nehmen etwas für unser eigenes Leben mit.

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Brutal, Einsam – Cool? Richard B. Riddick, gespielt von Vin Diesel.

Es wird Zeit, dass Hollywood auch für den Mainstream-Markt die volle Bandbreite des menschlichen Spektrums ausreizt. Vor allem wird es aber Zeit für das Publikum, eines neues Verständnis für das nicht-heroische zu entwickeln. Es wird Zeit Stil, Form und vermeintliche Coolness zu hinterfragen, und sich dem antidemokratischen Bild der Welt, die uns Blockbuster zeigen, kritisch reflektiert entgegenzustellen. Helden, Antihelden und Superhelden könnten nebeneinander existieren.

Was wir statt dessen sehen, ist am besten mit Martin Scorsese und dem Ende von Taxi Driver zu begreifen: Ex-Marine und Vietnamveteran Travis Bickle driftet in den Wahnsinn ab, leidet unter Schlafstörung und findet sich in der Welt nicht zurecht. Er beschließt einen Anschlag auf den örtlichen Senator, wird jedoch entdeckt und flieht vor der Staatsgewalt. In seinem Hass auf die Gesellschaft beginnt er ein Blutbad – und trifft zufällig die „Richtigen“, erschießt einen Zuhälter und mehrere Freier. Als er nach der Tat wieder zu sich kommt, ist er ein gefeierter Held. Seine Grausamkeit hat gesellschaftlich Unerwünschte getroffen – Bickle wird als Teil einer Gruppe anerkannt, die er eigentlich hasst. Scorsese inszeniert das mit einer bitteren Ironie – eine Ironie, die den meisten Filmen heute leider abgeht. Wir verleihen Medaillen an Travis Bickle, und merken es nicht einmal.

Held sein, eine Minute, eine Stunde lang, das ist leichter als in stillem Heroismus den Alltag tragen. Nehmt es nur auf euch, das Leben in diesem grauen, eintönigen Alltag, dieses Wirken, für das euch niemand lobt, dessen Heldentum niemand bemerkt, das in niemandem Interesse für euch erweckt; wer diesen grauen Alltag erträgt und dennoch dabei Mensch bleibt, der ist wahrhaft ein Held.

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij

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Ein Gedanke zu “Helden, Superhelden, Antihelden: Warum der moderne Antiheld keiner ist

  1. Der Text enthält eine Unstimmigkeit. In Dog Day Afternoon wird nur einer der beiden Geiselnehmer erschossen, nicht beide. Der andere wird gefangen genommen. So wie sich das Ereignis auch in der Wirklichkeit abgespielt hat.

    Grüße

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