Oscartipps 2014

Oscars_2014

Am kommenden Sonntag werden bereits zum 86. Mal die Academy Awards of Merit vergeben. Seit der Preis 1929 ins Leben gerufen wurde ist der er durch eine ganze Reihe von Inkarnationsformen gegangen. Heute wie damals wird erhitzt über Aussagekraft und Nutzen der Auszeichnung gestritten, die sich Hollywood jedes Jahr aufs neue selber verleiht. Unabhängig davon, ob man in den goldenen Statuen ein reines Marketingwerkzeug sieht, einen Indikator für den besten Film eines Jahres oder vor allem ein nützliches Instrument zum erfassen des Zeitgeistes, sicher ist: Es handelt sich immer noch um den populärsten und präsentesten Filmpreis der Welt. 2013 war ein starkes Jahr für Hollywood, das Teilnehmerfeld strotzt nur so vor originellen und unterhaltsamen Filmen.  Im Folgend gibt es eine kurze Einschätzung bezüglich der erwarteten Sieger (fettgedruckt) – nicht immer sind diese auch die gewünschten.

matthew-mcconaughey-weight-loss-giBester Hauptdarsteller

Christian Bale (American Hustle)
Bruce Dern (Nebraska)
Leonardo DiCaprio (Wolf of Wall Street)
Chiwetel Ejiofor (12 Years a Slave)
Matthew McConaughey (Dallas Buyers Club)

Das Internet mag aufschreien wie ein zorniges Kind, doch auch 2014 wird Liebling der Massen DiCaprio nicht in die Ränge der Oscargewinner vordringen. McConaugheys Transformation vom glatten Liebeskomödianten zum ernsthaften Charakterdarsteller wird honoriert, es ist das Jahr der „McConnaissance“. Die soliden (Dern, Bale) bist sehr guten Leistungen (Ejiofor) der Mitbewerber werden hoffentlich trotzdem in Erinnerung bleiben.

Cate_Blanchett_2011Beste Hauptdarstellerin

Amy Adams (American Hustle)
Cate Blanchett (Blue Jasmine)
Sandra Bullock (Gravity)
Judi Dench (Philomena)
Meryl Streep (August: Osage County)

Selbst noch drastischere Skandale um Regisseur Woody Allen könnten Blanchett diesen Sieg nicht nehmen. Meryl Streep ist dieser Jahr wohl mehr aus Gewohnheit als  aufgrund ihrer Leistung nominiert. Adams und Bullock dürfen sich die größten Hoffnungen machen, für eine Überraschung zu sorgen – aber selbst diese sind verschwindend gering.

398px-Flickr_-_nicogenin_-_66ème_Festival_de_Venise_(Mostra)_-_Jared_Leto_(8)Bester Nebendarsteller

Barkhad Abdi (Captain Phillips)
Bradley Cooper (American Hustle)
Michael Fassbender (12 Years a Slave)
Jonah Hill (Wolf of Wall Street)
Jared Leto (Dallas Buyers Club)

Jared Leto dürfte in dieser Kategorie maximal die Dramaturgie um Barkhad Abdi gefährlich werden – Hollywood liebt den Underdog, und die Geschichte des in Somalia geborenen Debütanten bekäme mit seinem Sieg ein Kinoreifes ende. Dennoch: Letos Rolle der Rayon vereint nahezu alles, was die Stimmberechtigten lieben: Körperliche Transformation, starke Gewichtsreduktion, wahre Begebenheiten und der Film ist ein Historiendrama. Das Jonah Hill zweimal für einen Oscar nominiert wurde, wird hoffentlich nicht mehr als eine unterhaltsame Anekdote bleiben.

jennifer_lawrence_photosBeste Nebendarstellerin

Jennifer Lawrence (American Hustle)
Lupita Nyong’o (12 Years a Slave)
Julia Roberts (August: Osage County)
June Squibb (Nebraska)
Sally Hawkins (Blue Jasmine)

Eine der Kategorien, die etwas schwerer einzuschätzen sind: Lupita Nyong’o und Jennifer Lawrence dürften ähnlich große Chancen haben. Lawrence ist aktuell unfassbar populär und hat für diese Rolle bereits Golden Globe und Bafta gewonnen. Ob die Academy jedoch zwei Preise an dieselbe Darstellerin direkt nacheinander vergibt, zumal in verschiedenen Kategorien, ist schwer einzuschätzen. Nyong’o überzeugte in ihrer Rolle als Sklavin Patsey, dürfte Lawrence dennoch knapp unterliegen. Roberts spielt eine der besten Rollen seit Jahre, wird aber wie Squibb und Hawkins keinerlei wirkliche Chance haben.

Bester Regisseur

  • Martin Scorsese (The Wolf of Wall Street)
  • David O. Russell (American Hustle)
  • Alfonso Cuarón (Gravity)
  • Alexander Payne (Nebraska)
  • Steve McQueen (12 Years a Slave)

Wie schon im letzten Jahr mit Ang Lee und Life of Pi wird auch bei den 86. Academy Awards der Regieoscar vor allem für technische Errungenschaften, welche der Filmindustrie Zuversicht geben, verliehen. Spezialeffekte und die Arbeit mit der 3D-Technologie sind bei Cuarón nicht Beiwerk und Gimmick, sondern dienen der Geschichte. Damit O. Russel einen Regieoscar gewinnt, müsste er in seinem nächsten Film vielleicht sogar ein bisschen Regie führen.

Bestes adaptiertes Drehbuch

  • John Ridley (12 Years a Slave)
  • Julie Delpy, Ethan Hawke & Richard Linklater (Before Midnight
)
  • Terence Winter (The Wolf of Wall Street
)
  • Billy Ray (Captain Phillips)
  • Steve Coogan/ Jeff Pope (Philomena)

John Ridleys Adaption der Memoiren von Solomon Northup liefert eine Geschichte, die nun auch weiter über den Film hinaus in der amerikanischen Gesellschaft bekannt wird. Ein Oscar ist wahrscheinlich, auch wenn Philomena dicht auf den Fersen ist.

Bestes Originaldrehbuch

  • David O. Russell and Eric Singer (American Hustle)
  • Bob Nelson (Nebraska)
  • Spike Jonze (Her)
  • Craig Borten & Melisa Wallack (Dallas Buyers Club)
  • Woody Allen (Blue Jasmine)

Spike Jonze Her stellt das beste der nominierten Drehbücher dar. Der Preis ist klassischerweise auch eine Möglichkeit, ungewöhnliche Ideen und Filmemacher zu honorieren, deren Werke für die „größeren“ Preise zu eigen und ausgefallen sind (siehe etwas Quentin Tarantino). Nach dem Golden Globe nimmt Jonze hoffentlich auch noch den Oscar mit nach Hause – die geistige Umnachtung der BAFTAS, die ausgerechnet American Hustle auszeichneten, wird sich wohl nicht wiederholen.

Bester fremdsprachiger Film

  • Denmark, The Hunt
  • Belgium, The Broken Circle Breakdown
  • Italy, The Great Beauty
  • Palestine, Omar
  • Cambodia, The Missing Picture

Auch wenn Paolo Sorrentinos „Große Schönheit“ dieses Jahr durchaus auf starke Konkurrenz trifft, vor allem aus Dänemark und Belgien, ist der wundervolle Streifzug durch Rom und das Leben von Autor Jep Gambardella klarer Favorit. Der deutsche Kandidat Zwei Leben wurde nicht nominiert.

Bester Dokumentafilm

  • 20 Feet from Stardom
  • The Act of Killing
  • Dirty Wars
  • The Square
  • Cutie and the Boxer 

Auch wenn sowohl Arabellions-Doku The Square als auch die Hymne auf die vergessenen Kinder des Showgeschäfts, Backgroundsänger, 20 Feet from Stadom durchaus kompetent gemacht sind, ist The Act of Killing mehr als einfach nur ein guter Dokumentarfilm – Oppenheimers mit der Kamera durchgeführter Exorzismus ist eine durch und durchviszerale Erfahrung. Darüber hinaus ist er eine Reflektion über das Medium selbst, ein Denkmal für die Macht des Kinos. Jeder andere Sieger wäre schlicht absurd. Wieso die mittelmäßige Anti-Terror Dokumentation Dirty Wars überhaupt nominiert ist, weiß wohl keiner so wirklich.

Bester Animationsfilm

  • The Wind Rises
  • Frozen
  • Despicable Me 2
  • The Croods
  • Ernest & Celestine

Die Kategorie Animationsfilm ist seit Jahren im eisernen Griff von Disney und Pixar, und auch Frozen hat gute Chancen, diese Tradition fortzuführen.  Hayao Miyazakis letzter Film The Wind Rises ist für das harmoniesüchtige Genre zu kontrovers, vor allem historische Aspekte um den zweiten Weltkrieg und Pearl Harbor, die in dem Film um Flugzeugarchitekten  Jiro Horikoshi am Rande Erwähnung finden, verhindern einen Sieg des Japaners.

Bester Schnitt

  • American Hustle
  • Captain Phillips
  • Dallas Buyers Club
  • Gravity
  • 12 Years a Slave

Jedem, der die Oscars länger verfolgt, wird irgendwann auffallen, dass “besser” für die Abstimmenden oft auch „mehr“ bedeutet. Das Laute, Ausdrucksstarke wird hier im Endeffekt gegenüber dem Subtilen und Stillen immer die Oberhand behalten Gravity variiert geschickt zwischen Plansequenzen und hektischer Schnittfolge, stets gelingt es  Dynamik und Inhalt der Szenen auch in Bildfolge und Montage widerzuspiegeln. In Momenten wie dem lückenlosen Gleiten in Dr. Ryan Stones Helm tritt die Arbeit von Cuarón und Sanger zudem mehr als deutlich in Erscheinung.

Bester Song

  • „Alone Yet Not Alone“ (Alone Yet Not Alone)
  • „Happy“ (Despicable Me 2)
  • „Let It Go“ (Frozen)
  • „The Moon Song“ (Her)
  • „Ordinary Love“ (Mandela: Long Walk to Freedom)

Auch ohne den Ausschluss des schrecklich revisionistischen Alone Yet Not Alone wegen unlauteren Werbemethoden wäre Frozen unangefochtener Spitzenreiter in dieser Kategorie – Robert Lopez’s EGOT-Erfolg steht wenig im Weg. Let It Go ist ein Ohrwurm, unverfänglich und geradezu prädestiniert für den Sieg. U2s Auftritt kann leider trotzdem nicht mehr verhindert werden – schon bei den BAFTAs hätte man meinen können, Frontmann Bono hätte die Apartheid eigenhändig beendet.

Beste Filmmusik

  • John Williams (The Book Thief)
  • Steven Price (Gravity)
  • Alexandre Desplat (Philomena)
  • Thomas Newman (Saving Mr. Banks)
  • William Butler and Owen Pallett (Her)

Ein schwaches Jahr für die Filmmusik, 5 blasse, austauschbare Scores blasen sich belanglose Fanfaren und Orchesterstücke um die Ohren. Steven Price Musik füllt den ansonsten stillen Weltraum und wird dafür mit einer goldenen Statue belohnt.

Beste Kamera

  • Philippe Le Sourd (The Grandmaster)
  • Emmanuel Lubezki (Gravity)
  • Bruno Delbonnel (Inside Llewyn Davis)
  • Roger Deakins (Prisoners)
  • Phedon Papamichael (Nebraska)

Die Filmerfahrung Gravity und ihre Bilder sind untrennbar miteinander verwoben. Auch wenn der von der Academy sträflich vernachlässigte Inside Llewyn mit subtiler, melancholischer Schönheit überzeugt und Roger Deakins nach 10 Nominierungen für seine Kunst endlich belohnt werden muss, wird sich die komplexe Bildgewalt des Nichts durchsetzen.

Beste Kostüme

  • American Hustle
  • The Grandmaster
  • The Great Gatsby
  • The Invisible Woman
  • 12 Years A Slave

Wenn Baz Luhrmanns furchtbare Gatsbyverfilmung überhaupt etwas richtig macht, dann sind es die Kostüme. Laut und schreiend wird sich die Kleidung geworden Dekadenz der „roaring twenties“ gegen ärmliche Sklavengewänder und schrille 70er-Fummel durchsetzen.

Bestes Makeup und Hairsytling

  • The Lone Ranger
  • Dallas Buyers Club
  • Jackass Presents: Bad Grandpa

Schon allein weil Niemand in einer Welt leben möchte, in der The Lone Ranger oder Bad Grandpa Oscargewinner sind, wird Dallas Buyers Club als Sieger in der Kategorie Makeup und Hairstyling durchsetzten.

Bestes Szenenbild

  • American Hustle
  • Gravity
  • The Great Gatsby
  • Her
  • 12 Years a Slave

Auch wenn traditionell Historiendramen die Szenenbild-Kategorie beherrschen bekommt Der große Gatsby mit Gravitys Raumstationen einen ernsthaften Herausforderer.

Bester Toneffektschnitt

  • All is Lost
  • Captain Phillips
  • Gravity
  • The Hobbit: The Desolation of Smaug
  • Lone Survivor

Cuaróns Film in den technischen Kategorien zu stoppen dürfte sich in diesem Jahr als schwer erweisen – Captain Phillips  dümpelt weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz. All is Lost mit seinen krachenden Naturgewalten wäre ein mehr als verdienter Gewinner, wird aber nicht gewinnen. Das Gleiche gilt hoffentlich für den widerwärtigen Propagandafetzen Lone Survivor, der  nicht mit Preisen belohnt sondern mit Verachtung gestraft werden sollte.

Bester Ton

  • Captain Phillips
  • Gravity
  • The Hobbit: The Desolation of Smaug
  • Lone Survivor
  • Inside Llewyn Davis

Was für den Toneffektschnitt gilt, trifft auch auf die eher Dialogorientierte Tonkategorie zu –  Gravity hat wenig zu befürchten.

Beste visuelle Effekte

  • Gravity
  • The Hobbit: The Desolation of Smaug
  • Iron Man 3
  • The Lone Ranger
  • Star Trek Into Darkness

Gravitys Effekte sind bahnbrechend und zukunftsweisend, alles andere als ein Sieg wäre absurd und mehr als überraschend.

Bester Kurzfilm

  • Aquel No Era Yo (That Wasn’t Me)
  • Avant Que De Tout Perdre (Just Before Losing Everything)
  • Helium
  • Pitääkö Mun Kaikki Hoitaa? (Do I Have to Take Care of Everything?)
  • The Voorman Problem

Der spanische Beitrag Aquel No Era Yo handelt von einer Gruppe Doktoren, die in Sierra Leone von Rebellen verhaftet wird. Die düstere Thematik Kindersoldaten wird packend und mit wirklich erstaunlichen Actionsequenzen dargestellt – klar der beste der Film und sicher auch der Gewinner des Oscars.

Bester animierter Kurzfilm

  • Feral
  • Get a Horse!
  • Mr. Hublot
  • Possessions
  • Room on the Broom

Disneys Frozen-Vorfilm Get a Horse! ist klarer Favorit unter den animierten Kurzfilmen. Die Reminiszenz an Disneyfilme der 20er dürfte am meisten gesehen worden sein – sie wird gewinnen, auch wenn der Miyazakesque Possessions aus Japan der besser Film ist.

twelve_years_a_slaveBester Film

12 Years a Slave
American Hustle
Captain Phillips
Dallas Buyers Club
Gravity
Her
Nebraska
Philomena
The Wolf of Wall Street

Wer wird nun aber den Hauptpreis der Veranstaltung davontragen? Klar ist zumindest, dass das Duell unter 12 Years a Slave, American Hustle, Gravity und, unter Umständen, Scorseses Wolf of Wallstreet ausgefochten wird. Die anderen fünf mögen gute Filme sein, eine realistische Chance haben sie nicht. Die Frage, die sich die Academy stellen dürfte: Wenn der „Beste Film“ das ist, was aus einem Jahr Hollywoodkultur für die Nachwelt festgehalten wird – wie wollen wir als Gruppe in 10-20 Jahren wahrgenommen werden? Was sagt der jeweilige Film über Zeitgeist und Menschen einer Epoche aus? 12 Years a Slave ist besser als sein Hauptkonkurrent American Hustle, vor allem ist es aber auch der bedeutsamere Film. Dem verlockenden Ruf der Geschichte, der das Bild erleuchteter Menschen festhält, das Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen wird Steve McQueens Film zum Triumph verhelfen.

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