Rezension: The Grand Budapest Hotel

Grand Budapest Hotel PosterAm Anfang und am Ende steht immer der Tod, zumindest bei Wes Anderson. Wenn Max Fischer aus Rushmore auf seiner Schreibmaschine einen Text verfasst , sehen wir im Hintergrund, unscharf, aber präsent, das Grab seiner Mutter. Steve Zissou, einer der titelgebenden Tiefseetaucher ist auf einer an Melvilles Moby Dick erinnernden Jagd nach einem einzigarten Hai, der seinen Freund Esteban getötet hat. Um mit dem Verlust geliebter Menschen umgehen zu können, scheinen wir oft eine andere Welt zu brauchen. Nicht eine vollkommen fremde, erdachte Welt, wie die aus Fantasie- und Science Fiction-Geschichten. Wir brauchen Welten, die der unseren zwar ähneln, aber ganz eindeutig nicht echt sind. Annäherung durch Abstraktion.

Der Tod steht auch am Anfang von Andersons neustem Film. The Grand Budapest Hotel beginnt an einem Grab. Es steht im fiktiven Staat Zubrowka, begraben liegt dort ein berühmter Autor. Wir schreiben das Jahr 1985. Ein junges Mädchen  schlägt ein Buch des Autoren auf. Nun sind wir im Jahr 1968. Der Autor berichtet von seinem Aufenthalt im titelgebenden Hotel. Er trifft auf den Besitzer, Zéro Moustafa. Und auch dieser hat eine Geschichte zu erzählen, seine Geschichte.

Endlich sind wir, wo wir von vorne herein sein wollten, im Jahr 1932. Die andersonsche Matrojschka steht fertig zerlegt vor uns. Die kleinste Puppe, tief im inneren verborgen, trägt den Namen Gustave H. Der Concierge (gespielt von Ralph Fiennes)  scheint fast eins zu sein mit dem Hotel in seinen glanzvollen Hochzeiten. Mit Charme, einem perfekten Gespür für die Bedürfnisse seiner Kunden und umgeben von Schwaden seines geliebten Parfüms „ L’air de Panache“  stolziert er durch seinen Palast als wäre es Versailles. Zunächst widerwillig nimmt er den Jungen Zéro (Tony Revolori) unter seine Fittiche.  Dieser lernt schnell .

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Zéro, Madame D. und Gustave H. im Fahrstuhl des Grand Budapest

Und wieder beginnt etwas Neues mit dem Tod. Gustaves Liebe zu älteren Damen ist selbst weit über seinen Stab hinaus bekannt. Die 84-jährige Witwe Céline Villeneuve Desgoffe-und-Taxis (Tilda Swinton) stirbt einen Tag nach einer Liebesnacht mit ihm unter fragwürdigen Umständen. Als sich herausstellt, dass sie ihm das wertvolle Gemälde „Jüngling mit Apfel“ vererbt hat, gerät er unter Mordverdacht. Vor dem Hintergrund des langsam anlaufenden ersten Weltkrieges entspinnt sich eine wirre Jagd durch Europa.

So wie The Grand Budapest Hotel sich immer weiter ins innere der Matrjoschka zurückzieht, so dringen auch seine Film mit jeder neuen Iteration weiter in die Welt Andersons ein. Der Filmemacher hat mit seinem nunmehr achten Film einen so unverkennbaren Stil entwickelt, das Kritiker ihm immer wieder die schamlose Selbstparodie vorwerfen. Neurotische, schrullige Figuren; artifizielle, an Dioramen und Puppenhäuser erinnernde Welten; schreiende, künstliche Kamerabewegungen, Reißschwenks, Zooms, durchgeplante Bildkompositionen. Wir bekommen den elaboriertesten Gefängnisausbruch, die längste Leiter und die spektakulärste Schlittenverfolgungsjad der Filmgeschichte zu sehen. Alles was den Regisseur ausmacht, ist hier verdichtet – ein Konzentrat, dass für Manche zu viel des Guten sein könnte. Denn manchmal kann schon der Eindruck von Übersättigung entstehen: Zu viele Figuren, zu viele Schauplätze, zu wenig Fokus. Ein wenig erstickt die Bilder- und Ideenflut schon, was zuvor den Kern der Geschichten gebildet hat: die Menschen. Zéros Freundin Agatha (Saoirse Ronan) bleibt blass und devot, ihre Liebesbeziehung wird vom Drehbuch mehr postuliert als wirklich gezeigt.  Große Darsteller wie Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jason Schwartzmann, Owen Wilson oder Bill Murray bekommen wenig zu tun und hinterlassen kaum einen Eindruck. Man erinnert sich nur: Ach ja, der war ja auch auf dem Plakat. Immerhin: Willem Dafoe, diesmal in der menschlichen Version der bösartigen Ratte aus Der fantastische Mr. Fox, merkt man den Spaß an seiner abstrusen Bondschurken-Pastiche an.

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Düstere Schurken: Dmitri (Brody) und Jopling (Dafoe)

Ein weiterer Kritikpunkt an Anderson ist oft, seine Filme seien nostalgisch verbrämt. Die Jugend, die Familie oder eben in diesem Fall, einfach die Vergangenheit werden ihm oft als verklärter Sehnsuchtsort ausgelegt. Und auf den ersten Blick scheinen die kritischen Stimmen recht zu haben: Das Hotel verfällt über die Epochen, die Gegenwart ist eine Ruine, schlussendlich sogar ein Grab. Doch so einfach kann man es sich nicht machen, denn hier wird er Filmemacher stets verkannt: Schon in Rushmore wird Max Fischer klar, dass er nicht ewig in der gleichnamigen Schule leben kann. Auch Steve Zizou muss sich am Ende den Unsinn seiner Jagd eingestehen. Und für Zéro steht am Ende die Erkenntnis, dass es nie Epochen oder Zeitalter sind, die wir vermissen, sondern stets Menschen. Nostalgie muss nicht falsch sein, denn ist der Wert der Geschichte nicht auch zu erkennen, was es wert ist zu bewahren?

Well, it’s a choice to make a movie that is in that world. And even though it isn’t an exact time and place, it is. We know what we’re referring to and drawing on. Everybody knows all that. Especially during that [era]—that’s what I was thinking about because of what I was reading about and where I was living.

Anderson über fiktive Versionen der echte Welt

Anderson hatte sicher nicht vor, uns eine Lektion über die europäische Geschichte zu halten, denn vordergründig unterhält der Film zuerst einmal. Doch wie immer liegt unter diesem Anstrich, genau wie hinter den grandiosen Bildern, eine tiefe Melancholie und Traurigkeit verborgen. Über den Beginn des Kriegs sind seine Figuren nicht wirklich schockiert, eher enttäuscht über ihre Mitmenschen. Wenn gegen Ende des Films Nationalsozialisten ziellos im Hotel herumschießen fühlt man sich an die Tortenschlacht aus Kubricks Dr. Strangelove erinnert. Die Grobheit, aber auch die Lächerlichkeit dieser Kreaturen wird schnell deutlich.

Puppenhausästhetik: Das Grand Hotel von außen.

Der Film ist dem österreichischen Autoren Stefan Zweig gewidmet, einem großen Verfechter des vereinten Europas. Guastave und Zéro zur Seite stehen später eine Art Geheimbund der Concierges, der Geist der Verständigung und der Gleichheit hilft hier im Kampf gegen Nazis und düstere Adelsleute. Zéro ist ein staatenloser Flüchtling, seine Heimat wird das Grand Hotel. Am Ende seiner Geschichte wird wieder ein Todesfall stehen, ein weiterer Krieg Europa heim. Aber wie Max Fischer, wie Steve Zissou begreift Zéro und begreift das Publikum: Es geht immer weiter. Am Ende setzten wir die Matrjoschka wieder zusammen. Nur weil wir sie zerlegen ist sie nicht kaputt, wir können sie immer wieder zusammenbauen.

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