Eine Explosion, zwei Himmel: Die Musik von Prince Avalanche und Lone Survivor

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Die Filmmusik ist schon fast so alt wie der Film selbst. Ob es darum ging, das laute Rattern der Projektoren zu übertönen oder einfach nur die dem Menschen fremd gewordene Stille zu füllen, sicher ist, dass schon frühe Vorführung etwa von Pianisten oder Geigern unterlegt wurden.  Mit der Zeit wurde die Technik immer weiter verfeinert, wo zunächst bekannte Stücke oder Improvisationen vorherrschten,  traten bald spezifisch auf einen Film, sogar auf bestimmte Szenen zugeschnittene Stücke. Bereits vor dem Tonfilm wurden für manche Filme spezielle Partituren geschrieben. Als  1927 Der Jazzsänger erschien, waren Musik und Film schon lange zu einer gemeinsamen audiovisuellen Erfahrung verschmolzen.

Heute wurde jedes bekannte Musikgenre auch in Filmen verwendet, es werden sogar Filme zur Untermalung bestimmt Stücke gedreht. Nachdem in den sechziger Jahren auch Pop- und Rockmusik im großen Stil ihren Weg ins Kino gefunden hat gibt es heute immer wieder nicht nur Komponisten, sondern auch klassische Rockbands, die sich für Scores verantwortlich zeigen.

Postrock bezeichnet eines jener seltsamen Sub- oder Zwischengenres der populären Gitarrenmusik, dass schwer zu definieren ist. Oft ohne Gesang sind Gruppen dieser Spielart oft zwar in Zusammensetzung klassischer Rockmusik aufgestellt, halten sich jedoch selten an die klassischen Konventionen der Stilrichtung. An die Stelle von Strophen, Refrains und Soli treten bei Bands wie Godspeed You! Black Emperor, Tortoise oder Sigur Rós wabernde Klangteppiche und Crescendi, an die Stelle von Texten sprechende Liedtitel wie terrible canyons of static oder First Breath After Coma. Schon immer hatten diese Lieder etwas cineastisches, schienen sie doch wie Filmmusik Geschichten ohne Worte zu erzählen.

Und tatsächlich bedienen sich sowohl Filme- als auch Fernsehmacher immer öfter den Klängen der Gitarrenvirtuosen. Die schottische Band Mogwai etwa steuerte mittlerweile zu fünf Filmen und einer Serie ihre Musik bei, etwa zu Darren Aronofskys esoterischem Drama The Fountain oder der exzellenten französischen Mysteryserie Les Revenants.

Explosions in the Sky

Explosions in the Sky

Die amerikanische Postrockgruppe Explosions in the Sky besteht seit 1999, in den 15 Jahre ihrer Geschichte hat die Band aus Texas sechs Studioalben veröffentlicht. Im Jahr 2013 hat die Band die Musik für zwei Kinoveröffentlichungen geschrieben, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese in Stimmung und Intention fast diametral zueinander stehenden  Filme können als faszinierendes Studienobjekte über die Wirkung dieser Musik dienen. Vor allem ist es interessant zu sehen, welche extrem voneinander abweichenden Weltanschauungen und Themen die Filme offenbaren. Wie wird die jeweils Musik eingesetzt, welche Emotionen soll sie evozieren?

Da wäre zum einen das Comeback von Indieregisseur David Gordon Green, Prince Avalanche. Die Dramakomödie, in der Paul Rudd und Emile Hirsch  zwei Straßenarbeiter spielen, die in einer von Waldbränden veheerten Einöde eine ungewöhnliche Freundschaft schließen, lebt von unterhaltsamen Dialogen und stimmigen  Landschaftsbildern. Die vier Musiker unterlegen das Ganze mit  meist eher getragenen Stücken, die zwar manchmal Euphorie, aber auch die Trauer und Einsamkeit der Figuren wiederspiegeln.

Einsam sind, so verspricht es schon der Titel, auch die grimmigen Helden von Lone Survivor. Lose auf den Berichten von Navy Seal Marcus Luttrell basierend erzählt der neuste Film von Peter Berg (Battleship, Hancock) die Geschichte einer Gruppe Soldaten, die sich nach einer fehlgeschlagenen Missionen hinter feindlichen Linien, umgeben von Talibankämpfern wiederfinden. Es ist sicher kein Spoiler , dass alle bis auf einen der Soldaten sterben.

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Szene aus Lone Survivor

Den nötige Pathos für Lone Survivors unreflektierten Hurrapatriotismus liefert (abgesehen von den Bildern, die sich an Riefenstahl-Ästhetik versuchen und scheitern) vor allem die Musik. Wenn in den ersten Minuten eine lange Trainingsmontage gezeigt wird, untermalt von dem Stück mit dem markigen Stück Warriors, dann könnte die Sequenz auch ohne Probleme aus einem Rekrutierungsvideo stammen. Auch Titel wie Hunted, A Storm is Coming oder Axe sprechen eine deutliche Sprache, die Lieder sind so martialisch wie sie es verheißen. Die zugehörigen  Stücke vom Prince Avalanche-Soundtrack tragen andere Namen, niemand in Bergs Film würde fragen Can´t We Just Listen To The Silence oder gar um Alone Time bitten.

Gemeinsam haben die Komödie und der Kriegsfilm (neben dem aus Into the Wild bekannten Darsteller Emile Hirsch) ihren elegischen Kern, die Erhebung, die wir in manchen Momenten fühlen sollen. Unterschiedlich jedoch ist jeweils die Antwort auf die Frage warum. Beide Filme erforschen Kameradschaft und Brüderlichkeit, eine Verbundenheit zwischen Männern die zuerst wenig verbindet außer ihrem Beruf. Während die lautesten, emotionalsten Momente in Prince Avalanche die Wiedergeburt einer Freundschaft zelebrieren, ist es in Lone Survivor der dramatische Heldentod der gefeiert wird. Beginn und Ende von Beziehungen sind immer bedeutsame Momente  einer Geschichte, zwei mal wird uns gezeigt, welche Funktion der Mensch für den Regisseur hat: Während es für Berg keine größere Ehre gibt, als für das eigene Vaterland zu sterben (am besten in Zeitlupe, durchsiebt von einem guten Dutzend Kugeln) geht es Green um die Menschlichkeit, die selbst in den Verschlossensten unter uns ruht. Die Musik  von Lone Survivor ist düster und bedrohlich, in Kämpfen wird sie zunehmend dynamischer. Die Perkussion erinnert an Marschmusik, Trommelwirbel sorgt für eine militärische Grundstimmung. Später nähern sich hektische Rhythmen dem Trommelfeuer der Gewehre immer mehr, AK47 und Snaredrum scheppern im Einklang. Manchmal gesellen sich Helikopterrotoren hinzu. Sowohl bei den Soldaten als auch im Tonstudio wird viel Technik aufgefahren.

Mit solchen Gerätschaften können Greens Figuren  Alvin und Lance in den texanischen Wäldern natürlich nicht aufwarten. Ihre Musik kommt vom Piano und von akustischen Gitarren, nur selten gibt es überhaupt Schlaginstrumente, die den Rhythmus betonen.  Die Instrumentalisierung ist weniger elektronisch.  Wie der Alltag der beiden Hauptfiguren schwankt die Klänge zwischen getragener Monotonie und verspieltem Frohsinn. Der Verlust von geliebten Menschen und der Tod, etwa der des niedergebrannten Walds, sind kein Grund zum feiern, sie sind ein düsteres Nachhallen der Vergangenheit. Anschwellen kann die Musik nur wenn der Verlust überwunden ist, nicht wegen ihm.

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Hirsch und Rudd in Prince Avalanche

Selbst wenn die Kompositionen der vier Texaner nicht in besonderem Maße variable und kreativ sind, kann man jedes Stück sofort seiner (Film-)Quelle zuordnen. Auch wenn sie sich Schematisch ähneln,  austauschbar sind sie nicht.  Musiker müssen sich stets der Macht ihrer Werke bewusst sein, denn wenn die Emotionen der Klänge auf die Macht der Bilder treffen, sind die Ergebnisse oft unvorhergesehen. Jeder Klang kann für Gutes und Böses verwendet werden.

Der nächst Film, für den Explosions in the Sky eine Filmmusik aufnehmen, wird wieder von David Gordon Green sein und Manglehorn heißen.  Darin wird Al Pacino einen exzentrischen Mann spielen, welcher mit den Verbrechen seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Ebenfalls am Projekt sein werden Holly Hunter und Harmony Korine. Welche Textur die Klangflächen der Postrockband diesmal annehmen werden, können bis jetzt wohl nur ihre Mitglieder selber wissen. Aber das die Wirkung wieder einzigartig sein wird, dass ist schon jetzt klar.

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