Rezension: Snowpiercer

snowpiercer_ver20_xlg„You can’t be neutral on a moving train“, wusste schon Howard Zinn. Sind die riesigen Stahlungetüme erst einmal in eine bestimmte Richtung unterwegs, muss aktiv eingegriffen werden, um zu einem anderem Ziel, als dem zu erwartenden zu gelangen. Sie bewegen sich auf den ewig gleichen Bahnen, ihr Weg ist vorbestimmt. Auch der koreanische Regisseur Joon-ho Bong nimmt sich diese Weisheit durchaus zu Herzen, und lässt  seinen nunmehr fünften Langfilm die wenigen Überlebenden einer globalen Wetterkatastrophe auf einem gewaltigen Zug versammeln. Die letzen Menschen verteilen sich nun auf einige hundert Quadratmeter und donnern in ewigen Kreisen durch das vereiste Eurasien. In der Außenwelt herrschen unwirtlichste Temperaturen, doch auch im inneren sind Leben und Überleben nicht unbedingt einfach.

Denn spätestens seit Erich Kästners Eisenbahngleichnis ist nicht nur klar:

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.

Sondern auch:

Die erste Klasse ist fast leer.

Ein feister Herr sitzt stolz

im roten Plüsch und atmet schwer.

Er ist allein und spürt das sehr

Die Mehrheit sitzt auf Holz

Die Zukunft von Snowpiercer ist eine düstere, dystopische. Wir schreiben das Jahr 2031. Klassenunterschiede, die sprichwörtliche Schere zwischen Arm und Reich, klaffen so weit auseinander wie selten zuvor. Curtis, gespielt von Captain America-Darsteller Chris Evan, lebt, gemeinsam mit der restlichen Unterschicht am Ende des Zugs, in bitterer Armut. Unterdrückt von den Soldaten der herrschenden Klasse, werden ihnen lediglich verdächtige Proteinblöcke gefüttert, regelmäßig werden ihre Kinder entführt. Obwohl der Zug eigentlich einen selbstversorgenden Mikrokosmos darstellen sollte, scheint es nicht Lebensmittel und Versorgungsgüter genug für alle seine Bewohner zu geben.  Jede Form von Widerstand wird grausam und unverzüglich bestraft. Zugführer Wilford, seine oberste Ministerin Mason (Tilda Swinton, die aussieht und spielt, als käme sie gerade vom Set eines Hunger Games-Film)  und die Bewohner der vorderen Zugabteile scheinen eine Revolution zu fürchten – die letzte, unter Führung von Curits Mentor Gilliam (gut wie immer: John Hurt), scheiterte und liegt mittlerweile einige Jahre zurück.

snowpiercer

Curtis, sein junger Gehilfe Edgar und seine Männer stehen den Soldaten gegenüber. Wie der Zug selbst sind die Bilder von Kyung-pyo Hong äußerst beengt.

Und tatsächlich bricht ein weiterer Aufstand aus. Lediglich mit Werkzeugen bewaffnet ziehen Curtis und seine Mitrevolutionäre los, doch ohne Hilfe kommen sie nicht durch die schweren Türen zwischen den Abteilen.  Um die Sicherheitssysteme des Zugs zu überwinden, sind sie auf die Hilfe von Hacker Namgoong Minsu (Kang-ho Song, bekannt als Mr. Vengance) angewiesen. Er und seine Tochter Yona werden jedoch gefangen gehalten. Sie helfen auch nicht ohne Gegenleistung: Beide sind süchtig nach der Droge Kronal. Doch selbst mit ihrer Hilfe haben Curtis und seine Unterstützer noch viele Hindernisse, die es zu überwinden gilt…

Erzählt wird die Geschichte des Aufstands als faszinierende Mischung aus Actionstreifen, Politsatire und Science Fiction. Der Film basiert auf der französischen Comicserie La Transperceneige, die Regisseur Joon-ho Bong so fasziniert haben soll, dass er sie noch im Buchladen vollständig verschlang. Bong wagt sich nicht zum ersten Mal an einen Genrehybriden wie diesen: Der 2006 erschienene Gwoemu (The Host) ist zwar vordergründig ein simpler Monsterfilm, arbeitet sich aber auch an Autoritäten wie dem Militär und der Politik ab, macht aus einer dysfunktionalen Unterschichtsfamilie Helden wieder willen und kritisiert die Rolle Amerikas in der Welt.  Die ökologische, atomkraftkritische Botschaft des Vorbilds Godzilla geht ebenfalls nicht verloren.  Selbst seine Kriminalfilme versprühen oft einen anarchischen Charme.

Film / Snowpiercer

Tilda Swinton Mason erinnert an Marget Thatcher.

Bong vermengt zahlreiche Inspirationsquellen aus Pop- und Hochkultur, Ost und West. Der Kampf aus den düsteren Industrieghettos, hin zu den berauschenden Festen und Sälen im vorderen Zug gibt das Gefühl, den Film  Matrix rückwärts zu sehen. Andere Bezugspunkte dürften bekannte Dystopien wie 1984, Brave New World, Soylent Green oder Metropolis sein. Geschichten über den Konflikt zwischen Herrschern und Knechten gibt es durchaus viele. Der Zug, ein Perpetuum Mobile auf endloser Reise um die ganze Welt, lässt Kasten- und Klassensystem eine physische Dimension bekommen. Nur weil es geradeaus geht, muss es keinen Fortschritt geben.

Manchmal greift der Regisseur auch deutlich weiter zurück und legt etwa Tilda Swintons Figur Mason , natürlich in angepasstem Wortlaut, das bekannte Gleichnis von Menenius Agrippa in den Mund: Der römische Politiker soll, der Geschichtsschreibung zufolge, als die Plebejer im Rahmen der Ständekämpfe die Stadt Rom verlassen wollten, die Geschichte eines Körpers erzählt haben. Die Glieder stellen in ihr einfach ihre Tätigkeiten ein, um nicht mehr dem faulen Magen dienen zu müssen – dabei vergessend, dass sie dadurch selber geschwächt werden. Die Botschaft war eindeutig, jeder hat seinen vorbestimmten Platz und eine ihm zugeteilte Aufgabe. Agrippa gelang dadurch, die Sezession abzuwenden. Mason hingegen ist weniger erfolgreich.

Es kommt zum offenen Konflikt, der in seinen blutigen Details durchaus zelebriert wird. Die dynamischen, recht abwechslungsreichen Actionsequenzen gewinnen vor allem durch den eingeschränkten Raum an Spannung. Die Choreographien sind zwar oft etwas unbeholfen, reflektieren jedoch gut die groben Methoden beider Seiten des Klassenkampfes. Manchmal verliert man als Zuschauer im Schlachtengetümmel den Überblick. Optisch ansprechend ist vor allem ein Gefecht in der Mitte des Films, dass überwiegend im Dunkeln spielt, nur erleuchtet von Nachtsichtgeräten und Fackeln. Auch wenn viele Designentscheidungen fragwürdig sind, und gerade der Einsatz von CGI sich nicht wirklich in den Film einfügen will (von Außen erinnert der Zug ein wenig an eine Zwischensequenz aus einem Videospiel), ist das Produktionsdesign recht überzeugend.

Auch bei der illustren Darstellerriege gibt es Licht und Schatten. Schauspiel-Schwergewichte wie (Oscargewinnerin) Octavia Spencer oder Ed Harris bekommen in ihren Rollen bedauerlicherweise nicht genug zu tun, um wirklich einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Curtis im Kampf

Trotz der gelungenen Aspekte verliert der Film, gerade im letzten Drittel, viel von seiner Überzeugungskraft. Der bedeutsamste Moment einer jeden dystopischen Erzählung dürfte das Aufeinandertreffen zwischen Rebell und Herrscher sein. Ideologien werden dargelegt und kritisch hinterfragt, Schwächen und Fehler der Aufbegehrenden werden in Dialogen abgewogen gegen die Gräueltaten des Regimes. (Drehbuch)Autoren wird ein eleganter Weg geboten, das Gezeigt zu reflektieren und die Handlungsstränge zu verweben. Der verbale Schlagabtausch der Protagonisten mit Mustapha Mond in Brave New World dürfte zu den Höhepunkten von Huxleys Roman zählen. Snowpiercer scheint, gerade in diesem entscheidenden Moment, etwas zu zerfasern. Der Film liefert einige unbefriedigende Antworten, die uns wohl überraschen sollen, aber recht bemüht und konstruiert wirken. Tatsächlich geht der er den Weg der Matrix-Fortsetzung – die weiterführende Ausgestaltung einer interessanten Prämisse kann auch talentierten Autoren zum Verhängnis werden. Züge und Handlungen teilen die Eigenschaft, dass eine Wendung zu viel sie schnell zum entgleisen bringen kann.

Die Figuren, ohnehin nur schwach charakterisiert, gehen weitestgehend am Wegesrand verloren. Manche Charaktere scheinen nur Teil des Drehbuchs zu sein, um sie für einen kurzen emotionalen Höhepunkt zu Opfern. Klar im Mittelpunkt steht Curtis, welcher in vielen Wesenszügen, vor allem in den düsteren Taten seiner Vergangenheit, stark an Winston Smith aus 1984 erinnert.

Leider gelingt es all diesen Vorbildern, mehr auszusagen, als es Snowpiercer tut. Der Film scheint einen gesellschaftlichen Zustand in die Zukunft zu projizieren, ohne eine wirkliche Konsequenz daraus zu ziehen. Feindbilder werden Aufgebaut und Eingerissen, eine Botschaft lässt sich jedoch nur erahnen. Natürlich bleibt der größte Fehler jedes Kunstwerks die Eindeutigkeit, doch hier werden zwar Bilder und Symbole auf den Schirm geworfen, diese werden leider nicht wirklich mehr als die Summe ihrer Teile.

Der CGI-Zug wirkt leider etwas künstlich.

Im Nachhinein verwundert die umkämpfte Entstehungsgeschichte des Films dann doch etwas: Bong steckte mit seiner Begeisterung auch den befreundeten Park Chan-wook an, dessen Produktionsfirma Moho Films sicherte sich die Rechte. Gedreht wurde in Tschechien.  Nach dem gewaltigen Erfolg am koreanischen Boxoffice hatte die Weinstein Company sich die Rechte für die Nordamerika-Distribution gesichert. Das Filmstudio ist bekannt dafür, asiatische Filme aufzukaufen, drastisch zu schneiden und um Erklärungen und Begleitkommentare zu ergänzen (siehe zuletzte etwa Wong Kar-Wais The Grandmaster). Und so sollte auch Snowpiercer um 20 Minuten geschnitten werden, um amerikanischen Sehgewohnheiten gerecht zu werden. Schlussendlich wurde, nach langem Kampf zwischen Vertrieb und Regisseur, ein eingeschränkter Start in wenigen Kinos, jedoch ohne große Abänderungen errungen. Doch wenn selbst dieser im Kern recht simple Film einer deutlichen Anpassung bedurft hätte, sollte man sich wirklich sorgen um das amerikanische Publikum machen. Denn hier ist wenig verschlüsselt, wenig subtil oder versteckt, Handlung und Erzählweise bleiben recht konventionell.

Was natürlich nicht heißt das Snowpiercer ein schlechter Film ist, ganz im Gegenteil. Wie seine Vorbilder vereint Joon-ho Bong gekonnt Unterhaltung und Anspruch und macht Kino das Spaß macht, ohne dümmlich zu sein. Eine „Peoples History“, wie sie Howard Zinn erzählen möchte, wurde selten so komprimiert und zugänglich verarbeitet. Und so kann man das Fazit dann auch wieder unbesorgt Erich Kästner überlassen:

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé!

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