Erster Eindruck: Silicon Valley

Silicon-Valley-poster-HBOWas mit Kid Rock beginnt, kann kein gutes Ende nehmen. Und wenn der Abspann der Pilotfolge von HBOs neuer Serie „Silicon Valley“ über den Bildschirm flackert (begleitet von einem Green Day-Song), dann bleibt man vor allem ratlos zurück. Dabei hatte das Konzept auf dem Papier durchaus Potenzial: Die Geschichte der Start-Ups und Großkonzerne im Technik-Mekka nahe San Francisco wäre es sicher wert, sie zu erzählen. Diskussionen um NSA, Big Data und die Macht von Google, Apple und Co beherrscht die Feuilletons. Den Wahnsinn der Firmenmantras, die Technologiegläubigkeit und Allmachtsfantasien der Branche zu entlarven, würde nicht einmal wirklicher Anstrengung bedürfen.

Und auch dieses komplexe System auf persönliche Schicksale herunter zu brechen, genau gesagt auf eine kleine Gruppe von Entwicklern, liegt nahe. Richard (Thomas Middleditch), Big Head (Josh Brener), Dinesh (Kumail Najini) und Gilfoyle (Martin Starr) leben gemeinsam in einer Art Programmierer-Wohngemeinschaft in Besitz ihres Vermieters Erlich (T. J. Miller). Es handelt sich bei ihnen jedoch weniger um Menschen, als viel mehr um lebende Klischees. Einer ist Satanist, ein anderer Inder, alle sind sie Nerds. Große Kinder, die mit noch größeren Träumen nach Sillicon Valley gekommen sind. Alle wollen sie der nächste Steve Jobs werden. Es kommt, wie es kommen muss: Richard entwickelt tatsächlich , ohne es wirklich zu begreifen, einen neuen Algorithmus, der Daten in bisher unbekanntem Maße komprimiert. Der Weg an die Spitze scheint geebnet. Oder etwa doch nicht?

Spätestens, als noch in der ersten Szene Google-CEO Eric Schmidt durchs Bild spaziert, wird klar, dass die Serie ein lächerlicher Papiertiger ist. Was als entlarvende, scharfzüngige Kritik gedacht war, wird eine neue Plattform für die Datensammler und selbsternannten Weltverbesserer, sich und ihre Marken zu bewerben. Sehr her, scheinen sie zu rufen, wir selbstironisch und reflektiert wir sind, wir können uns sogar über uns selbst lachen. Gleichzeitig bleibt der Geniekult unangetastet, der libertäre Mythos von Machern und Visionären wird nicht entzaubert, sondern perpetuiert.

Eine Szene aus Silicon Valley

Die Technik im Mittelpunkt: Im inneren der Programmierer-WG

So ist die Serie in der Summe ein wenig wie Cuck Lorres Big Bang Theory ohne eingespielte Lacher. Denn Computernerds sind immer noch ein dankbares Ziel.  Einen Stereotyp zu verspotten ist leicht, vor allem dann, wenn man ihn selber erschaffen und gestalten kann. Die Charaktere bekommen durch ihre grobe Zeichnung nichts universelles, sondern werden leer.  Es hadert bei dieser Sitcom vor allem an der vermeintlichen Kernkompetenz des Genres, dem Humor. Richard, um dessen Entwicklung später ein erbitterter Bieterkrieg ausgebrochen ist, wird sofort nach einem Arztbesuch abgefangen.  Es ist die Assistentin von Konzernchef Peter Gregory. Richard reagiert recht gelassen. Wie man ihn so schnell gefunden habe, möchte er wissen. Und die Assistentin antwortet, die Firma könne eben Handys überwachen. Der Senat wisse davon noch nichts. Das ist dann sicher irgendwo eine Pointe, aber eine, die im Hals stecken bleibt. Hier wird resigniert, hier werden Zustände beschrieben, aber es wird nicht gegen sie angegangen. Man könnte es Galgenhumor nennen.

Der Kopf hinter der Serie ist Mike Judge, Erfinder von, unter anderem, dem anarchischen Comicduo Beavis und Butthead und der Bürosatire Office Space. Der in Ecuador geborene Regisseur, Schauspieler Drehbuchautor war selbst einmal einer der jungen Menschen, die es in die nähe von San Francisco verschlug. Nach seinem Abschluss in Physik an der University of California in San Diego, fand er einen seiner ersten Jobs als Programmierer für den F-18 Kampfjet der Firm McDonnell Douglas. 1987 zog er nach Silicon Valley und trat dem Startup Parallax bei. Die Firma baute Grafikkarten. Die neue Series sollte eine Art Abrechnung werden mit der seltsamen Unternehmenskultur und ihren gleichgeschalteten Jüngern, die für Judge so fremd und abweisend wirkten. In der Umsetzung ist davon leider wenig zu spüren.

533b178a74aafd2e55caa92a_siliconvalley09

Richard arbeitet bei Hooli, einer Art Google-Parodie. Der Schriftzug des Konzerns scheint allgegenwärtig.

Mittlerweile sind erste Meinungen aus Kreisen der parodierten zu vernehmen gewesen. Marc Andreessen etwa, Mitgründer von Netscape, ließ verlautbaren er liebe die Serie jetzt schon.  Von einige Insidern hieß es gar, die Serie sei nicht lustig – sondern eher wie eine Dokumentation. Wirklich zum Nachdenken anregen wird die Sitcom niemanden.

Judge hat die traurige Angewohnheit, sich die falschen Feindbilder auszusuchen. Statt Strukturen und System zu erfassen, attackiert er Menschen. Das ist die Schattenseite eines Formats, welches nach Zuschauerbindung an Protagonisten schreit.  Schon der desaströs gescheiterter Versuch an einer gesellschaftskritischen Komödie, Idiocracy,  demonstriert dies. Obwohl das eigentliche Ziel war, gegen problematisches Medienverhalten und Eliten anzugehen, attackiert Judge doch nur die unteren Klassen, verspottet Konsumenten und driftet sogar in unangenehme Ressentiments gegenüber ethnischen Minderheiten ab. Am Ende ist der Film sozialdarwinistisch und, darüber hinaus, auch noch genau so dumm wie die Menschen, die er eigentlich kritisieren möchte. Ähnlich scheint es hier zu sein, denn auch in Silicon Valley kommen die Vorstände und CEOs relativ unbescholten davon.  Hooli-Chef Belson blickt von oben herab auf die Herde von menschlichen Schafen, und ordnet sie in Herden.

“It’s weird — they always travel in groups of five, these programmers. There’s always a tall skinny white guy, a short skinny Asian guy, a fat guy with a ponytail, some guy with crazy facial hair and then an East Indian guy. It’s like they trade guys until they all have the right group.”

Das entlarvt die Serie nun jedoch nicht als plumpen Versuch, tieferes menschliches Verständnis zu heucheln, sondern stellt sich als Wahrheit heraus. Denn gleichzeitig zeigt uns die Serie genau solche Gruppen. Der abstruse spirituelle Berater Gregorys kommentiert dies mit seiner Bewunderung für die Menschenkenntnis des Firmenchefs. Fast nimmt man es ihm, und der Serie, ab. In einer Welt, die schon so viel weiter ist, die schon so viele absonderliche Stilblüten getrieben hat, wirkt Silicon Valley mindestens fünf Jahre zu spät.  Es fehlt an Energie und aufrichtigem Zorn, wie er etwa zuletzt bei The Wolf of Wallstreet zu spüren war. Was es dort im Exzess zu sehen gab, fehlt hier. Eifer, spürbare Wut und Frustration.

peter-gregory-1024 (1)

Peter Gregory verachtet Hochschulen und bietet Abbrechern 100.000 Dollar an.

Natürlich ist gerade einmal eine einzige Folge gesendet worden, 30 Minuten lang. Doch das war kein guter Anfang, alles an Silicon Valley wirkt bemüht und kraftlos, so aus der Zeit gefallen wie Kid Rocks Gitarrenriffs, die alles einläuten. Wie in der Serie selbst gibt es dafür leider keinen Applaus.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s