Rezension: Dom Hemingway

Dom Hemingway PosterDom Hemingway weiß genau, wer er ist. Er weiß seinen Namen, und sagt ihn oft und mit Freude. Er kennt seinen Platz, denn das ist stets der Mittelpunkt. Schon mit der ersten Einstellung des Films nimmt er die Leinwand vollständig für sich ein. Und monologisiert über seinen Penis. Wie ein Prediger für den Kult der Männlichkeit richtet Dom eine Lobpreisung an sein bestes Stück. Erst am Ende der Szene sehen wir, wo dieses sich gerade befindet, nämlich im Mund eines männlichen Mitgefangenen. Oh, die Ironie. Regisseur Richard Shepard scheint es auf eine Diskussion über den Mann im britischen Gangsterkino abgesehen zu haben. Es soll um den Macho von Gestern in der Welt von heute gehen. Doch wirklich gelingen will das nicht. Sowohl Dom Hemingway (gespielt von einem durchtrainierten Jude Law) als auch dem gleichnamige Film scheinet es an klaren Zielen zu fehlen.

Die Geschichte beginnt, als der Gangster nach 12 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. 12 Jahre sind eine lange Zeit, dass wird schnell klar. Während er im Gefängnis war, ist viel passiert: Seine Frau ist gestorben, seine Tochter ist erwachsen geworden und hat mittlerweile Mann und Kind. Arbeitskollegen aus dem zwielichtigen Milieu sind gealtert, sein Freund Dickie (Richard E. Grant) hat sogar eine Hand verloren und trägt eine Prothese. Unser Protagonist hält dies zunächst für ein modernes Fashionstatement. Dom versucht, Familien- und Geschäftsbande neu zu knüpfen, doch es scheint sich mittlerweile zu viel verändert zu haben.

Nach einem gelungenen Einstieg verliert der Film schnell an Fahrt und mäandriert vor sich hin. Da werden Figuren und Konzepte dargeboten, aber nichts davon scheint zusammen zu gehören. Prinzipiell interessante Ideen werden schnell wieder aufgegeben. Ob hier ein cooler Gangsterfilm, ein rührendes Familiendrama oder die Dekonstruktion von beidem gezeigt werden soll, wird nie wirklich klar. Mal sollen wir uns an Doms Eskapaden erfreuen, dann vor ihnen zurückschrecken. Mal sollen wir seine Abgeklärtheit bewundern, dann seine Grobheit verabscheuen. Jude Laws versucht sich mit seinem Schauspiel an schnellen Wechseln zwischen emotionalen Stadien, wirkt dabei jedoch immer etwas zu laut und unsubtil. Wenn Wut und Trauer zu kalkuliert umschlagen, wird beiden die Wirkung genommen. Sie negieren sich gegenseitig. Sicher, Jude Laws Aufgabe ist schwer, denn außer ihm bietet der Film keinerlei Charaktere als Bezugspunkt. Er muss den Film nahezu allein tragen, um ihn herum bleiben alle blass und leer. Beziehungen folgen so sehr gewohnten Erzählweisen, dass der Regisseur meint, sie nicht näher beleuchten zu müssen. Wie klischeehaft die Beziehung zu Hemingways Tochter  sich gestaltet, belustigt fast.

Dom Hemingway Bildmitte

Jude Law als Dom Hemingway

So bleibt also eine Charakterstudie. Ein Dinosaurier, ein Monster gar, so beschreibt Dom sich selbst. Er ist sich der verlorenen Zeit schmerzlich bewusst, das Gefängnis hat ihm den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung gegeben. Er liebt den Monolog, er liebt es, große Reden zu schwingen, die Welt ist für ihn eine Bühne. In solchen Momenten erinnert Hemingway ein wenig an Michael Peterson, aus Nicolas Winding Refns Bronson.  Er ist zornig, auf sich selbst, und auf die Welt um sich herum. Immer wieder versucht er seinen Mitmenschen mit seiner Körperlichkeit imponieren, und immer wieder stößt er an seine Grenzen. Als er seinen ehemaligen Boss Mr. Fontaine (Demian Bichir) trifft, hängen in dessen Wohnzimmer riesige Bilder von Affenköpfen. Im Laufe ihrer Unterhaltung wird Dom laut und aggressiv, er verlangt von Fontaine, als Belohnung für das Schweigen über dessen Verbrechen, eine Belohnung. Er hat es auf seine wunderschöne Freundin Paolina (Madalina Diana Ghenea) abgesehen. Vor Wut verzerrt sich sein Gesicht zu einer Grimasse. Dom gleicht nun den wütenden Affen auf den Bildern, der Salon wird zum Affenfelsen.

Wie Affen, kreatürlich und primitiv, sind für Regisseur Richard Shepard seine hypermaskulinen Figuren. Immer wieder brüllt Dom Hemingway seinen Namen, als müsse es sich seines eigenen Daseins immer wieder versichern.  Er schwingt ihn wie eine Waffe, mit der sein Revier zu verteidigen versucht. Die Identität als Waffe der Gegenwart: Die Namen von anderen, von Gegnern, werden verspottet. Dom  ist schockiert über den afrikanischen Namen seines Enkelsohns und mokiert sich über den Namen einer Katze, die er vor Jahren getötet hat. Die junge Melody, der Dom das Leben rettet, trägt ihren sogar auf dem Motorradhelm , umgeben von Noten.  Die Frage ist, was das nun alles bedeuten soll. Und da fällt das Kartenhaus in sich zusammen.

Dom Hemingway

Dom streitet sich mit dem Sohn eines ehemaligen Kollegen, der das Geschäft übernommen hat. Vergangenheit und Gegenwart prallen aufeinander

Denn wenn der Film nach weniger als 90 Minuten zu Ende geht, dann hat Shepard nur beschrieben,  keinen eigenen Gedanken entwickelt. Weder wir noch Hemingway haben wirklich etwas gelernt. Es wird mit vagen Ideen über Männlichkeit und Identität hantiert, aber am Ende bleiben vom Film einige Bilder und Sprüche, die auch aus  einem Guy Ritchie-Film stammen könnten.  Heute und Früher gegeneinander ausspielen, die alte und die neue Schule aufeinander treffen lassen, dass haben schon viele andere besser, lustiger und mit mehr Einsicht getan.  Dom Hemingway ist ein mediokrer Film mit einer einzigen Ambition – nämlich Ambitionen zu haben. Das allein reicht nicht, um zu überzeugen. Die meiste Zeit über ist der Film träge und langweilig, er berührt weder emotional noch unterhält er sonderlich gut. Nur weil Monologe auf Gräbern geführt werden, bekommen Trauer und Tod noch keine Präsenz. Nur weil ein Film etwas aussagen will, tut er es noch nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s