Erster Eindruck: Fargo

fargoIn Minnesota sprechen die Leute nicht nur ein bisschen anders, sie sind es auch. Denn die Eigenheiten des „Nordsternstaates“ gehen weit über das Lokalkolorit hinaus. Die Einwohner gelten als höflich, konfliktscheu, und zum Understatement neigend.  In wie weit das nur eine Fassade ist, liegt wohl im Auge des Betrachters. Für die Brüder Ethan und Joel Coen ist dieser soziale Umgang, den die Amerikaner „Minnesota Nice“ nennen, nur eine hauchdünne Schicht, unter welcher der Wahnsinn verborgen liegt. In ihrem Film „Fargo – Blutiger Schnee“ von 1996 amüsieren sie sich, auf ihre wie üblich schwarzhumorige Art und Weise, nicht nur über die die spießige, behäbige Freundlichkeit, sondern vor allem über die passive Aggressivität, die dort hinter jeder Geste steckt. Wenn Leben stagnieren, baut sich eine gefährliche Frustration auf. So wie etwa bei  Jerry Lundegaard, dem erfolglosen Autoverkäufer und noch erfolgloseren Verbrecher, der versucht zwei Gangster anzuheuern, um die Entführung seiner Frau zu simulieren. Eine Groteske erster Güte, tragisch und komisch zugleich. Die Geschichte ist gänzlich fiktional, und doch blenden die Regisseure zu Beginn des Films ein: “THIS IS A TRUE STORY. The events depicted in this film took place in Minnesota in 1987. At the request of the survivors, the names have been changed. Out of respect for the dead, the rest has been told exactly as it occurred.”

Fast 20 Jahre später hat nun der Fernsehsender FX die schneebedeckte Szenerie und die Rechte am Originalfilm übernommen, um eine eigene Geschichte darin zu erzählen. Die Einblendung bleibt, nur das aus 1987 jetzt das Jahr 2006 wird. Aus Jerry Lundgaard wird Lester Nygaard (Hobbit und Doktor Watson, Martin Freeman), erfolgloser Versicherungsvertreter. Seine Frau bereut ihn geheiratet zu haben, sein Bruder ist deutlich erfolgreicher und der Peiniger seiner Highschool-Zeit, Sam Hess, verspottet ihn auch mit 40 noch. Als er nach einem Aufeinandertreffen mit Hess gar mit gebrochener Nase im Krankenhaus landet, trifft er auf den mysteriösen Lorne Malvo (Billy Bob Thornton). Dieser ist, so erfahren wir gleich zu Beginn der Folge, scheinbar eine Art Auftragskiller.  Lester schildert ihm sein Leiden, und Lorne Urteilt harsch. Wäre er an seiner Stelle, wäre Sam ein toter Mann. Und er merkt an, er könnte das für ihn übernehmen. Lester ist schockiert, zu einem eindeutigen Nein durchringen kann er sich jedoch auch nicht. Wenig später ist Hess tot.

Fargo Standbild

Lester Nygaard und Lorne Malvo treffen zum ersten Mal im Krankenhaus aufeinander. Beide haben eine Kopfverletzung.

Wenig später sind die zuständigen Beamten am Tatort: Verne Thurman (Shawn Doyle) ist der alteingesessene Stadtpolizist, Molly (bezaubernd: Allison Tolman) eine junge, aber begeisterte und ehrgeizige Kollegin, die stark an Frances McDormands (mit einem Oscar ausgezeichnete) Rolle als Margie Gunderson erinnnert. Gemeinsam mit Deputy Gus Grimly (Colin Hanks) versuchen sie den Fall, der scheinbar mit Syndikatsbeziehungen von Hess zu tun hat, aufzuklären.

Erdachte wurde die Serie von Noah Hawley, die Coen-Brüder beteiligen sich am Projekt als ausführende Produzenten. Ihre Handschrift , oder zumindest eine äußerst gelungenen Interpretation davon, entdeckt man hier sofort wieder. Die Figuren sind ähnlich kurios, die Handlungsstränge ähnlich verworren, und die Dialoge im gleichen Maße schnell und gewitzt. Der Eindruck, man wolle sich bei Fans anbiedern, entsteht nie. Man hat nur das Gefühl, dass Begeisterung und großer Respekt für das Material bei allen Beteiligten herrscht.  Die Serie wirkt wie ein Best-Of der Coen-Filmografie. Gerade die manchmal wirre Tonalität von Filmen wie Fargo, aber auch Burn After Reading oder Barton Fink, wird hier recht präzise eingefangen. In den Bars wird White Russian verkauft, auch der Dude (The Big Lebowski) würde sich hier wohl fühlen. Malvo als gewissenloser Mörder erinnert an Anton Chigurh aus No Country for Old Men , gerade in seiner Unberechenbarkeit bedrohlich.   Charaktere werden hier mit der gleichen nihilistischen Beiläufigkeit aus dem Leben gerissen, wie überall sonst im Coen-Universum.

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Allison Tolman als junge Polizistin Molly Solverson

Dennoch vermag es die Serie, durchweg komisch zu sein. Wenn Malvo die schlichten Bürger der Kleinstadt gegeneinander Ausspielt oder mit einer Motel-Besitzerin diskutiert, ob er für ein Bakterium als Haustier extra zahlen müsste, dann ist das wirklich unterhaltsam. Auch visuelle Gags gibt es zu genüg, wie etwa wenn Polizistin Molly im Hintergrund eines Gesprächs, Tiefenschärfe sei Dank, zwei streitende Kinder umtackelt.  Ihre Figur ist ohnehin liebevoll erdacht, im Spannungsfeld zwischen der Erwartungshaltung ihres Vaters und ihrer Liebe zum Polizeiberuf, verkörpert sie eine starke, glaubwürdige Frauenfigur, wie wir sie auch heute noch nur selten zu sehen bekommen.

Martin Freeman in  seiner Rolle als Jedermann spielt gewohnt präzise, und reiht sich ein in die lange Folge von Hiobsfiguren der Coenbrüder.  Aber auch die düsteren Abgründe einer gescheiterten, unbefriedigenden Existenz brechen immer wieder hervor, und so wird der Brite langsam, aber merklich auch in neues Territorium geführt. Billy Bob Thornton Präsenz ist zuerst eine konfuse, durch disparate Emotionen und Tonalitäten wird der Wahnsinn vermittelt, für dessen Darstellung Thornton spätestens seit Sling Blade bekannt ist. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Gastauftritte, etwa von Bob Odenkirk (bekannt als Saul aus Breaking Bad).

Handwerklich wird hier nicht auf dem Level eins Breaking Bad gearbeitet, aber Kamera und Schnitt arbeiten effizient und zweckdienlich, spielen sich nicht in den Vordergrund und lassen Darstellern und Drehbuch den nötigen Raum sich zu entfalten. Gelegentlich wirkt der Pilot, als müssten Tempo und Erzählform noch austariert werden, man tastet sich langsam an die Materie heran. Wohin die Reise geht, ist noch unklar.

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Die etwas dumpfen Söhne von Sam Hess sind nur zwei der zahllosen unkonventionellen Figuren in der Welt von Fargo

Aber eins ist sicher: Diese Serie weiter im Auge zu behalten wird sich lohnen. Wenn es nach der ersten Folge auch nur annähernd in gleicher Qualität weitergearbeitet wird, dann haben wir es hier mit etwas großem zu tun. Ein Coen-Film in mehrfacher Überlänge, so unberechenbar wie seine Figuren.  Es scheint neuerdings in Mode zu sein, die singuläre Spielfilmerfahrung ins Fernsehen übertragen zu wollen:  In diesem und dem nächsten Jahr machen unter anderem About a Boy, Bad TeacherFrom Dusk Till Dawn und sogar Rosemary’s Baby den Sprung von der Leinwand auf den Bildschirm. Wenn dieses Konzept auch nur annähernd so gute Ergebnisse hervorbringt wie Fargo, dann immer her damit. Denn selten hat man so viel wärme in einer kalten Welt aus Schnee und Eis gefunden.

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