Rezension: 20 Feet from Stardom

20-feet-from-stardom-posterWenn wir Filme über Musiker sehen, dann geht es zumeist um Rockstars: Elvis, die Beatles, überlebensgroße Figuren. Rauschende Partys und schnelle Leben scheinen wie für die Kinoleinwand gemacht zu sein. Auch Morgan Neville hat das schon getan, er hat zum Beispiel einen Film über Johnny Cash gedreht. Doch in seinem neuen Dokumentarfilm, 20 Feet from Stardom wandert der Blick der Kamera, vorbei an den Legenden im Rampenlicht,  zu den Menschen in der zweiten Reihe. In der Titelsequenz sehen wir berühmte Albumcover , doch die eigentlichen Stars sind ausgeblendet. Zu sehen bleiben die Helden des Films: Die Hintergrundsänger und Hintergrundsängerinnen.

Ohne die zusätzlichen Stimmen, die auch in der Rock- und Popmusik an Choräle erinnern, würden so viele Stücke leer und ausdruckslos wirken. Der Film präsentiert uns eine Gruppe afro-amerikanischer Frauen, mittlerweile im fortgeschrittenen Alter, die stellvertretend für die große Bedeutung ihrer Zunft für die Rockszene der 60er und 70er Jahre stehen. Schnell wird klar, dass es hier um mehr geht, als „nur“ um Musik.

Denn nicht nur als vermeintliche Sänger „zweiter Klasse“ werden Darlene Love, Táta Vega, Judith Hill und Lisa Fischer marginalisiert, auch als Frau und als Schwarze wachsen sie in einer Gesellschaft auf, die ihnen immer wieder Steine in den Weg legt. Für viele sind sie wenig mehr als Dekoration, Objekte die Bühnen und Stücke gleichermaßen schöner machen. Das Wort Prosititution fällt. Weiße Bands wie die Rolling Stones wollen schwarz klingen, und übernehmen die afro-amerikanischen Traditionen von Gospel und Spirituals über die Stimmen der jungen Frauen. Oft steht die Frage im Raum, warum es denn für eine eigene Karriere nicht reicht. Schon der Titel sagt es: Man ist dem Ruhm so nah. Der Film zeigt: Und doch oft so fern.

So berichtet Darlene Love, bekannt für ihre Beiträge zu Songs von etwa Frank Sinatra,  Sam Cooke, Elvis Presley und Tom Jones, wie sie beim Arbeiten als Reinigungskraft plötzlich ihre eigenen Songs im Radio hört. Sie kann Geschichten erzählen von Kontrolle und Betrug durch Produzenten wie Phil Spector, die plötzlich ihre Lieder unter einem anderen Namen veröffentlichen.  In den 80er und 90er Jahren verändern sich sogar die Strukturen im Showgeschäft, Alben müssen schneller und günstiger Produziert werden und gespart wird, wie könnte es anders sein, zuerst an vordergründig weniger bedeutsamen Posten.

In einer Mischung aus Interviews, Fernseh- und Filmmaterial und Fotos beleuchtet Neville die Thematik von vielen Seiten.  Das Ergebnis ist recht stimmig, wirkt aber oft zu bemüht, bestimmte Effekte zu erreichen. Schnell wird klar, dass jedes düstere Schicksal mit kurzen Montagen und anrührender Musik zu einem glücklichen Ende gebracht werden kann. Häufig entsteht eine Eindeutigkeit, welche die eigentlich sehr gelungene Musikdokumentation nicht nötig gehabt hätte. Ein bisschen relativiert sich der Effekt jeder Tragödie, wenn das Happy End immer einen Song entfernt ist.

Lisa Fischer mit Mick Jagger.

Zugegeben: Diese Songs sind wirklich gut. Die Sängerinnen, die hier in den Mittepunkt gerückt werden, haben (oder hätten) es allesamt verdient im Rampenlicht zu stehen. Ihre Stimmen sind gewaltig, präzise und ausdrucksstark.  Die bekannten Musiker, die zu Wort kommen, dienen alle dem Zweck, ihre Ehrfurcht zum Ausdruck zu bringen.  Das sind dann etwa Sting, Stevie Wonder, Mick Jagger oder Bruce Springsteen.

Genau wie die Sängerinnen hat auch der Film vor allem Lob erhalten. Der Begeisterungssturm für 20 Feet from Stardom mündete schlussendlich sogar in einem Oscar für den „Besten Dokumentarfilm“ bei den 86. Academy Awards.  Das Problem: Der beste Dokumentarfilm im Jahr 2013 war eigentlich Mitbewerber The Act of Killing, Joshua Oppenheimers düstere Abhandlung über die Massaker in Indonesien in den Jahren 1965 und 66. Die Gewalttäter von damals bekamen von Oppenheimer die Möglichkeit, ihre Verbrechen als Film zu inszenieren. Sie kommen der Aufforderung mit beängstigender Begeisterung nach. Das Ergebnis ist ein Meisterwerk über Gewalt, Erinnerung und die Macht des Kinos. Natürlich sind die beiden Filme schwer zu vergleichen, sie sind in vielerlei Hinsicht gänzlich unterschiedlich.

Archivmaterial macht einen großen Teil des Films aus.

Aber an diesen Unterschieden lassen sich gut die Schwäche von Nevills Film demonstrieren: Wo The Act of Killing jeden Gedanken konsequent zu Ende führt und nie zurückschreckt, geht 20 Feet from Stardom oft den Weg des geringsten Widerstands. Die Zuschauer sollen sich wohlfühlen, sollen sich erfreuen an Musik und den Geschichten vom großen Erfolg. Was ist mit den tausenden Träumen und Wünschen, die scheitern und platzen? Die Geschichte vom amerikanischen Traum wird nicht hinterfragt, die Probleme der Backgroundsänger von heute bleiben leider unbeleuchtet. Der Film ist die harmlose Beliebigkeit, die sich viele Menschen wünschen, aber sicher nicht brauchen.  Wir sehen siegende Underdogs,  das Scheitern bekommt wieder einmal keinen Platz. Ein wenig mehr Dissonanz hätte dieser gelungenen, aber etwas süßlichen, Hymne auf die Helden aus der zweiten und dritten Reihe gut getan. Den Dissonanz fordert eine Reaktion.

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