Rezension: Labor Day

movies_laborday_uk_payoff_onlineBald sind Henrys Sommerferien um, er kommt in die siebte Klasse. Glücklich ist er nicht. Ihm fehlt viel im Leben, vor allem ein Vater. Seit seine Eltern sich getrennt haben leidet seine Mutter Adele unter Depressionen und verlässt das Haus nur noch so wenig wie möglich. Seine Helden und auch seine Vaterfiguren sucht er nun in Comics. Am Comicregal im nahen Supermarkt  findet er neben Peter Parker und Bruce Wayne eines Tages, genauer gesagt am Tag der Arbeit, auch Frank Chambers (Josh Brolin). Dieser hat zwar auch die Statur eines Comicheroen, hat aber wenig Heldenhaftes im Sinn. Zuerst freundlich, dann mit Nachdruck, bittet er um eine Mitfahrgelegenheit. Er ist verletzt, blutet aus einer Bauchwunde. Bald stellt sich heraus, dass Frank ein entflohener Häftling ist. Doch was als Geiseldrama beginnt schlägt schnell in eine tiefe Freundschaft um. Adele (Kate Winslet) und Henry (Gattlin Grifith) haben nun einen starken Mann im Leben. Die Polizei sucht jedoch unbarmherzig weiter nach Frank. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn finden werden.

In den Filmen von Jason Reitman, dem Regisseur von Labor Day, geht es um die Familie. Sein Debut Thank you for Smoking war neben einer gelungenen Satire auf die Tabakindustrie vor allem die Geschichte eines Vaters, der unter der Trennung von Frau und Kind leidet. Im oscarprämierten Juno wird Ellen Page als die titelgebende Schülerin schwanger, doch findet Halt in einer Beziehung und bei einem jungen Paar, das selber keine Kinder bekommen kann. Auch Up in the Air oder Young Adult zeigen und Menschen, die unter ihrer Einsamkeit, einem Mangel an Familie leiden. Sicher, die klassische amerikanische „nuclear family“ gibt es hier selten. Eine gewisse Spießigkeit haftet jedoch all diesen Filmen an. Nur selten jedoch tritt dies so eindeutig zum Vorschein wie in Labor Day.

Film Review Labor Day

Gemeinsames Kuchenbacken stärkt den Zusammenhalt der jungen „Familie“. Der Kuchen wird später noch eine große Rolle spielen.

Zumindest in den ersten 20 Minuten des Films könnte man noch den Eindruck gewinnen, einen zwar konventionellen, aber gelungenen Thriller zu sehen. Wenn Frank zum ersten Mal in das Leben der Familie Wheeler tritt ist er bedrohlich und fremd. Diese  Szenen sind intensiv, düstere Basstöne dröhnen im Hintergrund. Das sonst flutende Licht, das jede Außeneinstellung des Films zum strahlen bringt, wirft erstmals auch Schatten. Doch in einem kurzen Wust aus bedeutungsschwangeren Blicken, halbherzig zur Hand genommenen Küchenmessern und einigen vagen Drohungen weicht die Anspannung so bald wie möglich einer konservativen Behaglichkeit. Die Zweckgemeinschaft wird zum Idealbild der amerikanischen Familie: Frank ist ein muskulöser, bodenständiger „blue-collar worker“. Das Haus, welches Reitman als Metapher für Adeles geschundene Seel verstand wissen will, wird durch ehrliche Handwerksarbeit wieder auf Vordermann gebracht. Adel blüht auf, beginnt wieder zu lächeln. Gemeinsam spielt die junge Familie Baseball, kocht und backt Kuchen. Diese Szenen sind so verklärend und schmalzig, sie könnten aus den fünfziger Jahren stammen (tatsächlich schreiben wir das Jahr 1987). Oder von Oliver Stone, nur das sie dort parodistischer Natur wären.

Einmal in dieser Behaglichkeit angekommen verliert die Handlung ihren Blick und mäandriert. Der Film gefällt sich in der Darstellung häuslicher Idylle. Die Gefahr entdeckt zu werden, unangekündigte Nachbarschaftsbesuche und ferne Polizeisirenen wirken von nun an lediglich wie eine Randerscheinung, eher ein Ärgernis als wirkliche Gefahr.

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Henry und Eleanor schließen schnell Freundschaft. Doch das junge Mädchen hat auch große Probleme.

Ohnehin hat das Drehbuch  mehr schwache als überzeugende Ideen.  Basierend auf dem Roman Der Duft des Sommers von Joyce Maynard kann es sich selten von seiner Quelle lösen und trifft narrative Entscheidungen, die in Schriftform wohl deutlich besser funktionieren als auf der Leinwand.  Die Geschichte wird nämlich, so die Rahmenhandlung, von Henry erzählt, der auf seine Jugend zurückblickt. Die logische Konsequenz ist, dass er damit klar im Mittelpunkt steht. Doch seine „Coming-of Age“-Geschichte ist so beiläufig und beliebig, dass sie nicht für eine Sekunde involviert. Da gibt es kurze Episoden über Henrys sexuelles erwachen, er trifft die frühreife Eleanor und muss sich von seinem leiblichen Vater Gerald (Clark Gregg) erzählen lassen, dass er und seine Stiefgeschwister ja bald auf Dates gehen werden. Das ist uninteressant dargestellt und scheitert nicht nur an dem blassen Gattlin Grifith.  Immer wenn der Film sich vornimmt, Themen und Motive aufzunehmen, wirken diese forciert.

Zusätzlich irritiert der Film mit seinen permanenten Rückblicken in die Vergangenheit von Adele und Frank. Psychologisch naiv tragen diese Bildbrocken nahezu nichts zu den bestehenden Figuren bei, die selbst verkörpert von fähigen Darstellern wie Kate Winslet und Josh Brolin austauschbar und langweilig sind. Gerade Brolin ist hier mehr eine körperliche Präsenz als ein lebendes Wesen mit Emotionen und Wünschen. Nach einer Rasur ist seine Transformation vom Verbrecher zum liebevollen Ehemann plötzlich und oberflächlich vollzogen.

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Adele und Frank tanzen.

Die beiden entschließen sich später, gemeinsam nach Kanada zu fliehen. Die Konsequenz sind vor allem alberne Szenen, in denen Drama künstlich durch Figuren von Außen hereingetragen werden muss. Der Film gipfelt in einem ärgerlich kitschigen Konvolut wilder Zeitsprünge, in welchem (so viel soll gesagt werden dürfen) doch schließlich alles gut endet. Reitman scheitert hier nahezu vollständig daran, die Romanstruktur auch im Film befriedigend nachzuvollziehen.

Was bleibt also von Labor Day? Wenig. Wir beginnen den Film mit einer langen Kamerafahrt durch Wälder, und viel mehr als konservative Ökoromantik wird auch hier nicht geboten. Nach dem geradlinigen Weg zu Beginn nimmt der Film eine falsche Abfahrt nach der anderen, um sich tief in einem Wald aus Kitsch und Melodrama zu verirren. Das größte Problem: Er scheint darauf auch noch stolz zu sein, verschwendet Potenzial, unterhält kaum und ist dabei auch noch bieder und uneigenständig. Auch am Labor Day hätte man sich diese Arbeit wirklich sparen können.

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