Rezension: Enemy

enemy-posterDie Figur des Doppelgängers hat  eine reiche Tradition in Film- und Kulturgeschichte. Das menschliche Ringen mit sich selbst auf eine anthropomorphische, sogar physikalische Dimension zu übertragen, kann ein wertvolles Werkzeug sein, um Neues und Verborgenes über die Conditio humana aufzuzeigen.  Freud sprach vom „verdrängten Teil im Ich“. Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind noch heute ein populäres Bild für die Dualität des Menschen, für seine Abgründe. Autoren wie Kafka oder Dostojewski konnten so ihre Selbstentfremdung ausdrücken. Regisseure wie Tarkowski (Solaris) oder Hitchcock (Vertigo) stiegen durch diese Figur so tief in die menschliche Psyche ein, wie es sonst nur wenige in der Filmgeschichte vermochten. Nun versucht sich auch Denis Villeneuve (Prisoners, Incendies) an der Thematik – und scheitert kläglich. Was er mit seinem neusten Film, Enemy, darbietet, ist ein erbärmlicher Witz.

Offiziell handelt es sich bei dem Film um einen Thriller, Spannung erzeugt der Film jedoch nicht. Er behauptet sie nur. Wenn Hitchcock Spannung erzeugen will, dann gibt er dieser einen Ankerpunkt in der (Film-)Realität. Da ist dann zum Beispiel eine Leiche in einer Kiste, die gefunden werden könnte.  Oder ein Spion, den es zu entlarven gilt. Musik und Kamera, also die Form, unterstützen dabei dann den Inhalt. Villeneuve verlässt sich rein auf die Form: Er lässt die Kamera unruhig durch den Raum fahren und ertränkt jede Szene in einer rumpelnden Moll-Soße, die wohl einen Soundtrack darstellen soll. Toronto wird im Nebel versenkt, die Stadt scheint so umfangreiche Smog-Probleme zu haben, dass sogar Besucher aus Peking irritiert sein müssen. Verdutzt wohnt der Zuschauer dem vorgeführten bei, und fragt sich, warum ihn das alles interessieren sollte. Dröge, grimmige Schwere wird mit Gravitas und Ernsthaftigkeit verwechselt.

Denis Villeneuve

Jake Gyllenhaal als Adam Bell. Auf der Tafel: Das Drehbuch des Films?

Es gibt auch so etwas wie eine Handlung: Adam ist Geschichtslehrer, Anthony Schauspieler. Die Beiden sehen gleich aus. Vor allem, damit Jake Gyllenhaal am Versuch, einen Film alleine zu tragen, jämmerlich scheitern kann. Beide haben zwar Freundinnen (Mélanie Laurent, Sarah Gadon), leider aber keinen wirkliche Charakter. Adam soll wohl unsicher und von seinem repetitiven Leben unerfüllt sein, Anthony dynamisch und erfolgreich. Wie man das in einer solchen Geschichte eben erwarten würde. In einem Film, den Adam von einem Arbeitskollegen empfohlen bekommt, entdeckt er seinen Doppelgänger schließlich, er beschließt ihn zu finden. Gyllenhaal gibt sich redlich Mühe, den beiden Figuren Individualität zu verleihen.  Aber ohne die klassische Schuss/Gegenschuss-Technik würde man nie wirklich erkennen, wer gerade spricht.  Das sich Adam und Anthony optisch gleichen, ist, aus ungeklärten Gründen, ganz besonders schlimm und dramatisch. Warum, dass weiß keiner so genau. Wahrscheinlich, weil sich in dieser Welt niemand mit Genetik und Empirie auskennt.

Nun sollten Dinge passieren, so etwas wie eine Handlung. Doch stattdessen laufen die Beiden (bzw. eben der Eine) durch schlecht beleuchtete Räume und träumen gelegentlich von ihrem Grundkurs in „Thrillersymbolik für Anfänger“. Immer wieder tauchen Spinnen auf, einmal sogar, in der eindrucksvollsten Einstellung des Film, in Godzilla-Dimensionen. Die Arachniden ersetzten wohl die Schlangen aus Prisoners. Wäre es wirklich ein Film über Spinnenmonster, die unter uns Leben, das Ganze wäre wohl sogar marginal unterhaltsamer. Die Realität sieht leider anders aus. Der Film schleudert Bilder auf die Leinwand, doch am Ende sind sie nie mehr als die Summe ihrer Teile. Eine Gleichung, die nicht aufgeht. Und wenn sie aufgeht, dann hat der Filmemacher durch seine stümperhafte Umsetzung schon lange sein Publikum verloren, bevor sie es tut.

Inspirationen waren, neben der Buchvorlage des portugiesische Romanciers und Nobelpreisträgers  José Saramago (in der übrigens keine Spinnen vorkommen) vor allem David Lynch und eben Hitchcock. Dem entsprechend ist Enemy wie Vertigo nach einer Lobotomie oder Eraserhead nach einem Hirnschlag.

Spider Toronto

Hat sowohl ein Smog- als auch ein Spinnenproblem: Toronto.

Natürlich kann man, vor allem über die letzte Einstellung, nun auch diskutieren. Welcher ist der wahre Jake Gyllenhaal, and will the real Jake Gylenhaal please stand up (please stand up, please stand up)? Was hat es mit den Spinnen auf sich, mit dem gesplitterten Glas in Netzform? Sind Anthony und Adam zwei Seiten der selben Person, welche mit ihrer Rolle als domestizierter Vater hadert, und ihrem Wunsch nach adoleszenter Freiheit in Form von Anthony Ausdruck verleiht,schließlich aber die Erotik und Weiblichkeit auch einer werdenden Mutter erkennen kann, um wieder eins mit sich selbst zu werden?  Geht es gar um Diktaturen und Überwachung, sitzen wir fest im Netz der Spinne gefangen; sind sie unter uns, und wir merken es nicht einmal?  Und wer ist der „Enemy“ aus dem Titel?

Zumindest Letzters kann sicher beantwortet werden: Es ist der Regisseur, der uns diese erbärmliche Simulation eines Thrillers gedreht hat. Eine Zumutung.

Jesse Eisenberg Doppelt

Jesse Eisenberg(s) in The Double von Richard Ayoade.

In einem cleveren Twist, wie von einem Drehbuchautoren erdacht, erscheint bald ein Doppelgänger des Films, Richard Aoyades Dostojewski-Verfilmung The Double. Der Film des britischen Regisseurs teilt viele Ideen und Konzepte mit Enemy, ist allerdings in jeder Hinsicht überzeugender. Mit sanften Zügen absurden Humors und vielen wagemutigen Entscheidungen bezüglich der Filmform brilliert The Double wo Villeunev patzt. Sollte der Leser dieser Zeilen sich je in einer regnerischen Nacht auf dem Dach eines Hochhauses wiederfinden, mit einer geladenen Waffe in der Hand, und beide Filme behaupten „Nein! Erschieße ihn! Ich bin der wahre Doppelgänger-Thriller des Jahres 2014!“ – er täte gut daran, auf Enemy anzulegen, zu schießen, und sein weiteres Leben glücklich mit The Double zu verbringen.

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