Rezension: Tim`s Vermeer

Tims Vermeer PosterSind Wissenschaftler Künstler? Sind Künstler Wissenschaftler? Wenn wir heute von Menschen sprechen, in denen wir beides sehen, dann blicken wir dabei meist in die Vergangenheit. Polyhistoren wie Leonardo da Vinci oder Gottfried Wilhelm Leibniz trauen wir noch zu, diese zwei Felder zu vereinen. Doch je mehr wir uns der Gegenwart nähern, desto mehr trennen wir diese beiden Bereiche menschlichen Ausdrucks. Nur dem überlebensgroßen Genius erlauben wir eine solche Grenzüberschreitung.

Tim Jenison hat sich vorgenommen, diese Grenze einzureißen. Eigentlich ist er Erfinder, eine Art menschlicher Daniel Düsentrieb. Als Gründer der texanischen Hard- und Softwarefirma NewTek hat er sich schon früh seine finanzielle Unabhängigkeit erarbeitet. Danach widmete er sich verrückten Erfindungen wie einer Drohne, nur bestehend aus Haushaltsgeräten. Einer Orgel, zusammengesetzt aus Teilen von alten Überbleibseln aus Kirchen. Er ist immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Doch was er sich wirklich mehr als alles Andere wünscht, ist ein Künstler sein. Das Gras ist immer Grüner auf der anderen Seite. Jenison will, so erklärt er zu Beginn des Films, der seinen Versuch dokumentiert, einen Vermeer malen. Tim`s Vermeer.

Jan Vermeer van Delft war ein niederländischer Barockmaler. Sein bekanntestes Bild dürfte Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge sein, doch auch viele andere aus seinem gerade einmal 37 Gemälde umfassenden Gesamtwerk werden den meisten ein Begriff sein.  Vermeer gilt als einer der besten Maler der Welt. Tim Jenison hingegen ist gar kein Maler. Aber er hat eine Vermutung, und damit einhergehend, einen tollkühnen Plan. Vermeers Bilder, so argumentiert Jenison, unterscheiden sich stark von denen anderer Künstler aus seiner Zeit. Sie sind weniger abstrakt, Proportionen und Raumverhältnisse sind erstaunlich präzise umgesetzt. Fast wie ein Foto. Vielleicht hatte der Großmeister ein technisches Hilfsmittel, immerhin waren Spiegel und Camera Obscura Produkte seiner Zeit.  Nach einigen Versuchen mit Spiegelungen ist Jenison überzeugt, die Lösung gefunden zu haben: Er hat eine Apparatur erbaut, in der man  Objekte, ganze Räume sogar, in all ihren Facetten und Details übertragen kann. Um seine Theorie zu überprüfen beschließt er, eines der Gemälde zu reproduzieren – Die Musikstunde. Dafür lässt er den kompletten Raum, den Vermeer wohl vor sich gesehen hat, nachbauen. Ein langwieriges, kräfte- und nervenraubendes Projekt beginnt

Tims Vermeer Spiegel

Die Spiegelapparatur, mit deren Hilfe der Vermeer entstehen soll.

Dokumentiert  und auch erzählt wird dieses von Penn Jillette, Teil des Trick- und Komikerduos Penn und Teller. Das der bekennende Skeptiker, Atheist und Libertäre dabei, wie in den meisten seiner Projekten, auch eine Mission verfolgt, wird schnell deutlich. Er möchte entmystifizieren, möchte Vermeer von einem unergründlichen Genie zu einem ergründbaren machen. Der Kult, welcher stets um große Menschen der Kulturgeschichte entsteht, ist ihm sichtlich zuwider. Hat Vermeer, angenommen er hat wirklich auf Apparaturen zurückgegriffen beim Malen, etwa betrogen? Ist ein Werk nur dann echt, wenn es ohne zusätzliche Hilfsmittel entsteht?

In der Beantwortung dieser Fragen liegen die größten Probleme des eigentlich sehr unterhaltsamen Films. Den Regisseur Raymond Teller neigt zu Eindeutigkeit. Schon in der Penn und Teller-Serie Bullshit! Neigt der Regisseur oft zu einer gewissen selektiven Einseitigkeit, was Fakten und Informationen angeht. Gerade einem oft so vieldeutigen, subjektiven Feld wie der Kunst steht dies nicht besonders gut zu Gesicht. „Wäre die Welt eindeutig wäre, gäbe es keine Kunst“, hat Albert Camus dazu gesagt. Das hätte man sich zu Herzen nehmen können.

Tim’s Vermeer

Jenison (oben rechts), Teller (oben Mitte) und Penn (unten rechts) präsentieren ihren Fortschritt stolz zwei bekannten Kunsthistorikern.

Der Anfang des Films,  in dem die technischen Grundannahmen des Experiments vorgestellt werden, erinnert leider stark an Edutainment. Mit den kruden 3D-Animationen von Lichtbrechung und Spiegelungen fühlt man sich an ein Lernvideo aus dem Biounterricht erinnert. Dem Zuschauer wird fast hektisch, was sicher auch der kurzen Spielzeit des Films geschuldet ist, ein ganzer Haufen Informationen vor die Füße geworfen.

Das der Film dennoch gelingt. liegt vor allem an Jenison selber. Auch wenn wir ihm als Protagonist nie wirklich nahe kommen steckt seine spürbare Begeisterung an. Der Mann ist getrieben, ihm beim werkeln, hämmern, tüfteln und malen zuzusehen, macht wirklich Freude. „This is fun“, verkündet er einmal während wir ihn beim Arbeiten sehen. Man glaubt es ihm.

Vermeer Musikstunde

Vermeers „Musikstunde“

Als das eigentliche Projekt beginnt, kommt der Film auch sichtlich zur Ruhe. Noch kurz vor Beginn versucht Teller, Drama zu inszenieren, es gibt Probleme mit den Linsen. Alles scheint auf der Kippe zu stehen. Scheint. Die Sorgen verschwinden schnell, das Heischen nach Spannung wird kurz danach als solches entlarvt. Wenn Jenison beginnt zu malen, bekommt die Dokumentation plötzlich einen fast meditativen Charakter.  Wir wohnen Kunst in ihrer Entstehung bei. Dem Prozess des Schaffens in einem Film gerecht zu werden, ist oft schwierig. Wir können nicht in die Köpfe von Künstlern blicken. Einem Autor beim schreiben zuzusehen, ist eine recht trockene Erfahrung. Teller entscheidet sich für eine Zeitraffermontage, gelegentlich unterbrochen von kurzen Kommentaren. Jenison witzelt: „This project is a lot like watching paint dry.” Farbe beim trocknen zuzusehen ist im angloamerikanischen Sprachraum Sinnbild für die absolute Langweile. Und hier zeigt sich, das Penn und Teller ihre Karriere als Zauberkünstler begannen: Wie durch Magie ist das Gezeigt faszinierend. Auch durch simple Einblendungen wie einer Zeitlinie, die die Dauer des Projekts bis zur Fertigstellung zeigt, bekommen wir einen Sinn für den Aufwand, der selbst in dieser eigentlich simplen Reproduktion steckt. Unterbewusst wird uns klar: Jeder große Künstler ist immer auch Wissenschaftler gewesen, jeder Wissenschaftler auch immer Künstler. Kein Werkzeug nimmt einem großen Werk seine Aura.  Es ist egal, ob Vermeer nun wirklich so gearbeitet hat oder nicht. Wichtig ist, dass mit der richtigen Idee jeder ein Meisterwerk schaffen kann.  Das kann man kitschig nennen Man kann es gar als den Exorzismus des Geniemythos mit dem Geist des amerikanischen Traums verstehen. Als libertäre Gutenachtgeschichte. Vor allem ist es aber ein ungewöhnlicher, frischer Blick auf die Frage, was den nun Kunst ist. Und was ist nun Kunst?

 Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten.

Pablo Picasso

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