Rezension: Under the Skin

Under the Skin PosterWir schreiben das Jahr 2014. Lautstark tobende Menschenmengen drängen sich  durch die Straßen der Städte, sie tragen seltsame Uniformen und Insignien. Manche singen Lieder, andere tanzen,  alle scheinen sie von einem für Außenstehende nur schwer verständlichen Geist beseelt. Ein Gemeinschaftsgefühl, eine unausgesprochene Identifikation, die sich rationalen Erklärungsmustern entzieht. Keine Invasion, es ist nur Fußballweltmeisterschaft.  Wer kein großer Fußballfan ist, der sieht selbst gute Freunde wie über Nacht in eine neue Lebensform verwandelt. Zumindest die deutschen Bürger und ihre Lebenswirklichkeit scheinen dieser Tage wie transformiert. Natürlich ist das eine leicht dramatisierte, übersteigerte Beschreibung der Situation. Und natürlich ist Fußball nicht das Einzige, was Menschen auf diese Weise verändert. Genau so gut könnten es Karneval sein. Oder eine Demonstration, eine Revolution, ein wütender Lynchmob gar. In jedem Fall kann es passieren, dass man plötzlich nicht mehr dazu gehört. Das man nicht die Codes und Rituale verinnerlicht hat, die den alltäglichen Umgang bestimmen.  Meist ist das kein gutes Gefühl. So muss es Touristen gehen, oder Migranten. Plötzlich betrachtet man die Menschheit, oder was man dafür hält, aus einem neuen Blickwinkel. Sicher: Für viele ist das nur ein Zeitfenster, ein flüchtiger Moment. Die Menschheit von außen zu betrachten ist, zumindest als Mensch, schwer. Vor allem auf Dauer. Wir werden als Mensch geboren, leben als Mensch, um dann schließlich als Mensch zu sterben. Wir können nur schwer aus unser Haut und die Summe von Sozialisierung und Erfahrung abstreifen, wir können nur durch unsere eigenen, humanen Augen blicken.

Und doch hat sich Regisseur Jonathan Glazer mit seinem neuen Film, Under the Skin, genau das vorgenommen:  Eine neue Perspektive, ein Blick von außen. Menschen sehen, ohne Mensch zu sein. Auf das Grundgerüst heruntergebrochen ist es eine Geschichte über ein Alien auf Menschenjagd. Im Grunde war es schon immer der Sinn aller guten Geschichten über Außerirdische:  Auszutarieren, was menschlich ist. Meist geht es dabei um Affirmationen:  Unmenschlich, dass gehört zu den härtesten Urteilen, die wir über Andere treffen können. So beschreiben wir die schlimmsten aller Verbrechen: Morde, Folter, Vergewaltigungen. Wir grenzen uns ab. Oft ist der Alienfilm gleichzeitig auch ein Horrorfilm. Ob die Xenomorphen der Alien-Reihe oder die Jäger aus Predator, das Ding aus einer anderen Welt oder die Körperfresser, immer geht es um primordiale Ängste und das gesellschaftlich Verdrängte. Das freudsche Es bekommt eine abstoßende Haut.

Under the Skin

Auf den ersten Blick trifft dass auf Under the Skin nicht zu. Das zunächst nicht näher definierte Wesen hüllt sich in die wohl schönste Oberfläche, die man sich in Hollywood nur vorstellen könnte, nämlich die der Schauspielerin Scarlett Johnanson. Diese Frau, die vom Himmel fiel (Nicolas Roegs Film ist für Glazer ein eindeutiger Referenzpunkt) ist auch unsere Haupt- und Identifikationsfigur. Was die Frage offen lässt: Wer ist dann die Gefahr von außen?

Der Film beginnt mit einer seltsamen Kakophonie von Klängen und Bildern. Licht flackert, und nicht ganz zufällig erinnert das gezeigte an das Ende von Stanley Kubricks Weltraumodyssee 2001. Im letzten Kapitel des visionären Science-Fiction-Epos wird Astronaut Bowman durch die Macht des bedrohlichen, schwarzen Monolithen neue geboren. Die Menschheit hat in ihm eine neue Stufe der Existenz erreicht. In Under the Skin steht am Ende der Entwicklung nur der Mensch, trotzdem ist es eine Art Wiedergeburt. Wir hören einzelne Worte, wieder und wieder. Bald wird uns klar, dass wir Sprache in der Entstehung beiwohnen. Am Ende der Sequenz wird der Körper einer jungen Frau in einen Lastwagen geschleppt. Doch wie auch im weiteren Verlauf ist das Innen weit mehr als nur ein Abbild der äußeren. Gemeinsam mit dem Körper finden wir uns in einem  weiten, spiegelnden Nichts wieder. Johnanson scheint neben sich zu stehen, neben ihrem eigenen Körper. Der Körper wird übernommen. Die Sequenz endet mit einer Macroaufnahme einer Ameise auf Johannsons Finger. Die Menschheit wird hier als niedere Lebensform und als gleichförmiges Kollektiv gewertet.

Das Gefühl der Überlegenheit und ein räuberischer Instinkt liegen nahe beieinander. Das Alien fährt in einem Auto durch die kargen Städte und Landschaften Schottlands, verführt und „frisst“ Männer. Das Alien als weibliche Verführerin ist hier jedoch kein Exploitation-Element, die Verwandtschaft zu Filmen wie Species oder  ist rein oberflächlich.

Der Film war für Regisseur Jonathan Glazer ein Langzeitprojekt. Ein großer Teil der Aufnahmen wurde mit versteckten Kameras gedreht, viele der Figuren sind keine professionellen Darsteller, sondern uneingeweihte Passanten. Damit die Kameras ausreichend klein waren, musste Glazer einige Jahre technischen Fortschritts abwarten. Sein letzter Film, Birth, liegt fast ein  Jahrzehnt zurück.

Under the Skin 2

Diesen Ansatz könnte man stellenweise fast als dokumentarisch bezeichnen: Wie verhalten sich Menschen gegenüber der mit ihnen flirtenden Scarlett Johannson? Was zeigen uns versteckte Aufnahmen von einfachen Passanten über unsere Gesellschaft? Einmal spielt Johannson einen Sturz nach – sofort eilen ihr mehrere Männer zur Hilfe. Wäre die Situation anders, wäre es eine weniger attraktive Frau gewesen? Oder ein Mann? Zeigt uns diese Aufnahme,  dass Menschen empathisch und hilfsbereit sind, oder haben sie alle versteckte Motive? In einer frühen Sequenz trifft das Alien auf eine Menschenansammlung. In diesem Moment gehen uns die Fragen durch den Kopf, die auch sie sich offensichtlich stellt: Was tun diese Menschen? Wohin gehen sie? Ein guter Film lässt das Publikum dasselbe spüren wie die Figuren – auch der Zuschauer grübelt. Nach einer Weile wird  klar, dass die Menschen wohl von einer Sportveranstaltung kommen, wahrscheinlich von einem Fußballspiel. Aber zuerst  sind sie nur eine undefinierbare Masse. Im Kollektiv schwingt immer auch etwas bedrohliches mit. Die Opfer des Aliens sind zu einem nicht unerheblichen Teil keine professionellen Darsteller. Sich in eine solche Situation zu begeben, bedeutet sichtbar Mut. Und außerdem ein erstaunliches Gefühl für das schottische Lokalkolorit: Viele der heimlich gefilmten Männer sind, selbst für erprobte Ohren, nahezu unverständlich.

Der Surfer am Strand

Das Ende des männlichen Heldentum: Eine längere Szene am Strand stellt klassische Rollen in Frage.

Der Film erzählt sich, gerade in der ersten Hälfte, stark durch das Muster von Wiederholung und Variation. Wenn das Alien auf Jagd geht, ähnelt das in der Routine, die dabei zum Ausdruck kommt, stark der gewöhnlichen menschlichen Arbeitswelt. Da wird die Straße nach möglichen Opfern abgesucht, Gespräche angebahnt, leichtes Flirten, vielsagende Blicke, schließlich die Einladung nach Hause.  Später verändern sich die Muster dieser Verführung jedoch leicht, immer kommen neue Facetten hinzu in unserem Bild der Menschheit.  Das Alien lernt Neues, altes wissen wird in Frage gestellt.

Under the Skin verweigert sich der einfachen Erklärung, genau wie sich der Film immer auch dem Weg des geringsten Widerstandes verweigert. Er überlässt den Zuschauer der evokativen Kraft seiner Bilder und vertraut auf seine Intelligenz. Die Geschichte ist sehr lose an Michel Fabers Roman Die Weltenwanderin angelehnt, doch vom eigentlichen Plot werden nur wenige Elemente übernommen.  Vieles bleibt offen, stellenweise so viel, das sich der Fokus klar von narrativer Logik und Struktur löst. Das ist hier jedoch eindeutig kein regiekünstlerisches Unvermögen oder Inkompetenz seitens der Drehbuchautoren. Vielmehr wird hier Mut zur Lücke bewiesen.  Ein effektives Mittel, um dem Publikum die Deutungshoheit zurückzugeben, die ihnen Hollywood all zu oft aus der Hand nimmt. Außerdem ist so gewährleistet, dass der Zuschauer nicht nur emotional involviert ist, sondern auch mit dem wachen Verstand. Im Kino der Gegenwart bedarf es Mut, sein Publikum auf diese Weise zu fordern.

Obwohl Under the Skin aus seinen Einflüssen sicher kein Geheimnis macht, mit mancher Referenz arbeitet  und sich frei an Science-Fiction der Vergangenheit bedient, fühlt der Film sich frisch und wie etwas gänzlich Neues an. Das Genre ist vor allem dann Effektiv, wenn es sich nicht in Technogebrabbel verliert, oder in den Details seiner fiktiven Kreationen schwelgt, sondern diese auch an greifbaren Figuren erprobt und die Implikationen deutlich macht. Über seinen Umgang mit Veränderung und Fortschritt soll offenbart werden, wie der Mensch ist.

Die Frage nach der Natur des Menschen ist nicht die einzige Bedeutungsebene des Films, wie bei seiner Hauptfigur steckt unter jeder Oberfläche stets ein neues Wesen. Den natürlich wird, wenn eine auch mit ihrer Körperlichkeit reizende Scarlett Johannson auf Männerjagd ist, auch der Frage nach Geschlechterbeziehungen eine nicht unerhebliche Rolle eingeräumt. Das fängt schon bei der Wahl der Schauspielerin an. Wie jede Frau in Hollywood sieht sich die Mimin mit großer Regelmäßigkeit unterschätzt, reduziert auf ihre schlanke, blonde Hülle. Ihre Filmografie ist durchsetzt von Rollen, die sie sichtlich unterfordern und zu bloßer Dekoration degradieren. Die Berichterstattung über Under the Skin kann hier durchaus exemplarisch für diese Problematik gesehen werden. Jüngst wurde bekannt, dass  der Film wohl keinen Deutschlandstart außerhalb von Festivals bekommen wird.  Die Filmkritik reagierte prompt: Artikel über das Wesen des aktuellen Filmverleihs und über die Nische zwischen Multiplex und Arthouse nahmen sich der Thematik an. Und worüber schreibt die restliche Presse?  T-Online titelte:   „Nackte Scarlett Johansson kommt nicht ins deutsche Kino.“  Der Focus: „Under the Skin zeigt viel Haut“. Der deutsche Ableger der Huffington Post behauptet: „Wie im 80er-Softporno.“ Auch die Bild reagiert wie zu erwarten:“ JOHANSSON HÜLLENLOS – Scarlett zeigt uns die nackte Wahrheit!“ Mit solchen Überschriften zu dem Film könnte man ein Buch füllen. (Weiblicher) Sex sells, Sex bringt Klicks. (Ein breiter Kinostart wäre allein schon wegen der Konfrontation der mit falschen Erwartungen ins Lichtspielhaus Geströmten mit dem Abgrund wünschenswert gewesen. Spring Breakers potenziert mit X.)

Under the Skin 1

Nackt im Nichts.

In  ihrem Kampf um künstlerischer Integrität ist Johannson sicher nicht allein. Das es für Frauen (und Frauen im gehobenen Alter im speziellen) wenig ernsthafte Rollen abseits von Müttern und dem obligatorischen Love Interests gibt, ist mittlerweile schon fast ein Allgemeinplatz. Eine patriarchale Gesellschaft zwingt Frauen in ein permanentes Gefühl der Entfremdung, und stärker noch als Männern werden ihnen Masken und Fassaden aufgebürdet. Einer der ersten Orte, welche das Alien nach ihrer Menschwerdung aufsucht, ist ein Einkaufszentrum. Mithilfe Bekleidungs- und Kosmetikläden wird über einer Oberfläche gleich eine weiter geschaffen.  

Der Film thematisiert das, geht mit der Thematik offensiv um, ohne dabei je didaktisch oder eindeutig zu werden. Der klassische Male Gaze wird im Film gegen sich selbst gekehrt, wenn die Kamera den Blick der Protagonistin auf ihre Opfer abbildet. Weibliche Nacktheit ist zwar ein Teil des Films, aber in Johannsons Auftreten schwingt selten die Verletzlichkeit ihres Zustandes mit. Es geht nicht um Erotik, und nur wenig um Sex. Die körperliche Entblößung ist weniger bedeutsam als der gleichzeitig damit einhergehende Seelenstriptease.

Bei allen inhaltlichen Feinheiten darf aber auch die originelle Ästhetik des Films nicht außer Acht gelassen werden. Kameramann Dan Landin gelingen kühle, klagende Bilder. Die Clipästthetik seiner Musikvideo-Vergangenheit lässt er vollständig hinter sich. Gerade im späteren Verlauf des Films weichen die grauen Städte und Landstraßen vollständig unromantische Naturaufnahmen, wie sie ambivalenter nicht sein könnten. Oft zeigen uns ausladende, lange gehaltene Totalen, wie unbedeutend unsere Protagonistin selbst als Jägerin noch ist. Das Produktionsdesign ist äußerst überzeugend, der Einsatz von Spezialeffekten ist effektiv und niemals reiner Schauwert. Gerade wie das „Verschlingen“ der Männer visualisiert wird, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Bilder, die man nie vergisst. Der Soundtrack dürfte zu dem verstörendesten gehören, was seit langem im Kino zu hören war: Schräge, wabernde Klänge, irgendwo zwischen Stravinsky und statischem Rauschen. Fremdheit und Andersartigkeit durchziehen jede Pore des Films, ohne das es je bemüht wirken würde.

Under the Skin Wald

Im Schoß der Natur.

Wenn am Anfang die Frage steht, wie die Menschheit von außen betrachtet aussieht, bleibt am Ende des Films nur eine beunruhigende Gewissheit. Glazer hat kein Problem damit, sich zu positionieren: Für ihn sind wir eine grausame, selbstgerechte Spezies, unkultivierte Jäger, die sich in ihrer inneren Unsicherheit von allem Fremden bedroht fühlen. Auf Neues reagieren wir mit Angst die schnell in Hass umschlägt. Uns zu jagen scheint trotzdem der falsche Weg zu sein, viel angebrachter wäre Mitleid und Verständnis. Genau wie wir Mitleid lernen müssen. Under the Skin ist ein perfektes Beispiel für Roger Eberts Aussage, Filme seien die größte Empathie-Maschine unter den Künsten. Man könnte es aber auch mit Franz Kafka sagen. Der Prager Autor verstand es wie kein Anderer, die eigene Fremdheit in der Welt zum Ausdruck zu bringen. Und wenn das Alien spät im Verlauf des Films unter einem umgestürzten Baum kauert, dann ist einer seiner Texte nicht fern:

Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Rezension: Under the Skin

  1. Wirklich eine außerordentliche Rezension die hier geschrieben wurde. Mir ging der Film wirklich „unter die Haut“ auch wenn ich einige Dinge wie hier schön beschrieben wurde garnicht so empatisch wahr genommen habe wie ich mit erschrecken feststellen musste. Erst nachdem ich hier diese Rezension gelesen habe sind mir einige Dinge im Bezug aufs echte Leben dann wieder aufgefallen.

    Leider wird uns Menschen über die Medien eine Scheinwelt präsentiert die uns als absolute Wahrheit verkauft wird. Dazu kommt noch die Scheinwelt außerhalb der Medien dazu die nicht jeder als solche erkennt. Selbst bei mir hat es lange gedauert bis ich den Schleier erkannt habe den ich vor mir her getragen habe.

    Will jetzt auch nicht zu sehr abdriften hier… ^^

    Danke für diesen tollen Artikel hier, regt nochmal zusätzlich zum nachdenken an.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s