Rezension: Mistaken for Strangers

Mistaken for StrangersDie Rock-Dokumentation hat eine Sonderstellung im Genre des Dokumentarfilms. Viel zu oft irgendwo zwischen Heliografie und Merchandise-Artikel angesiedelt, sind sie, in der Regel, nur für Fans der jeweiligen Band wirklich interessant. Nur Justin Biber-Anhänger werden sich einen Film wie Never Say Never ansehen, selbst Regisseuren wie Martin Scorsese fällt es schwer, sich aus dem engen Korsett von Konventionen zu lösen.  Die guten Filme des Genres gehen eigene Wege, sie erzählen in der Regel mehr als die Geschichte einer Band. End of the Century etwa erzählt nicht nur von den Ramones, sondern auch davon, was passiert, wenn Menschen mit gänzlich unterschiedlichen Weltanschauungen und künstlerischen Sensibilitäten aneinander gebunden werden. Sacha Gervasis Anvil handelt nicht nur von einer Metalband aus den Achtzigern, sondern auch davon was es heißt, Träume nicht loslassen zu können. Auch Mistaken for Strangers passt in diese Reihe.

Irgendwann sollte der Film sich einmal eine Mischung aus Konzertfilm und interessanten Backstageaufnahmen von der US-Indierockband The National werden. Stattdessen ist es ein Film über Brüder geworden. Über Neid und Eifersucht, über Erfolg und Scheitern.

Tom and Matt Berninger

Tom und Matt Berninger

Die Brüder um die es geht sind Matt und Tom Berninger. Matt ist der Frontmann von The National. Hochgewachsen, stets gut gekleidet und mit einer klaren,  klassisch anmutenden Baritonstimme verkörpert er den modernen Rockstar. Die Stereotypen vergangener Jahrzehnte greifen nicht mehr, Exzess und Rausch sind hipper Effizienz gewichen. Matt könnte auch für einen Verlag arbeiten, oder in einer Kunstgalerie. Tom ist ein ganzes Stück kleiner und deutlich  beleibter. Seine Garderobe setzt sich aus etwas schlabberigen Metalshirts zusammen. Er verkörpert den Anti-Rockstar, den Durchschnittstypen. Wenn sie nebeneinander stehen, erinnert das an das Poster für die Schwarzenegger/DeVito-Komödie Twins. Natürlich nur ein bisschen.

Matt war wohl immer der erfolgreichere der beiden Brüder. Sein Band hat tausende Fans, darunter Größen wie US-Präsident Barack Obama, die Alben finden reißenden Absatz und erreichen hohe Chartplatzierungen in aller Welt. Die Hallen der Tourneen sind in der Regel ausverkauft. Tom ist 9 Jahre jünger als sein Bruder, und wirkt im vergleich dazu etwas verloren. Zurückgelassen, in schwachen Momenten zurückgeblieben. Er will Künstler sein und hat schon immer gezeichnet, Comics und Gemälde. Vor allem aber will er Filme machen. Seine bisherigen Werke sind leicht trashige, billig produzierte Amateur-Horrorfilme. Bei ein paar Filmen wie Ang Lees Taking Woodstock hat er erste Erfahrungen gesammelt, etwa im Art Department. Matt ist verheiratet und hat eine Tochter, Tom lebt immer noch im Haus der gemeinsamen Eltern in Cincinnati. In einem Anflug von Mitleid, und in der Hoffnung, Zeit mit seinem Bruder verbringen zu können, lädt Matt diesen ein, mit ihm auf Tour zu gehen. Als Job, versteht sich. Nicht als einfacher Roadie, sondern als Assistent des Tourmanagers, eigentlich eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe. Dass Tom Kameras mitnimmt und filmt, dass sehen alle Anwesenden eher als kleine Spielerei an.

Der Titel von Mistaken for Stangers ist auch der Titel eines Song von The National. Er passt sowohl zu dem Film, als auch zu dem Lied, dass mit den folgenden Zeilen beginnt: You have to do it running, but you do everything that they ask you to/’Cause you don’t mind seeing yourself in a picture. Tom ist von seinen Verpflichtungen als Roadie sichtlich überfordert. Einmal wird er gefragt, ob die  Handtücher und Wasserflaschen für den Auftritt besorgt wurden. Tom nickt eifrig, sobald dann aber sein Gegenüber den Raum verlassen hat, rennt er hektisch los. Auf Tom verlassen kann sich hier niemand. Später im Film muss aufgrund seiner Fehler ausgerechnet Stargast Werner Herzog (der selber einen Film über die Band machen wollte, in der sie in einem aktiven Vulkan spielen) warten. Matt ist sichtlich ungehalten. Tom will lieber trinken und feiern als arbeiten, seine Vorstellungen vom Rockstarleben werden immer wieder mit der Realität des Tour-Alltags konfrontiert. Was seinen Bruder erfolgreich macht, und ihn nicht sind, das wird deutlich, eben auch Arbeitsethos und Disziplin. Nicht nur mit dem Manager verscherzt er es sich, zunehmend bringt er auch seine Kollegen, die Band und schließlich sogar seinen eigenen Bruder gegen sich auf. Am Ende wird Tom gefeuert, und alle, das Publikum und er selbst inklusive, verstehen warum. Ihm bleiben nur schlechte Erinnerungen und das gefilmte Rohmaterial, sowie der enttäuschte Rückzug nach Cincinnati.

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Und da kommt der Wendepunkt des Films. Irgendwann muss Tom Berninger vor dem Scherbenhaufen der vergangenen Monate gesessen haben und zu der Erkenntnis gekommen sein: So kaputt ist alles gar nicht. Er muss bemerkt haben, welche Faszination in der Dynamik der ungleichen Brüder steckt. Welche Brisanz selbst vereinzelte, auf den ersten Blick unzusammenhängende Szenen haben. Natürlich, für einen klassischen Konzertfilm ist alles missraten. Kaum kluge Zitate, keine lustigen Anekdoten und Partyszenen, die paar Aufnahmen von den eigentlich Auftritten sind nicht der Rede Wert. Da ist wenig Hochglanz, Rockstartum sieht anders aus. Aber auch aus Scherben kann man noch etwas Neues, etwas Gutes schaffen. Wie viele Regisseure sitzen im Schnittraum und sind unzufrieden mit ihrem Material? Tom macht sich an die Arbeit. Erst alleine, später mit der Hilfe von Matts Ehefrau  Carin Besser schneidet er den Film, den man jetzt bewundern kann.

Das Ergebnis ist ein erstaunliches Selbstportrait. Tom nimmt seine eigenen Schwächen und zeigt sie dem Publikum. Sie schwellen an, mehr und mehr zeigt der Regisseur uns sein eigenes Scheitern. Seine Inkompetenz crescendiert wie die Lieder seines Bruders, und trotzdem driftet der Film nie vollends ins Selbstmitleid ab. Vielmehr ist Mistaken for Strangers ein Stück cineastischer Selbsterkenntnis, irgendwo zwischen Outsiderkunst und Cinéma vérité. Was zunächst dilettantisch anmutet, ergibt schlussendlich ein stimmiges Gesamtbild. Wir bekommen zumindest den Eindruck, etwas sehr persönliches zu erleben. Wir blicken hinter eine Fassaden und wohnen der erstaunlichen Entwicklung des zwar fehlerbehafteten, aber im Grunde sehr sympathischen Protagonisten bei. Prägnant und von einer Note aus Tragik und Selbstzweifel untermalt ist Mistaken for Strangers ein Fanal für jeden Menschen im Schatten eines großen Vorbilds. Und Zeichen dafür, dass wir alle unsere vermeintliche Mediokrität bezwingen können. Tom und Matt sind zwei Seiten der selben Medaille. In manchen Momenten würde man nicht denken, dass sie Verwandt sind, man könnte sie für Fremde halt. Bis man merkt, wie ähnlich sie einander eigentlich sind.

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