Rezension: The Raid 2

Raid PosterThe Raid 2 ist in vielerlei Hinsicht das exakte Gegenteil seines Vorgängers – und das ist in fast jeder Hinsicht ein Problem. Gareth Evans letzter Film war klein in Umfang und Dimension, rau und vor allem äußerst fokussiert. Begrenzt auf einen einzigen Schauplatz und eine feste Riege von Figuren waren Rahmenhandlung und Drehbuch ein hinreichendes Mittel zum Zweck. Dieser Zweck bestand darin, die harten, exzellent choreographierten und gefilmten Martial-Arts Kämpfe zu bewundern. Diese wurden zwar auf Dauer etwas eintönig, aber über einer Laufzeit von unter 100 Minuten vermochte das Gewaltballet Herz und Hirn nicht nur zu berühren, sondern auch auf sämtliche Zimmerwände zu verteilen.

Der zweite Teil versucht nun, in langer, bedauerlicher Sequel-Tradition, neue Spielräume zu eröffnen und gemeinsam mit seinen physischen Limitierungen zu wachsen. Das Ergebnis ist verheerend: Statt schlank und agil wirkt The Raid 2 künstlich aufgebläht und überfrachtet. Der Film wird Opfer seiner eigenen Ambitionen.

Die zugegeben auch nicht idealen Videospiel- und Levelstrukturen von Redemption weichen einem ausgedehnten Narrativ um Gangstersyndikate im Konflikt, Korruption und Familiendynastien. Aus Stirb Langsam wird der Pate. Die zusätzliche Substanz, die diese ausladende Epik rechtfertigen würde, fehlt jedoch. Nach den Ereignissen des ersten Teils soll Polizist Rama, einziger Überlebender des namensgebenden Überfalls , Undercover eine Verbrecherorganisation unterwandern.

The Raid 2

Protagonist Rama (Iko Uwais) im Zweikampf.

Ramas Name ist treffend gewählt, hat die Figur doch etwa Charme und Charakter von Halbfettmagarine. Auch die anderen Darsteller nehmen Rollen an, die klischeehaft und uninteressant sind. Bösewichte erinnern hier an Bondschurken und chargieren, als gäbe es kein Morgen. Arifin Putra sieht aus wie Bruce Campbell, nur in Indonesisch und langweilig. Der Darsteller, der Gangster Bejo verkörpert, scheint besessen vom Geist von Sharlto Copleys Figur aus Spike Lees Oldboy-Remake. Ein Exorzismus täte Not.

Die permanente Frage, die sich während der endlosen Dialoge aufdrängt: Warum sehe ich gerade keinen Kampf? Keine Verfolgungsjagd? Warum bekomme ich belanglose, alberne Gespräche über Nichts und wieder Nichts gezeigt? Die Konversationen bleiben gänzlich frei von Konsequenzen. Sie sind weder interessant geschrieben, noch entwickeln sie so etwas wie eine dramaturgische Vorwärtsbewegung.  Die Handlung wirkt nervös und episodenhaft. Dafür, dass so wenig gesagt wird, reden die Figuren viel zu viel.

Diese gravierende Schwäche macht den deutlich überlangen Film zu einer Geduldsprobe. Gerade der lange Mittelteil verliert sich in Büroräumen und Karaokebars. Dialogwüsten, die das Gefühl geben zu verenden, wenn man sich nicht bald endlich wieder an Blut und Schweiß laben kann. Das ist umso ärgerlicher, als dass der Film, zumindest technisch, auf aller höchstem Niveau arbeitet.

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Denn Evans hat einen wirklich herausragenden Sinn für Raum und Bewegung, für Abstände und Verhältnisse. Die Kampfkünstler liefern atemberaubende Leistungen ab, die gerade in den Schlachten auch bemerkenswert gefilmt werden.  Selbst in Ruhe gibt es gelungene Einstellungen und Bilder erhabener Schönheit, aber erst im Fluss, im Spiel von Kraft und Gegenkraft tritt das visuelle Genie des in Indonesien lebenden Walisers zum Vorschein. Ob Kampfkunstduell, Verfolgungsjagd oder Schießerei, immer gibt es Dynamik und Charakterentwicklung, die Dialogen und Rahmenhandlung abgehen. Selbst die Filmpatronen zeigen mehr Wirkung als die vorherigen Worthülsen.

Die Szenerien und Kampfsequenzen sind abwechslungsreich gestaltet, die Kämpfer treffen in jeder nur denkbaren Zusammensetzung und Figurenkonstellation gegeneinander an: Massenschlägerein wechseln sich mit Duellen ab,  Faustkämpfe mit Feuergefechten, offene Konfrontationen mit Verfolgungsjagden. Die Schauplätze variieren deutlich stärker als noch in Redemption. Alles ist eine Waffe, alles wird auch als eine Waffe eingesetzt. Gerade ein spätes Gefecht, dass in einer Großküche spielt, erinnert in dieser Hinsicht an Jackie Chans Hochzeiten. Wobei die Dinge, die Protagonist Rama seinen Feinden mit bloßen Händen antuen kann, uns an der Notwendigkeit von Kampfgeräten durchaus in Frage stellen lassen.

Die Form des Films harmoniert in solchen Momenten grandios mit dem Inhalt: Die Kamera von Matt Flannery und Dimas Imam Subhono wird mal hektisch angerissen, mal verharrt sie statisch oder fährt seelenruhig durch intensive Scharmützel. Sie vollzieht die menschlichen Bewegungen perfekt nach und ist mal Subjektiv, mal Objektiv.  Die Kameraarbeit verleiht dadurch allem eine besondere Ausdrucksstärke. Die beiden Kinematographen greifen tief in die Trickkiste. Im fertigen Film wirken ihre Bemühungen trotz der viele Stilmittel und der Artifizialität mancher Neupositionierung nie aufdringlich oder selbstverliebt. Sie schaffen einprägsame Bild, manchmal sind fast zu schön. Ein kleiner Teil der brachialen Grobheit aus Teil 1 erwuchs auch aus den Budgetlimitierungen, die Evans und sein Team zu spartanischer Einrichtung und einfachen Sets zwangen.  Das Hochhaus im Vorgänger war grau und dreckig, so lenkte nichts von den elaborierten Kampfbewegungen ab. Diese Monotonie weicht bunten Clubs und Landschaften in flächigen Farben. Gerade einige Panoramaaufnahmen sind so eindrucksvoll und ansprechend, dass man sich fast ärgert, dass sie nicht in einem besseren Film untergebracht wurden.

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Gleiches gilt für den gelungenen Schnitt, Smash und Match Cuts sind oft schön anzusehen und verknüpfen äußerst disparate Orte, Zeiten und Handlungsstränge miteinander. Dabei bekommt man nur selten den Eindruck, bestimmte Schnörkel wären Selbstzweck.

Als Selbstzweck kann hingegen die groteske Gewalt angesehen werden. Die Tendenz zum Expliziten hatte schon der erste Filme, der sichtbare Mangel an Selbstbeherrschung hingegen ist neu. Die kindliche Freude, mit der Gliedmaße zerhackt und verbogen werden verleiht dem Film weder härte noch Realismus, im Gegenteil: Manchmal nehmen diese Effekte fast cartoonhafte Züge an, man könnte meinen einer Folge von Itchy und Scratchy beizuwohnen. Blut und Verletzungen können als Akzent für besonders wichtige und wuchtige Schläge dienen, als Schlussakord einer langen Symphonie aus Tritten und Schlägen. Dauerhaft eingesetzt verlieren sie jede Wirkung. Hier fehlt die Virtuosität.

Das ist leider auch das Fazit, dass man über den Film schließen kann. The Raid 2 ist konfus erzählt und inhaltlich belanglos, dafür aber eine technische Errungenschaft. Ein Film, der in seiner Qualität so heterogen ist, dass er sein Publikum schizophren macht. Die nahe liegende Empfehlung wäre, die epochalen  150 Minuten Film stark zu straffen und auf die stärken herunter zu brechen. Doch auch eine solche Version wäre sich unbefriedigend, denn irgendetwas fehlt im Herzen dieses Films. Der Schauplatz des Vorgängers war eine Metapher für diesen selbst: Solide gebaut, massiv, stabil. The Raid 2 ist der Sturm auf ein Kartenhaus.

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