Zum Tod von Gottfried John

George Simmel hat einmal geschrieben, dass das menschliche Gesicht „in seiner Form die Seele am deutlichsten ausdrückt“. Kaum ein Gesicht, dass je auf einer Kinoleinwand gezeigt wurde, war so markant wie das von Gottfried John. Noch markanter, noch faszinierender hingegen war der Mensch hinter diesem Gesicht. Am 1. September ist der deutsche Schauspieler, der bekannt wurde durch Rollen in Rainer Werner Fassbinder-Filmen und als James Bond-Gegenspieler, in Utting am Ammersee im Alter von 72 Jahren verstorben.

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Natürlich wäre es einfach, ein ganzes Leben auf seine „Schlägervisage“ (tatsächlich brach er seine Nase mehrfach bei Prügeleien in der Kindheit) zu reduzieren. Gottfried John sah besonders aus, Viele (ihn inbegriffen) nannten ihn sogar hässlich. Auch seine Jugend war keine einfach: Seinen Vater hat er nie kennengelernt, John wird 1942 in ein zunehmendem Krieg von Krieg und Chaos bestimmtes Deutschland hineingeboren. Seine Mutter verliert das Sorgerecht für ihn, bis zum fünfzehnten Lebensjahr zieht er von Heim zu Heim. Seine Karriere ist eine Geschichte des Aufstiegs, eine Underdog-Geschichte, die selber mehr als Kinoreif ist. „Mit Förderung war nicht viel, aber ich bin gefordert worden. Das ist, glaube ich, sehr wichtig. Wenn man gefordert wird, dann entwickelt man ganz andere Kräfte, andere Begabungen. Es finden sich andere Möglichkeiten.“, erzählt John in einem Interview.

Der junge Gottfried flieht aus den beengenden Zuständen des Kinderheims und setzt sich nach Frankreich ab, von 1957 bis 1960 lebt er mit seiner vom Schauspielern durch und durch begeisterten Mutter in Paris. Er spricht die Sprache nicht und arbeitet als Pflastermaler, alle drei Monate muss er aufgrund der Visums-Recht über die Grenze und neu Einreisen. Er muss aufpassen, nicht von der Polizei erfasst zu werden – zurück ins Heim will er nicht.

In der französischen Hauptstadt nimmt er Schauspielunterricht, zunächst ist der Einstieg in die Profession eher der Traum seiner Mutter als sein eigener: „Das ist nicht unbedingt mein Wunsch gewesen. Aber ich wollte einen anständigen Beruf lernen, und da fiel mir nichts anderes ein.“

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Doch er wird schnell warm mit der Schauspielerei, „vor allem weil mir manchmal der Gedanke, ein anderer zu sein, sehr erstrebenswert erschien.“ Es zieht ihn zurück nach Deutschland, sein Bühnendebüt gibt er am Schillertheater in Berlin. Er bewirbt sich beim renommierten Max-Reinhardt-Seminar, wird aber nicht genommen. Stillstand liegt ihm nicht: 1963 spielte er an der Landesbühne Hannover, 1965 in Krefeld, danach in Heidelberg. In Krefeld trifft er auch den Regisseur Hans Neuenfels, der ihm zu vielen seiner großen Rollen verhelfen wird. Er spielt Richard III. oder Peter Handkes Publikumsbeschimpfungen.

1971 erhascht John seine erste Fernsehrolle: In Jaider – der einsame Jäger, einem deutschen Western, spielt er dann auch gleich die Hauptrolle. Jaider ist ein bayrischer Wilddieb auf einem grausamen Rachefeldzug gegen die feudale Obrigkeit. Den zornigen Einzelgänger nimmt man John ab. Für Rollen als vom Leben gebeutelter Gegenläufer muss er weniger Spielen, als vielmehr einfach er selbst sein. In Carlos verbindet er Film- und Theaterkarriere, er spielt die Hauptfigur in der Western-Adaption von Schillers Don Karlos.

Der Film ist eine Produktion des Westdeutschen Rundfunk. Und genau für diesen entwickelt Rainer Werner Fassbinder gerade Acht Stunden sind kein Tag. Mit der Fernsehserie über das Leben einer Gruppe Werkzeugmacher will er einen proletarischen Gegenpol zu den eskapistischen „Heil-Welt-Serien“ der Zeit schaffen. Gottfried John sieht nicht nur aus wie ein Proletarier, er ist sogar einer.

Nicht alles läuft glatt, nach dem Film findet er erst einmal keine Arbeit und lebt von Sozialhilfe. Im Fokus wird er als „Star, der stempeln geht“ verunglimpft. Er leidet unter dem Zwiespalt: „Die Popularität danach hat mich fertiggemacht. Jeder auf der Straße dachte, ich sei der revolutionäre Arbeiter, der die Probleme anderer lösen kann. In der Kneipe gaben mir Leute Schnäpse aus und wollten meine Meinung zu Streiks wissen. Ich dachte, alle um mich herum sind verrückt.“

Seine Herkunft und Physis wird er über seine Gesamte Laufbahn als Darsteller nie ganz hinter sich lassen können. Der Film ist ein visuelles Medium und damit oft auch ein oberflächliches. In Hollywood wird er später vor allem als Schurke gecastet, doch in diese Phase des „Neuen Deutschen Films“ passt er perfekt. In eine Dekade, die von der Suche nach neuen Bildern und neuen Ideen bevölkert ist, passt sein gänzlich neues Gesicht perfekt.

In Fassbinders Welt am Draht spielt er die virtuelle Person Einstein, die versucht aus einer Computersimulation zu entkommen. Gemeinsam mit dem Regisseur folgen binnen acht Jahren fünf Filme und zwei TV-Serien, unter anderem Die Ehe der Maria BraunLili Marleen und die vierzehnteilige Umsetzung von Döblins Berlin Alexanderplatz, in welcher er den stark stotternden Oberganove Reinhold verkörpert.

Fassbinder und John verbindet eine langanhaltende Freundschaft, auch wenn der Darsteller nun eigene Wege geht. Wie viele von Fassbinders ehemaligen Darstellern weiter er auch weiterhin große Erfolge: Man sieht ihn im Fernsehen (Ein Fall für ZweiAllein gegen die Mafia), im Kino (Otto – Der FilmSchön war die Zeit , Der achte Tag) und auf der Theaterbühne.

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1995 gelingt ihm auch der internationale Durchbruch: In Golden Eye von Martin Campbell spielt er den bösartigen russischen General Arkady Grigorovich Ourumov, der mit dem titelgebende Waffensystem die Erde bedroht. Natürlich triumphiert am Ende sein Gegner, James Bond. John ist angetan: „Die Gegenspieler sind die spannenderen Rollen, weil sie Tiefen und Höhen haben. Sie kämpfen mit oder gegen etwas, auch in sich selber. Sie trauen sich mehr als jeder normale Mensch.“

Über 100 Filmrollen verzeichnen die Statistiken für Gottfried John, die Theaterrollen noch nicht mitgerechnet. Sein großes Idol und Jugendvorbild war James Dean, verglichen wurde er dann jedoch eher mit Schauspielern wie Jean-Paul Belmondo, der zu ähnlicher Zeit und mit ähnlich prägnantem Gesicht bekannt wurd. John bleibt bis ins hohe Alter als Darsteller aktiv, für den im August 2014 angelaufenen Fantasyfilm Saphierblau stand er das letzte Mal vor der Kamera.

Mit ihm verliert das Kino einen wundervollen Darsteller. Seine Figuren waren ruppige Außenseiter, Prolls, Ganoven und Wahnsinnige. In den Händen von Anderen wären sie oft einfach nur tumb und grob gewesen, doch seine Präsenz verlieh selbst dem bärbeißigsten Unhold eine erstaunliche Sanftheit. Er machte Schläger verletzlich, gab aber im Umkehrschluss auch schwachen Figuren eine Aura von Wehrsamkeit und zäher Robustheit. Man hat ihn verspottet, etwa als „Monstermannsbild“. Gottfried John hat mit seinem Leben und mit seinen Filmen und Bühnenstücken jedoch gezeigt, wie wundervoll, charmant, und liebenswert angebliche Monster sein können.

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