Rezension: Guardians of the Galaxy

Guardians-of-the-Galaxy-Poster-High-ResWas es so schwer macht über die zeitgenössische Comic-Verfilmung zu schreiben ist ihre Gleichförmigkeit. Marvel hat das Schablonen-Kino perfektioniert und produziert wie am Fließband effektgeladene Blockbuster, die mit genau der richtigen Menge an Action und gelegentlichen Humoreinlagen zunächst Test-Publikums und später die Multiplex-Massen unterhalten. Sowohl die Kritik als auch Teile der Zuschauerschaft reagieren mittlerweile auf diese Formelhaftigkeit mit Unwillen, und dieser Effekt wird in Zukunft, mit einer exponentiell wachsenden Anzahl von Marvel-Filmen sicher nicht schwächer. Und eines ist sicher: Das Studio ist gekommen um zu bleiben, Kalenderplätze sind bis 2020 gesichert, es steht viel Geld auf dem Spiel. Die größten Kolonialisten des Kinos haben die Zukunft erobert und müssen sich jetzt überlegen, wie sie die Einheimischen auf Dauer von der Rebellion (also dem Fernbleiben vom Ticketschalter) abhalten können.

So begibt sich Marvel also zunehmend auf die Suche nach wohlwollenden Statthaltern, die den Eroberten Cineasten die Illusion von (künstlerischer) Freiheit vermitteln sollen. Regisseure wie Shane Black oder Joss Whedon sollten dafür sorgen, dass sich das ewig Gleiche neu anfühlt. Jüngstes Mitglied in dieser Riege aus Lichtspielhaus-Präfekten ist Super – Shut up, Crime!- Und Slither-Regisseur James Gunn, Guardians of the Galaxy der neuste Vorstoß des Leinwand-Eroberungsfeldzugs.

Die Generäle, die der ehemalige Trash-Regisseur in die Schlacht schickt, fallen zumindest deutlich aus der klassischen Superheldennormierung. Alles beginnt auf der Erde mit Peter Quill. Der durchlebt einen der miesesten Tage, die man als Kind so haben kann: Erst stirbt seine Mutter und stellt sich als merkwürdiges Lichtwesen heraus, dann wird er auch noch von Weltraumpiraten entführt. Ärgerlich. Zwanzig Jahre später ist er selber kosmischer Kleinkrimineller geworden (verkörpert von einem nunmehr äußerst durchtrainiertem Chris Pratt). Sein letzter Anker in der Vergangenheit, sein Familientalisman, ist ein Walkman mit Popsongs aus den Achtzigern. Die Nostalgie des Nerd-Publikums findet  einen physischen Avatar.  Auf der Sache nach einem wertvollen Artefakt wird er, natürlich gegen seinen Willen, in einen die Galaxie umspannenden Konflikt hineingezogen. Neben seinen Auftraggebern ist nämlich auch der religiöse Fanatiker und etwas genozidal veranlagten Ronan (Lee Pace), der unter nicht näher genannten Umständen zu dem etwas albernen Titel „der Ankläger“ gekommen ist, hinter der mysteriösen Kugel her.

GuardiansOfTheGalaxy

Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände landen Quill und eine munter zusammengewürfelte Gruppe von Außenseiter im Gefängnis des Planeten Xandar. Da wären Rocket, eine dauerhaft verärgerte, sprechende Waschbärenkreatur und Groot (Vin Diesel), ein anthropomorphisierter, nur mit den drei Vokabeln „Ich bin Groot“ ausgestatteter Baum. Superkriegerin Gamora (Zoë Saldaña) ist grün und die Adoptivtochter des Oberschurken Thanos. Drax „der Zerstörer“ (Dave Batista) hat seine Familie an selbigen verloren und schwört Rache. Deutlich weniger als von Vergeltung und Mord versteht er von abstraktem Denkvermögen und Metaphern.

Ein wenig gilt das leider auch für James Gunns Drehbuch: Die ungleichen Gefährten wachsen im Laufe der Abenteuer immer mehr zu so etwas wie einer Familie zusammen. Sie alle sind geprägt von Verlust und Einsamkeit. Die Patchwork-Mentalität subtil im Subtext mitschwingen lassen wäre jedoch zu viel verlangt. Stattdessen gibt es immer wieder bedeutungsschwangere Monologe über dass, was man gelernt hat. Alles muss gesagt werden, was ein bisschen am Sinn des Mediums Kinos vorbeigeht.  Manchmal versucht sich der Film zwar daran, mit Genrekonventionen zu brechen und unterbricht romantisch oder pathetisch inszenierte Momente rüde. Leider ist man auch hier etwas zu plakativ, das Einzige was fehlt ist das Kratzen einer Schallplattennadel.

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Apropos Schallplatte: Über die Musik im Film gibt es einige zu sagen: Als einziger Blockbuster des Sommers verlässt sich Guardians of the Galaxy vollständig auf Lizenzmusik. Manch davon sind schon dutzende Male zu komödiantischen Zwecken eingesetzt worden (etwa Rupert Holmes Escape: The Pina Colada Song), andere hingegen wirken wirklich frisch und geben dem Film in einer Kinolandschaft voller Hans Zimmer- und John Williams-Bombast eine angenehm eigenständige Note. Vor allem die Credit-Sequenz zu Redbones Come and get your love hat etwas wundervoll kinetisches und könnte ebenso gut aus einem Film mit Gene Kelly stammen.

Bei der Geschichte fehlen die eigenen Akzente jedoch leider: Was rund um Ronan, Thanos, den „Collector“ (Benicio del Toro, laut eigenen Angaben als Weltraum-Liberace) und mächtige Artefakte erzählt wird ist ziemlich belanglos.  Für zwei Stunden Film wird bedeutend zu viel Hintergrundgeschichte erzählt und es müssen zu viele Namen gelernt werden. Wen genau Glenn Close da jetzt verkörpert hat oder warum wir gegen Ende plötzlich die Familie von John C. Reillys Figur zu sehen bekommen, ist eigentlich irrelevant.  Gegen Ende verliert sich der Film zunehmend in den deutlich zu großen Actionsequenzen. Welches Problem hat der moderne Comicfilm eigentlich mit Großstädten? Die Regelmäßigkeit, mit der Metropole bombardiert und Wolkenkratzer in ihre Einzelteile zerlegt werden, hat schon etwas Endemisches. Nicht nur konkurriert man visuell mit den Fernsehbildern des 11. Septembers 2001, die nicht nur in Amerika omnipräsent waren und somit dauerhaft in den Köpfen der Menschen eingebrannt sind; die Zerstörung, die mit jedem neuen Comicfilm-Klimax über die Durchschnittsbevölkerung hereinbricht, zeigt auch eine gewisse Verachtung für die vermeintlich tumbe Masse. Der moderne Blockbuster vernichtet Tausende, weil seine Figuren in der Regel nicht interessant genug sind, weil wir nicht genug investiert sind in Superman oder Spiderman, um ohne den drohenden Untergang der Welt mit ihnen mitzufiebern.

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Bei Guardians of the Galaxy ist die abstruse Megalomanie besonders irritierend, sind doch gerade die titelgebenden Wächter der Galaxie wirklich ausreichend sympathisch. Natürlich bleibt in dem etwas überfrachteten Zwei-Stunden-Film nicht viel Zeit für Nuancen und Charakterisierung, aber als Ensemble funktionieren sie wirklich ausgezeichnet. Die stärksten Momente sind immer die, wenn Gunn seine Figuren einfach aufeinanderprallen lässt. Im Kreis sitzend und diskutieren sind sie unterhaltsamer als in pompösen Weltraumgefechten. Groot und Drax sind gerade in der Schlichtheit ihrer Entwicklung grandios, Rocket ist herrlich anarchisch und Chris Pratts „Starlord“ hat in seinen starken Momenten den Charme eines Han Solos oder Indiana Jones. Lediglich Gomora bleibt, wie eigentlich alle Frauenfiguren in diesem Teil der Marvel-Galaxis, etwas blass und von geringer Konsequenz für Handlung und Umwelt.

Der Film leidet ein wenig unter zu großen Handlungsbrocken und der Notwendigkeit das Marveluniversum weiterzuführen. Der Zwang alles Einzuordnen und beispielsweise Zeit in Thanos Meteoriten-Hauptquartier zu verbringen, ist auch eher schädlich. Trotzdem ist Guardians of the Galaxy ist ein großer Spaß, der Hoffnung macht, dass auch das Marvel-Korsett nicht immer alle Luft abschnürt. Das Publikum wird erst einmal nicht aufbegehren, und bei einem so sympathischen Statthalter wie diesem ist das auch verständlich. Trotzdem dürften in Zukunft ruhig mehr Experimente gewagt werden als hier. Wer ganze Galaxien als Spielraum hat, der darf auch seiner Fantasie gerne in die unendlichen Weiten hinaus tragen lassen.

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