Rezension: The Rover

tt2345737_2_1402380186_756Die postapokalyptische Welt ist seit jeher das Versuchslabor der Menschlichkeit. Wie viel bleibt noch von Moral und Humanismus des zivilisierten Bürgers wenn die Zwänge von Recht und Gesetz verschwinden?  Doch David Michôds The Rover ist nicht an ethischen Fragen interessiert, nicht einmal an der Ethik selbst. Stattdessen wird das australische Outback hier zum neuen wilden Westen, in dem der Mann noch Mann ist, was vor allem bedeutet, dass er ohne Konsequenzen töten kann.

Basierend auf einer Geschichte von  Michôd und Joel Edgerton zeigt der Film ein Australien zehn Jahre nach dem ökonomischen Kollaps. Nach einem misslungen Raubzug lassen drei Verbrecher den geistig verwirrten Rey (Robert Pattinson) in einer Lache seines eigenen Bluts zurück. Sie fliehen in einem am Straßenrand geparkten Auto, nicht ahnend, dass sie das Eigentum des monosyllabischen Möchtegern-Cowboys Eric (Guy Pearce) stehlen. Gemeinsam mit Rey, dessen Bruder einer der Räuber ist und der daher bei der Auffindung behilflich sein soll, heftet er sich an ihre Fersen.

Das Szenario, dass der Regisseur hier erzählt wirkt wie ein eklatanter Anachronismus. Die stereotypischen Pferdediebe der Wild West-Geschichten haben ein Update erhalten, aber ansonsten bleibt alles beim Alten.  Wofür wir einen Western mit den Weltanschauungen der dreißiger und vierziger Jahre im Jahr 2014 noch brauchen, erschließt sich nur schwerlich. Als wäre die lange Phase der Reflexion, die das Genre seit den Zeiten von Gary Cooper (Tony Soprano: „the strong, silent type“) durchlebt hat mit einem Mal vergessen schafft der Film wieder Sehnsuchtsräume für jene, die sich immer schon von der Gesellschaft zurückgehalten gefühlt haben.

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Die problematische Art von Antiheld: Guy Pearce als Eric

Eric mordet fast beiläufig, oft ohne spürbare Regung. Bemüht düster und nihilistisch geht der Film wieder und wieder über Leichen. Doch die omnipräsente Gewalt wird nie in ihrer Sinnhaftigkeit hinterfragt, sondern ist Selbstzweck und reine Kulisse. Die Darstellung eines Problems ist nicht mit Kritik daran gleichzusetzen. Auch spätere Wendungen einbeziehend ist der Protagonist wenig mehr als eine neoliberale Machtfantasie, ein hobbescher Leviathan in Personalunion, dessen Kampf um sein Eigentumsrecht die Menschheit scheinbar eigenhändig aus dem Urzustand erlösen soll. Das Finanzsystem ist also zusammengebrochen?  Der Kapitalismus ist tot, es lebe der Kapitalismus!

Robert Pattinsons Darbietung steht in der langen Tradition von Figuren mit dissoziierter Intelligenz, auf deren Rücken sich Darsteller die Anerkennung des Publikums, ihrer Kollegen und der Preisjurys erarbeiten. Scott Jordan Harris hat in seinem Artikel Able-bodied actors and disability drag: Why disabled roles are only for disabled performers überzeugend dargelegt, warum auf lange Sicht ein Umdenken bezüglich der Vergabe von körperbehinderten Rollen an Nichtbehinderte stattfinden muss. Rey ist eine von mehreren Figuren in diesem Jahr, die klar machen, dass ein solches Umdenken auch bei Einschränkungen geistiger Natur stattfinden muss. (Ein weiteres Beispiel wäre Benedict Cumberbatches „Little Charles“ aus Im August in Osage Country)

Robert Pattinson ist auf keinen Fall ein schlechter Schauspieler, den jungen Briten auf seine Twilight-Vergangenheit zu reduzieren wäre unfair. Das David Cronenberg die spiegelnde Oberfläche des Ex-Vampirs in Maps to the Stars jetzt schon zum zweiten Male auf kluge Weise zweckentfremdet zeigt, dass er mehr sein kann als ein schönes Gesicht. Doch in einem Film, dessen Schauspiel fast durchgängig auf Naturalismus abzielt, ist Pattinsons Performance einfach zu oft als eine solche zu erkennen. Jedes Stottern und jede unfreiwillige Pause wirkt kalkuliert, ist zu sehr Schauspiel und zu wenig Teil der Filmwelt. Man könnte argumentieren, dass genau das der Plan war, dass dadurch Reys Andersartigkeit verstärkt und hervorgehoben wird. Doch das würde voraussetzen, dass das Drehbuch und Eric überhaupt an ihm interessiert wären. Dem ist ganz offensichtlich nicht so, denn obwohl  beide durch die bedächtige Erzählgeschwindigkeit nichts als Zeit zur Verfügung haben findet einfach keine Annäherung statt. Die beiden Protagonisten kommen einander nicht näher, in dieser Welt gibt es keine Verständigung. Am Ende des Roadtrips stehen dieselben Menschen wie an seinem Anfang, Worte sind wieder als leeres Instrument der Schwachen identifiziert.

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Robert Pattinson als Rey

Nur selten bricht der Film aus seiner starren Vorwärtsbewegung in Richtung des Abgrunds aus. In der originellsten Szene des Films sehen wir Pattinson erst vorsichtig, dann zunehmend leidenschaftlicher zu Keri Hilsons Pretty Girl Rock mitsingen. Plötzlich wird das kahle Outback mit Popmusik geflutet, die in ihrer fröhlichen Schlichtheit die ansonsten erdrückende Schwere verdrängt, die sonst über allem zu liegen scheint.  Schon mit seinem (deutlich gelungeneren) Krimi-Drama Animal Kingdom unterlag David Michôd dem im Gegenwartskino weit verbreiteten Irrtum, düsterer Ingrimm alleine wäre mit Tiefgang gleichzusetzen. Filme wie Scott Coopers miserable Deer Hunter-Homage Out of the Furnace zeigen, dass dem nicht so ist.

Das gleiche wie für nihilistische Schwere gilt auch für Langsamkeit. Vielen fantastischen Filmen in diesem Jahr wurde vorgeworfen, sie wären langweilig, von Under the Skin bis hin zu Only Lovers Left Alive. Bei The Rover passt diese Zuschreibung wie die Faust aufs Auge. Langsamkeit kann ein wirksames Gegengift zur Hyperaktivität des modernen Blockbuster sein, doch hier dümpeln Form und Geschichte vor sich hin. Die Szenen mit Gewalt sind trotz der Inszenierung, die krampfhaft das Gegenteil behauptet, überhaupt nicht aufregend. Wenn Menschen Mord und Totschlag ohnehin als Alltagsgeschäft wahrnehmen gibt es keinen Grund für den Zuschauer, nicht genau so zu empfinden. Gleichförmigkeit schadet im Kino eigentlich immer, Wüstenszenerien und leicht verdreckte Figuren wirken wie per Copy-Paste Verfahren aneinandergereiht. Eine Welt aus dem Baukasten für Misanthropen.

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Wirklich verändert hat sich das australische Outback durch den Untergang der Zivilisation nicht.

Es ist enttäuschend, wie der Film seine Zukunftsvision handhabt. In Science Fiction arbeitet man mit dem Kommenden, um etwas über die Gegenwart zu erzählen. Doch hier ist alles vage und leer, nicht bewusst offen gehalten, sondern einfach nur wenig durchdacht. Öl ist teuer, nun gut. Jeder Einzelne ist auf sich selbst zurückgeworfen, aha.  Mehr kommt da nicht.

In seinen letzten Momenten entpuppt sich das Ganze dann als aufgeblähter Kurzfilm. Der Eindruck, dass dem Regisseur Menschen wenig bedeuten wird angesichts des Endes nur noch verstärkt. Auch solide Darsteller und einige kluge Einstellungen können den Film nicht davor bewahren ein sehr freudloses Machwerk mit einem erheblichen Mangel an Empathie zu sein. Man könnte David Michôd ja fragen was das alles soll, aber nach The Rover scheint das Risiko, dass er statt eine Antwort zu geben alle Umstehenden erschießt einfach zu hoch.   

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