Rezension: Frank

frank-poster-usMehr noch als die Kunst lieben wir ihren Mythos. Kein großes Werk der Kunst-, Film-, Musik- oder Literaturgeschichte scheint ohne eine leidensvolle Genesis auszukommen. Aus diesem Grund werden Biographien geschrieben, deshalb gibt es Making-Ofs. Wer über Walden von Henry David Thoreau spricht, der denkt selten nur an die tatsächliche Prosa, sondern eher an die mit dem Schaffensprozess verbundene Weltflucht, an Thoreaus Rückzug von Menschen und Zivilisation. Das Mär von  der geheimnisvollen Waldhütte, Symbol für einen gänzlich auf sich zurückgeworfenen Kreativen, gibt es auch 170 Jahre später noch. Kein Artikel über einen Musiker wie Justin Vernon (Bon Iver) kommt ohne sie aus.

Frank von Lenny Abrahamson nimmt sich diesem Phänomen an. Der Mythos bekommt physische Gestalt in einem großen Plastikkopf, den Michael Fassbender als der titelgebender Sänger der schwer auszusprechenden Band „Soronprfbs“ trägt. In seine verquere Welt wird der Zuschauer durch die Figuren John geleitet. Dieser wird gespielt von Domhnall Gleeson, der in seiner faden Harmlosigkeit als Publikums-Avatar fast schon anmaßend ist. Er führt ein langweiliges Durchschnittsleben, träumt aber von einer Karriere als Musiker. Er fühlt sich zum Star berufen, auch wenn er statt Liedern vor allem Twitter-Nachrichten verfasst. Wie prosaisch seine Kunst ist bekommen wir in der ersten Szene gezeigt, wenn John durch die Straßen seiner Stadt läuft und was er sieht ohne jede Abwandlung in Textzeilen kleidet. Auf seinem Keyboard spielt er einfachste Akkordfolgen, gerade aufregend genug für den örtlichen Supermarkt.

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Eines Tages verfolgt er einen Tumult am Strand nah seines Hauses: Ein Mann versucht sich zu ertränken.  Er ist Keyboarder einer Band, als dessen Manager sich Don (Scott McNairy) vorstellt. John erklärt sich spontan bereit, für den nächsten Gig als Vertretung einzuspringen. Noch weiß er nicht, worauf er sich einlässt.

Um 9 Uhr am selben Abend trudelt er in einem örtlichen Club ein und trifft die Band: Clara (Maggie Gyllenhaal) spielt Theremin und ihre Mitmenschen gegeneinander aus.  Nana (Carla Azar) sitzt hinterm  Schlagzeug,  Baraque (François Civil) ist Franzose und Bassist, ansonsten aber bestimmt ganz nett. Und dann ist da am Mikrofon eben Frank. Der große, schweigsame, enigmatische Frank.

Der Auftritt geht vorüber, stürzt in sich zusammen, John kehrt in sein langweiliges Leben zurück. Doch einige Tage später erhält er, aus heiterem Himmel, einen Anruf: Er soll mit der Band ein Album aufnehmen – in einer abgelegenen Hütte in Irland. Da ist sie wieder, die Weltflucht, wie immer zu verheißungsvoll um sich ihr zu entziehen.

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John lässt alles zurück und opfert sogar sein erspartes für diese wohl einmalige Chance. Es folgen allerlei Eskapaden, Frank verleitet sein Bandmitglieder zu absurden Ritualen. In der Isolation prallen Egos aufeinander, doch die Aufnahmen kommen nur schleppend voran. John zeichnet derweil alles für das Internet auf, twittert und lädt Videos auf YouTube hoch. Eine große Karriere und Festival-Auftritte scheinen nur noch winziges Stück entfernt. Doch je näher John seinen Träumen kommt, desto mehr scheint Frank zu Grunde zu gehen. Etwas scheint mit ihm nicht zu stimmen…

Die Premiere der Drama-Komödie fand  beim Filmfestvial  Sundance statt. Diesen Ursprung merkt man dem Film an. Schon seit seiner Gründung steht  das Filmfest, das  jährlich in Park City und Salt Lake City stattfindet für ein vage alternatives Kino, das zwar abseits des Mainstreams liegt, aber einen in ähnlicher Weise berechnendem Blick auf sein Publikum besitzt. Der orientierungslose, weiße Mittzwanziger ist der Sprüche klopfende Muskelprotz des Indie-Kinos. An die Stelle von Pop- und R’n’B-Musik treten hier eben Gitarren- und Elektroklänge.

Die sind hier größtenteils  gelungen: Fans von Indiepop und –rock kommen durchaus auf ihre Kosten, die von den Darstellern live eingespielten Stücke sind durchaus interessant arrangiert, die lärmigen Crescendos und Improvisationsparts führen die Faszination um den maskentragenden Bandleader niemals ad absurdum. Irgendwo zwischen Pitchfork, Zugänglichkeit und Postrock. Zum Glück behauptet der Regisseur nie eine verehrenswerte Brillanz – ob Frank wirklich das Genie ist, für welches ihn viele halten, dass überlässt der Film der Bewertung des Zuschauers. Man erinnere sich an Jim Jarmuschs  Only Lovers Left Alive, der zwar insgesamt sehr gelungen war, aber den etwas träge Gitarrensound von Jarmuschs Band  als das Werk eines zeitlosen Genies verkaufen wollte.

Wie viele Filme seiner Machart leidet Frank darunter, sich zu sehr dem Zeitgeist und der echten Welt unterzuordnen. Oft sind mehr Details und konkrete Marken und Namen, die aus der Realität  auf die Leinwand schwappen nicht förderlich für mehr Realismus, sondern zerren uns mental in die vom Kino abgekoppelte Sphäre der Werbung. Ein Film, in dem Twitter, YouTube und das SXSW-Festival (die Musikfestival-Entsprechung von Sundance) nicht nur benannt werden, sondern auch von zentraler Bedeutung für die Handlung sind,  wirkt immer auf parasitäre Weise zeitgenössisch. Und das der Ruhm in sozialen Netzwerken und unser schnelllebigen Welt vergänglich ist, darauf wären die meisten wohl auch so gekommen.

Das wäre nicht weiter schlimm, wäre Frank nicht auch in seiner zentralen Aussage recht simplistisch, manchmal sogar fast didaktisch: All die Legenden und Mythen, die sich um Pop- und Hochkultur ranken, sind hier lediglich ein Ablenkungsmanöver. Künstler wie Publikum  verlieren  wegen dieser Nebelkerzen gleichermaßen den Blick auf das Wesentliche.

Tanz! Tanz! Tanz!

Hinter all den Fassaden, den Gimmicks und Masken (und eben auch den falschen Köpfen) verortet der Film immer eine zutiefst  bürgerliche Existenz. Das Ringen jedes vermeintlichen Visionärs mit seinen inneren Dämonen ist für Abrahamson  wenig mehr als Simulation. Manchmal nehmen sie sogar eine psychologische Dimension an, welche die Schaffenskraft eher hemmt. Hilfe suchen und sich die eigene Schwäche eingestehen ist niemals der falsche Weg. (Was der starke letzte Akt des Films überzeugend auserzählt.)

Das ist alles richtig und auch durchaus eine wichtige, wertvolle Botschaft, doch es wäre schön wenn diese Inhalte versierter verpackt worden wären. Trotz den zu erwartenden Demaskierungen entsteht nie das Gefühl, wirklich in den Kopf einer der Figuren eingedrungen zu sein. Etwas mehr Ambitionen und ein Blick für das große Ganze hätten dem Film gut zu Gesicht gestanden. Die Darsteller erfreuen – Fassbender ist wohl allein körperlich nicht in der Lage zu einer schlechten Leistung und Maggie Gyllenhaal beweist ein weiteres Mal, dass sie mit Abstand die talentierteste in ihrer Familie ist. Der restliche Cast bleibt blass, Gleeson wird selbst von seinem eigenen Bart an Charisma übertroffen.

So bleibt Frank ein feines, kleines Musikdrama, der im besten Fall das innere und äußere Exil als Quelle der Inspiration entzaubert. Im schlechtesten Fall laufen bald hunderte von Möchtegern-Franks mit falschen Köpfen durch die Welt.

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