Rezension: Am Sonntag bist du tot

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Ein Film mit Moral kann etwas sehr erfreuliches sein. Der moderne Mensch ist natürlich viel zu aufgeklärt, gebildet und intelligent, um noch an irgendetwas zu glauben. Niemand wünscht sich den religiösen Pathos eines Cecil B. DeMille zurück – doch das Kino eines Robert Bresson “nicht schöne Bilder, sondern notwendige”, das fehlt. In Hollywoods Prestigekino dürfen wir noch unter Tränen Weisheiten und Tugenden erfahren, aber die sind im Nichts verhaftet; scheinheilige Lippenbekenntnisse und nostalgische Verbrämung.

Wer wirklich für etwas steht ist oft sehr einsam, ein Extremist und eine Witzfigur. So sieht es der irischstämmige Regisseur John Michael McDonagh. Das gilt für Sergeant Gerry Boyle aus seiner schwarzen Komödie The Guard, der nahezu im Alleingang gegen Drogendealer kämpft, die sämtliche Kollegen bestochen haben. Oder eben Priester James Lavelle aus seinem neusten Film Am Sonntag bist du tot.

Auch wenn der deutsche Verleihtitel den Film wie einen drittklassigen Thriller wirken lässt, handelt es sich um ein originelles, schwarzhumoriges Drama. Der Originaltitel Calvary ist deutlich treffender. Denn als Kalvarienberg ist der unbekannte Hügel nahe dem antiken Jerusalem bekannt, auf dem laut Neuem Testament Jesus von Nazaret gekreuzigt wurde. Und so ist der Film dann auch eine ganz eigene Interpretation der Passionsgeschichte: Während der sonntäglichen Beichte berichtet eins von Lavelles Schäfchen von der Vergewaltigung durch einen Priester in seiner Kindheit. “Als ich sieben Jahre alt war habe ich zum ersten Mal Samen geschmeckt. Hast du nichts dazu zu sagen?”, beginnt das Opfer. “Das ist eindeutig eine mehr als schockierende Eröffnung.”, kommentiert der Priester sichtlich getroffen. Nur schwach beleuchtet in einer Welt voller Schatten zeigt bereits diese erste Szene, wie der Priester (gespielt von Schauspielveteran Brendan Gleeson) sein Dasein fristet. Das für den Zuschauer unbekannte Gemeindemitglied kündigt an, ihn am nächsten Sonntag zu töten. Nicht das James ein schlecht Mensch wäre, im Gegenteil: Gerade dadurch, dass er so eine makelloser Vertreter des christlichen Glaubens ist, würde sein Tod als starkes Symbol dienen. Als unfreiwilliger Märtyrer ist er in seiner Religion zumindest in guter Gesellschaft.

Und so beginnt die letzte Woche im Leben des Priesters und stellt seinen Glauben noch einmal auf eine harte Probe. Zuerst besucht ihn seine Tochter Fiona, die gerade einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Er wird konfrontiert mit einem Fall häuslicher Gewalt, von einem einsamen, dekadenten Millionär verspottet. Ein Mörder soll seine Sünden beichten, bereut jedoch nichts. Schräge, durch und durch verdorbene Figuren wohin man auch sieht. Wie bei einem guten Krimi wird der Mörder erst am Ende bekannt. Aus dem klassischen Whodunit wird ein “Who`ll do it?”. Das Motiv ist ja bereits bekannt und wohlgesonnen ist Lavell ohnehin keiner. Später wird sogar die Dorfkirche niedergebrannt. Niemand schreitet ein.

Im Schatten

Im Zentrum des Films steht Gleesons als moralischer Fels in nihilistischer Brandung. Mit Wärme und Menschlichkeit ist er Symbol für eine Kirche die wir uns alle wünschen, an die wir aber schon lange nicht mehr glauben, die es wahrscheinlich nie gab und nie geben wird. Die Stärke seines Spiels liegt gerade in seiner Ruhe. Szenen überlässt er anderen Darstellern, spricht und bewegt sich wenig, nur um durch seine Stetigkeit dann doch immer die schwerwiegendste Präsenz im Raum zu werden. Die elegischen Bilder von Kamermann Larry Smith spiegeln seine Schwermut, Melancholie scheinen bei der Trostlosigkeit fast schon Geodeterminismus. Die Landschaftsaufnahmen des ruralen Irlands sind zwar wunderschön anzusehen, als Postkartenmotive sind sie jedoch kaum geeignet: Ihn haftet etwas Jenseitiges an, aber nichts Paradiesisches. Gott lebt hier nicht mehr. Der Traum von einem Himmel auf Erden scheint fern wie nie.

Jeder weiß um die Verbrechen der Kirche. Kreuzzüge, Inquisition und die schrecken des Mittelalters, der dreißigjährige Krieg, Aids in Afrika und die Opfer misslungener Abreibungen in illegalen Kliniken in Irland oder Polen. Die Aufklärung und ihre missratenen Stiefkinder wie Richard Dawkins und seine „Brights“ haben den Westen vom Gotteswahn endgültig erlöst. Das Problem ist: Neue moralische Instanzen fehlen. Sicher, wer im Wohlstand lebt und selten in seiner Existenz bedroht ist, der kommt ohne Probleme mit einem vage Humanismus durch den Alltag. Sicher wäre es schön, wenn die Welt so säkularisiert und frei von Irrationalität wäre, wie wir es uns wünschen. Doch die Bedeutung des Glaubens zeigt sich vor allem da, wo Mangel herrscht – da, wo Moralfragen nicht abstrakte, sondern unmittelbare Konsequenzen haben. Der Existenzialismus war für viele ja auch nur ein schwarzer Rollkragenpullover.

Glaubensgemeinschaften ködern immer die Schwächsten und Schutzlosesten einer Gesellschaft – aber die sind schließlich auf der Suche. Auch das Kino sollte im Idealfall ein Ort der Suche sein. Wir denken, von Filmen nichts lernen zu können, viele wollen im Lichtspielhaus nichts Neues Erfahren. Wir sind ja schließlich keine Kinder mehr , sondern der autarke Übermensch, den uns die Leistungsgesellschaft als ideale Identität verkauft. Kunst ist für uns Zerstreuung, niemals aber ein Ort der neuen Erfahrung. Lernen können wir aus Sachbüchern. Am Sonntag bist du tot hilft, innere Überzeugungen und Moral nicht mehr als Schwäche zu verstehen. Nicht alles was uns nahegeht ist gleich Ideologie oder Dogma. Schon die Punkband But Alive… sang “Peinlich, wenn man sagt, wofür man ist / Weil ihr es alle selber wisst.” Wer für etwas steht macht sich angreifbar. Jede Bewegung ist diskreditiert, zumindest auf dem Papier. Doch wenn jemand Gutes tut, warum seine Motivation hinterfragen? Wem Glaube hilft, mit der Verzweiflung, dem Leiden und der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz umzugehen, der hat unsere Verachtung nicht verdient, sondern unsere Hilfe.

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Bei all dieser vehementen Opposition zum zynischen Zeitgeist ist Am Sonntag bist du tot jedoch nie schwermütig oder verbissen, sondern wird immer von seinem Witz und den beschwingten Dialogen getragen. Alle Fraktionen werden so fair behandelt, wie sie es verdienen. Und auf jeden guten Priester kommt ein gutes Dutzend schreckliche.

Als problematisch könnte angesehen werden, wie wenig Aufmerksamkeit der Film dem Missbrauchsopfer widmet. Der Blick in seine Psyche bleibt ein knapper, der Mensch hinter der Problematik verblasst. Menschliches Leiden als Instrument ist kritikwürdig, auch wenn es natürlich um etwas gänzliches anders geht und jedes andere Phänomen mit ähnlicher Symbolkraft in gleicher Weise gewirkt hätte

Am Sonntag bist du tot zeigt, wie religiöses Kino der Gegenwart aussehen kann. Klug, nachdenklich, reflektiert, niemals didaktisch und mit einer eindeutig-uneindeutigen Moral. Einfach und klar. Vielleicht nicht immer schön, aber ganz sicher notwendig.

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