Rezension: Die Boxtrolls

Die-BoxTrolls-DE-PosterTrolleletarier aller Länder, vereinigt euch! Ihr habt nichts zu verlieren außer euren Boxen.“ Der Klassenkampf ist zurück im Kino. Zuletzt bei Snowpiercer noch ungewohnt in die Horizontale verlegt geht es bei Graham Annable und Anthony Stacchis Die Boxtrolls wieder um klassische Hierarchien. Oben leben die Bewohner der viktorianischen Stadt Cheesebridge. Unten die Boxtrolls, eigentlich harmlose Tüftler und Bastler, die sich in den Geschichten der Dorfbewohner in blutrünstige und (was viel schlimmer ist) Käse stehlende Monster verwandeln. Das liegt vor allem an dem finsteren Archibald Snatcher, der unter den Menschen die Legende vom „Trubshaw Baby“ verbreitet: Die Kreaturen sollen vor Jahren ein Kind entführt und verschlungen haben.

Die Wahrheit sieht anders aus: Der Junge, der mittlerweile den Namen Eggs trägt wurde von den Trollen im Untergrund großgezogen – mit allem, was zu diesem Leben dazugehört. Die in für Menschen unverständlichem Geknurre und Gegrummel kommunizierenden Boxträger ernähren sich von Würmern und verbringen den größten Teil ihrer Zeit damit, unauffällig defekte Technik der Oberweltler zu reparieren. Aus dem dabei abfallenden Elektroschrott bauen sie neue Maschinen. Wie die moderne dritte Welt leben sie im Müll der Überfluss- und Dienstleistungsgesellschaft. Zur einen Hälfte sind sie wie die menschlichen Destruenten, die sich mit dem ausschlachten von Konsumelektronik ihre Existenz sichern, zur anderen die Unterschicht des Westens, die nur noch durch Konsum partizipieren kann. Und so werden Produkte auch zum identitätsstiftenden Wesensmerkmal: Jeder Troll trägt den Namen der Box, in der er lebt. So kommen ulkige Namen wie Shoe, Fish, Eggs oder Fragile zustande.

Eggs verlebt eine glückliche Kindheit in der eingeschworenen Kommune, doch zunehmend sehen sie sich in ihrer Existenz bedroht. Archibald Snatcher hat sich in den Kopf gesetzt, Teil von Cheesebridges High Soceity zu werden. Er träumt von einem weißen Hut, Statussymbol der Oberschicht. Und vom Zugang zum Verkostungsraum, in dem die einflussreichsten Bürger der Stadt ungehemmt köstlichsten Käse konsumieren. Das Snatcher auf selbigen eigentlich allergisch reagiert, ist ihm gleichgültig: Reichtum und Macht sind wie so oft reiner Selbstzweck. Um seine Ziele zu erreichen verspricht er Bürgermeister Lord Portley-Rind alle Boxtrolls zu beseitigen.

Und so werden die armen Geschöpfe nach und nach eingefangen. Vom Wesen her friedlich, ein wenig zu naiv und ohne jeden Instinkt zu Flucht oder Widerstand haben sie kein probates Mittel gegen Snatchers Schickanen. Als dann auch noch Fish entführt wird reicht es Eggs: Er beschließt sich an die Oberfläche zu begeben. Bald schon muss er seine Identität als Boxtroll kritisch hinterfragen.

Schon aus diesem kurzen Überblick über Figuren, Themen und Handlung sollte klar werden, dass Die Boxtrolls nicht mit den klassischen Kategorien wie „Kinderfilm“ oder „Familienunterhaltung“ erfasst werden kann. Die waren für das Werk der Animationsschmiede Laika aus aus Oregon, die nach Coraline und ParaNorman ihren nunmehr dritten (eigenen) Film inszenieren, ohnehin immer schon zu beengt. Der cineastische Puppenspieler-Trupp rund um Travis Knight ist ihren Trollen nicht unähnlich: Fanatische Tüftler und Bastler, von der Außenwelt im besten Fall belächelt, im schlimmsten Fall angefeindet. Ihre Welten waren immer schon ein wenig komplexer als die von Disneys Märchengeschichten.

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Wie schon Laikas erster eigenener Spielfilm Coraline aus dem Jahr 2009 basiert auch Die Boxtrolls auf einer Buchvorlage, in diesem Fall Alan Snows Here Be Monsters! (dt. Titel: Die Monster von Rattingen: Arthur und die Käsediebe). Der Titel ist angelehnt an den Kommentar „hic sunt dracones“, mit dem früher oft auf Landkarten noch unerforschter Gebiete versehen wurden. Damit ist die Metapher eine ähnliche wie die von DreamWorks (ebenfalls buchbasierten) Drachenzähmen leicht gemacht-Reihe – Zuschreibung und äußerliche Form der von der Gesellschaft zu Monstern erklärten wird eins. Nur das Laika deutlich spezifischer wird in der Frage nach dem Anderen: Ihnen geht es eindeutig um Klassenunterschiede. Cheesbridge ist voller Statussymbole, weiß Hüte für die Herrscher, rote für die Kammerjäger rund um Snatcher.

So ist die Obsession der Städter mit Käse schnell Identifiziert als kindgerechte Chiffre für die Gier nach Reichtum und Wohlstand – so viel zu der Behauptung, Geld würde nicht stinken. In einer Sitzung um Rathaus geht es um ein neues Krankenhaus – statt dessen wird ein gewaltiges Käserad angeschafft.

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Doch bei dieser im Kern antikapitalistischen Botschaft bleibt der Film nicht stehen – mit thematischer Vielfalt wusste Laika schon immer zu überzeugen. So haben selbst Snatchers Handlager ihre ganz eigene Charakterentwicklung: Mit jeder neuen Schandtat ihres Vorgesetzten stellen sie das fragile Konstrukt von Gott und Böse, in dem sie leben mehr und mehr in Frage. Wie schon im Mitchell und Web-Sketch „Are we the baddies?“ klar wird, kann Selbstreflexion unter den Bösen sehr unterhaltsam sein. Das solche Figuren aktuell Hochkonjuktur haben ist im Zeitalter der Whistleblower eigentlich kein Wunder.

Auch alle anderen Figuren sind wundervoll schräg, selbst die unbedeutendste Nebencharaktere drücken in Design und Bewegung Lebensgeschichten aus. Das liegt natürlich vor allem am einzigartigen Stop-Motion-Stil des Studios. Bei den Boxtrolls ist dieser noch einmal ausgefeilter und spektakulärer anzusehen als bei den Vorgängern. Nach dem Motto „Zurück in die Zukunf““ treiben sie immer weiter voran, was längst als veraltet gilt. Fließendes Wasser oder viktorianische Dampfmaschinen hat noch keiner durch den Stoptrick in Bewegung versetzt.

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Die Form des Films ist allgemein erstaunlich, Beleuchtung und Kameraarbeit lassen alles sehr plastisch erscheinen. Die Musik ist wenig originell, aber immer passend eingesetzt. Eines der Lieder im Film stammt von Eric Idle, und die Verbindung zu Monthy Python ist eigentlich eine naheliegende. Im Humor und dem anarchischen Charakter von Laika ist viel von der DNA der britischen Komiker zu spüren. „The Boxtrolls Song“ zumindest wird stilecht von einem Mann in Frauenkleidern vorgetragen. Und der „Chees Shop“ lässt ja ohnehin grüßen.

The Boxtrolls ist ein weiterer Eintrag in der langen Liste vermeintlicher Kinderfilme, die klar machen, dass es solcher Kategorien eigentlich nicht wirklich bedarf. Die Ära Pixar scheint zu Enden und von der Ära Laika abgelöst zu werden. Das Publikum hat nichts zu verlieren außer Fortsetzungen und Ideenarmut.

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