Rezension: Zwei Tage, eine Nacht

Zwei-Tage-eine-Nacht-DE-PosterReicher Mann und armer Mann/ standen da und sah’n sich an,
und der Arme sagte bleich:/ „Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.“
Kurt Tucholsky

Doch was, wenn sich zwei Arme begegnen? Wenn sich Menschen gegenüberstehen, die jeweils auf ihre eigene Art zu kämpfen haben und beide ähnlich nahe am Abgrund stehen? Welche Opfer können sie vom anderen für sich selbst fordern? Eine solche Situation schildert Zwei Tage, eine Nacht von den Dardenne-Brüdern. Und zeigen dabei eine Welt voller Menschen, die in den permanenten Kampf untereinander und vor allem gegen sich selbst gedrängt wurden.

Einer dieser Menschen ist Sandra (Marion Cotillard). Die junge Frau hat gerade ihren Job bei einer Firma für Solarmodule verloren. Ihre perfiden Vorgesetzten haben die anderen Mitarbeiter vor eine Entscheidung gestellt: Entweder Sandra verlässt den Betrieb oder keiner bekommt den Jahresbonus von tausend Euro. Geld oder Solidarität? Nachdem sie aufgrund schwerer Depressionen längere Zeit krankgeschrieben war, steht ihre Leistungsfähigkeit ohnehin in Frage. Doch Sandra braucht die Arbeitsstelle und will sich nicht so einfach geschlagen geben: Gemeinsam mit einer Kollegin kann sie Neuwahlen erzwingen, weil Vorarbeite Jean-Marc (Olivier Gourmet) einigen Mitarbeitern Angst gemacht hat. Nun hat sie Zwei Tage und eine Nacht um eine Mehrheit der sechzehn Arbeiter für sich zu gewinnen.

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Doch die haben eigene Probleme und alle mehr oder weniger überzeugende Argumente, warum sie ohne den Bonus nicht auskommen. Die einen müssen schon ihre Bodenfliesen verkaufen, um über die Runden zu kommen; andere wollen ihr Haus abbezahlen oder einfach ihre Wohnung neu einrichten. „Wir müssen alles neu kaufen“, meint eine Kollegin und scheint davon wirklich überzeugt zu sein. Verstehen kann Sandra sie alle, wer im Recht liegt wird vom Film bewusst offen gelassen. Gerade die Bindung an die Hauptfigur wird immer wieder in Frage gestellt, am meisten von ihr selbst. Was ist, wenn sie wirklich nicht für ihre Arbeit geeignet ist? Bringt sie andere um ihr wohl verdientes Geld? Sorgt sie für Ärger und Missgunst unter den Angestellten? Die frisch Entlassene zieht von Kollege zu Kollege, eine Art perverse Schnitzeljagd, um eine ausreichende Mehrheit für sich zu gewinnen. Deren Reaktionen reichen von Tränen der Erleichterung und Unterstützung über Zweifel bis hin zu offener Feindseligkeit. „Ich habe nicht gegen dich gestimmt, sondern für meinen Bonus.“, fasst einer das Dilemma zusammen, das wohl allen gemein ist.

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Schon die Bilder von Kameramann Alain Marcoen drücken den Keil zwischen Sandra und ihren Mitmenschen aus. Mal trennt ein Stück Schrott den Bildrahmen, mal die Seitenkante eines Hauses oder zwei unterschiedliche Mauerstücke – die Welt selbst, ein alles ordnendes Prinzip, scheint die Menschen auseinander zu treiben. Lange Einstellungen drücken eine permanente Anspannung aus, die nie ganz zu verschwinden scheint. Die Angestellte haben den allgegenwärtigen Wettbewerb internalisiert, und jeder Dialog kann nur noch unter diesen Vorzeichen stattfinden. Max Weber versteht unter Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ Jean-Pierre und Luc Dardenne zeigen unsere Gesellschaft als ewigen Machtkampf. Selbst das Wochenende, eigentlich die Tage, die Arbeiterbewegungen über die Jahrhundert als Freiraum erkämpft haben, ist hier nur eine Aneinanderreihung von Konfrontationen.

Die Arbeit erobert langsam jede wache Minute. Immer wieder durchdringen schrilles Handyklingeln, Autohupen oder Baustellenlärm die ansonsten gänzlich musikfreie Filmwelt. Oft sieht man Sandras Kollegen nicht, sondern kann ihre Dialoge lediglich übers Handy erahnen. Oder hört sie nur über eine Gegensprechanlage. Zwei Tage, eine Nacht zeigt die Frustration der isolierten Einsamkeit einer digitalen Ära mit einfachsten Mitteln – effektiver als Filme wie Transcendence, intensiver als Her.

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Doch am meiste hat Sandra mit sich selbst zu kämpfen. Die Depression scheint noch nicht ganz überwunden. Die leicht zitternde Handkamera stellt auch ihre innere Unsicherheit dar, Sandra steht immer kurz vor dem Aufgeben. Marion Cotillard schafft Empathie, jedes flüchtige Lächeln will man erwidern. Jedes noch so kleine Erfolgserlebnis begeistert, jeder Rückschlag wird zur gewaltigen Last. Ihr Freund Manu (Fabrizio Rongione) ist ihre einzige Stütze. Nur vor ihm lässt sie die Fassade freiwillig Fallen, die sie permanent aufrecht erhalten muss und gibt sich ihrer Verzweiflung offen hin. Liebe ist hier der Ort, an dem man Schwäche zeigen kann. Mit ihm verlebt sie den einzigen Moment des Films, in dem der permanente Lärm des Alltags für kurze Zeit verschwindet. Sandra weiß jedoch, wie brüchig ihre Beziehung ist. Kein Wunder, denn nicht nur ihre Umwelt und ihr Sozialleben, sondern gleich ihre ganze Existenz scheint in der Auflösung befindlich. Wer sich „eine Existenz aufbaut“, der spricht vor allem vom Geld verdienen, vom beruflichen Erfolg und von der damit einhergehenden Sicherheit. Kaum etwas ist so stark mit der eigenen Identität verwoben wie der Beruf. Sandra hat Angst, nichts zu werden, sondern statt dessen Nichts zu werden.

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Die Inszenierung des Films ist, wie eigentlich immer bei den Dardennes, sehr unaufgeregt. Große Momente, die in Hollywood nach ganzen Streichorchestern und langsamen Kamerazooms auf Gesichter verlangen würden, werden hier mit großer Beiläufigkeit eingefangen. Dramatische Ereignisse und der alltägliche Einkauf verdienen hier die selbe Aufmerksamkeit, jede Facette des Menschseins ist von gleichem Wert. Der aus ihrer Dokumentarfilm-Vergangenheit entstandene Sozialrealismus der Regisseure kämpft nicht nur für eine Gleichheit zwischen den Menschen, sondern auch für eine Gleichwertigkeit der Bilder.

Zwei Tage, eine Nacht ist ein Film von großer Eleganz, einfach aufgebaut und gerade durch diese Klarheit im Ausdruck zutiefst bewegend. Das Kurt Tucholsky begeistert gewesen wäre steht ganz außer Frage.

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