Rezension: Plötzlich Gigolo

Plötzlich Gigolo - Fading GigoloWer will kann in amerikanischen Supermärkten ein Produkt mit dem wohlklingenden Namen „I can’t belive it’s not butter!“ erwerben. Laut Werbespruch ist es genau wie Butter, nur ohne Kalorien, ohne Fett und ohne Cholesterin. Plötzlich Gigolo von John Turturro könnte auch „I can’t belive it’s not a Woody Allen Movie!“ heißen. Denn auf den ersten Blick ist alles da, was die Filme des Regisseurs ausmacht – New York, Jazz, Witze über das Judentum, Beziehungen und Neurosen. Sogar Allen selber ist mit von der Partie. Also alles genau wie bei seinen Filmen – nur ohne Seele, Tiefgang, und Eigenständigkeit.

Alles fängt damit an, dass die Dermatologin Doktor Parker (Sharon Stone) ihrem Patienten Murray (Woody Allen) erzählt, dass sie und eine Freundin (Sofia Vergara) Lust auf ein gemeinsames ménage à trois haben. Das Einzige was fehlt ist ein williger Mann. Murray muss sofort an seinen Freund Fioravante (John Turturro) denken. Beide verbindet ihre prekäre Lage, Allens Figur hat gerade seinen traditionsreichen Buchladen schließen müssen, Fioravante hält sich mit seiner Arbeit in einem Blumenladen gerade so über Wasser. Ein kleiner Nebenverdienst als Gigolo und (in Murrays Fall) Zuhälter kommt gerade recht.

Was folgt ist altbekannt und erwartbar. Zunächst sind alle beteiligten glücklich, von den diversen Damen bis hin zu den frischgebackenen Geschäftskollegen. Erstaunlicherweise wirkt die von John Turturros gespielte Figur, in einem Film von John Turturro, nach einem Drehbuch von John Turturro auf Frauen äußerst anziehend und befriedigt sie im Bett; mehrfach, versteht sich. Doch die wenigsten Zuschauer werden sich an diesem filmischen, zumal fiktionalen, Zeugnis der Manneskraft des siebenundfünfzigjährigen Schauspielers wirklich erfreuen können. Einige vage selbstkritischen Sätzchen machen noch keine realistische Selbstdarstellung. Knapp 30 Millionen Dollar hat der Film gekostet – eine geleaktes Sextape wäre wohl günstiger gewesen und hätte dieselbe Aussage gehabt. Vorausgesetzt, Fakt und Fiktion stimmen hier überein. Hoffentlich werden wir es nie erfahren.

Plötzlich Gigolo - Fading Gigolo: Im Blumenladen

Natürlich stößt Fioravante (dessen Namen im italienischen übrigens „Die Blume lebt weiter“ bedeutet) irgendwann auch auf Komplikationen – irgendetwas muss im Film ja auch passieren. Zum einen wäre da eine Nachbarschaftswache, die dem Treiben der Kuppler Einhalt gebieten will. Zum anderen, wer hätte es gedacht, verliebt sich der Gigolo irgendwann in eine seiner Kundinnen. Es handelt sich um Avigal (Vanessa Paradis), die Witwe eines verstorbenen Rabbis. In die Handlung eingeführt wird sie durch ein Beispiel bemerkenswerter Drehbuchkunst: Murray lebt mit einer afroamerikanischen Frau (Tonya Pinkins) und ihren Kindern zusammen. Ob er für sie ein Vaterfigur, ein Liebhaber oder beides ist, bleibt im Dunkeln – aber diese Unterscheidung ist bei Allen ja auch im Privatleben oft schwierig… Auf jeden Fall wird eines der Kinder von Kopfläusen befallen. Avigal hilft aus. Darin erschöpft sich übrigens auch der narrative Zweck von Murrays Familie. Elegantes Geschichten erzählen sieht anders aus.

Natürlich ist Avigal anders als die anderen Frauen. Seit dem plötzlichen Ende ihrer Ehe unberührt, verzehrt sie sich innerlich fast nach körperlicher Nähe, umhüllt sich nach außen aber mit einem Schutzwall religiöser Verhaltensregeln. Diese bekommen Gestalt in dem Kopftuch und der Perücke, die sie trägt. Allgemein ist Plötzlich Gigolo in seinen Metaphern wenig subtil: Der Geschlechtsakt zwischen zwei Partnern wird einmal nicht direkt gezeigt, aber durch einen heißblütigen Tanz dargestellt – was albern wirkt, wenn man bedenkt, dass der Tanz an sich doch ohnehin schon der bewegter Ausdruck zwischenmenschlicher Erotik ist. Ein Rose ist eine Rose ist eine Rose, Turturro weiß um diese Tatsache und stellt Fioravantes Abenteuer und seine aufkeimende Beziehungen immer wieder seiner Arbeit als Florist gegenüber. Als die Gefühle über das Paar hinein brechen filmt Kameramann Marco Pontecorvo die beiden in einem Karussell. Um es mit Robert Zemeckis Contact zu sagen: They should have sent a poet. Dann wären uns solche Plattitüden wohl erspart geblieben.

Plötzlich Gigolo - Fading Gigolo: Massage

Auch wenn sich hier alles um Erotik und Liebe dreht (wie das Karussell) ist die Atmosphäre spröde und geriatrisch. Sex war selten langweiliger, die teuren Loftwohnungen wirken unbelebt und kulissenhaft. Der Central Park ist zwar passend zum Herbst des Lebens, in dem sich viele der Darsteller befinden, voll mit bunt gefärbtem Laub, die Bilder des Films sind aber nie mehr als der sehnsüchtige Blick in New Yorks Vergangenheit. Die Jazz- und Klassikstücke von unter anderem Sinatra, Bernice Petkere oder Jose Padilla dudeln ohne jede Konsequenz im Hintergrund.

Der Film versteht sich als RomCom für Intellektuelle, tatsächlich ist er jedoch näher an Rob Schneiders Deuce Bigalow als an Manhatten oder Pretty Woman. Nur Woody Allens Präsenz und einige Lacher retten Plötzlich Gigolo vor der Katastrophe. Am Anfang dieses Textes wurde der Film ja bereits mit Brotaufstrich verglichen, Komplimente waren also ohnehin nicht zu erwarten.

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